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Beim Trommeln bekommen sie den Kopf frei

Von: Heike Eisenmenger
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Bringt mit einem Trommelritual übersättigte Manager zurück auf den Boden der Tatsachen: Wilfried Kemper (vierter von links) vom freien Indianerstamm. Foto: H. Eisenmenger

Stolberg-Zweifall. Auch als Indianer muss man seine Brötchen verdienen. Wilfried Kemper tut das, indem er vom Konsum übersättigte Führungskräfte „wieder auf Spur bringt”. Wie der Name bereits vermuten lässt, stammt Kemper nicht von den Ureinwohnern Amerikas ab.

Genetisch ist der 53-Jährige mit den langen silbernfarbenen Haaren kein Indianer, wohl aber mit dem Herzen. Kemper ist einer der aktiven Teilnehmer des 24. „Internationalen Country- und Musicfestivals” im Zweifaller Wald am Wochenende. Zwei Tage lang ließen Indianer, Trapper, Kavallerie-Soldaten und Siedler den Mythos vom „Wilder Westen” auferstehen.

Im Gegensatz zu den meisten hier, ist Kemper kein Freizeit-Indianer. „Wir sind keine Hobbyisten, sondern Aktivisten”, weist Kemper, der von seinen Freunden „Der-der-in-Frieden-campt” gerufen wird, auf den feinen Unterschied hin.

Mit kitschigen Indianerfiguren können Kemper und seine Freunde, die sich zu einem freien Sioux-Stamm zusammengeschlossen haben, wenig anfangen. Für ihn bedeutet „Indianersein” kein Winnetou-Gehabe, sondern ein Leben im Einklang mit der Natur.

Die Philosophie der Indianer, der Natur nur das wegzunehmen, was zum Leben nötig ist, versucht er im Comupterzeitalter umzusetzen - ohne Kompromisse geht das freilich nicht. „Ich wohne fast das ganze Jahr über im Tipi. Nur im Winter ziehen wir in die Wohnung, weil die Kinder rebellieren”, lacht Kemper.

Kemper hat sich intensiv mit der Geschichte der Indianer und der Besiedlung Amerikas auseinandergesetzt. Er hängt keinem längst verlorenen Menschheitstraum nach, sondern versucht im Alltag nach Regeln der Indianer zu leben. „Unsere Vorfahren haben auch einst im Einklang mit der Natur gelebt. Nur die Tier- und Pflanzenwelt ist unterschiedlich: Die Indianer hatten den Puma, wir den Luchs”, sagt Kemper

Aus seinem alten Leben als Systemingenieur verabschiedete sich Aktivist vor vier Jahren. „Es kam der Punkt, da habe ich mich gefragt: Was tust Du hier überhaupt? Ich sah keinen Sinn mehr in meiner Arbeit und bin den Notausgangschildern gefolgt, bis ich endlich im Freien stand und wieder durchatmen konnte.”

Seinen Lebensunterhalt verdient er seither mit dem „Erden von Managern” und besucht Kindergärten sowie Schulen, um der Jugend die Lebensweise der Indianer näher zu bringen. Managern gegen Bezahlung zu zeigen, wie man Feuer macht, das ist für ihn kein Widerspruch.

„Da das Jagen hier nicht möglich ist, muss ich nach Alternativen suchen.” Abgesehen von der Notwendigkeit, sieht er einen Sinn darin, Führungskräften dabei zu helfen, den Blick wieder auf das Wesentliche zu lenken. „Denken Sie an die Finanzkrise: Sie steht für die ungesunde Einstellung und das Ungleichgewicht in der Gesellschaft.” Um Gleichgewicht zu finden, ist die Kanu-Übung wichtig. „Im Kanu müssen Führungskräfte lernen, die Balance zu halten. Das gelingt am Anfang kaum einem”, erzählt der Mann aus Viersen.

Auch sein Stammesbruder „Running Wolf” lässt sich von Kemper „erden”, wenn er mehrere Tage ohne Zugang zu seinem Stamm war. „Wir trommeln gemeinsam, und ich merke, dass ich dank des Rituals langsam wieder runter komme und den Kopf frei kriege”, beschreibt es der 48-Jährige mit dem Haarkamm auf dem Kopf. Über das Dasein der Indianer in Reservaten machen sich Kemper und seine Stammesbrüder keinerlei Illusionen. „Viele Indianer sind dem Alkohol verfallen und schämen sich ihrer Vorfahren”, so Kemper. „Verglichen damit, sind wir mehr Indianer als diese Menschen”, sagt er traurig.

Sein Traum ist ein Indianerdorf mit mehreren Tipis. Die Ironie ist, dass für das Aufstellen eines Tipis eine Baugenehmigung nötig ist. Die Auflage der Bauaufsicht ist für den Familienvater eine Beschneidung seiner Freiheit. Damit muss er sich abfinden, das weiß er.

Zum Freundeskreis der vereinigten Indianerstämme gehört auch Peta Monutain. Er ist ein „Squawman”. Ein Squawman ist ein Weißer, der nach den Regeln der Indianer lebt und in ihre Gemeinschaft aufgenommen wird. Es gab sogar welche, die den Status eines Verwandten erreichten. „Eigentlich ist Squawman ein Schimpfwort, eine Erfindung der Weißen”, erklärt der 58-Jährige, der mit seiner vietnamesischen Ehefrau Jung Perlenbänder nach indiansicher Machart auf dem Festival anbietet.

Was ihn und seine Frau an ihrem Hobby so fasziniert, ist der Zusammenhalt in der Gemeinschaft. „Für mich ist das eine Lebensweise”, sagt Peta Mountain ernst. Wilfried Kemper ruft derweil seine Stammesbrüder zum Trommelritual zusammen. Der eintönige Klang der Trommel beruhigt. Zum Abschied drückt er die Hand, sagt „Hoka Hey”. Das bedeutet so viel wie „Es geht weiter, schau nach vorn”.
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