Bei Sucht spielt der soziale Status keine Rolle

Von: Annika Thee
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Rund 15 Prozent der Jugendlichen zeigen nach Angaben der Suchtberatung in der Städteregion ein „riskantes Verhalten“ beim Umgang mit neuen Medien und Smartphone auf. Foto: Imago/Felix Abraham
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Hatten auch 2016 wieder viel zu tun: Elke Koch und Wolfgang Hundt von der Suchtberatungsstelle in Eschweiler. Foto: Annika Thee

Städteregion. Die 13 Mitarbeiter der Suchtberatung Eschweiler (SBE) haben einen vollen Terminkalender. Viele von ihnen arbeiten sowohl hier als auch am Standort Alsdorf. Insgesamt betreuten die beiden Beratungsstellen, die im Auftrag der Städteregion vom Diakonischen Werk im Kirchenkreis Aachen betrieben werden, im vergangenen Jahr 1234 Klienten.

Die Angebote der Suchtberatungsstellen sind umfassend. Neben anfänglichen Beratungssitzungen gibt es unterschiedliche Formen der ambulanten Nachbehandlung, die an stationäre Therapien anknüpfen. „Die größte Herausforderung ist, beim Betroffenen die Motivation herzustellen, überhaupt eine Verhaltensänderung im Rahmen einer Therapie anzustreben und ein Problembewusstsein für die Sucht zu entwickeln“, berichtet Wolfgang Hundt, Leiter der Beratungsstelle in Eschweiler.

Aber was genau ist eigentlich eine Sucht? „Sucht ist eine Abhängigkeitserkrankung, die sich durch Kontrollverlust und Gier nach dem Suchtstoff ausdrückt“, erklärt Hundt, der seit 1981 ausgebildeter Sozial- und Suchttherapeut ist. Trotz der negativen Konsequenzen, die mit der Sucht einhergehen können – Verlust des Arbeitsplatzes, gescheiterte familiäre oder partnerschaftliche Beziehungen, drohende Amputation von Körperteilen – könnten die Betroffenen in der Regel nicht aus eigener Kraft mit dem Konsum der Droge aufhören.

Der oder die Abhängige betreibe einen erheblichen Zeit- und Geldaufwand für die Beschaffung der Droge, so dass jedes Interesse für Freizeit oder Teilhabe am gesellschaftlichen Leben weiche. „Dazu kommen noch die körperlichen Symptome wie Herzrasen, starkes Schwitzen oder eine Wesensveränderung, sobald der Suchtstoff nicht mehr verfügbar ist“, fügt Hundt hinzu. „Sucht macht nicht vor sozialem Status halt“, erklärt der Leiter der Beratungsstelle. Zu ihm kämen sowohl Immobilienhändler und Bankberater als auch Menschen ohne ständigen Wohnsitz.

Sie alle hätten eins gemeinsam: „Sucht ist eine Beziehungserkrankung. Eine Beziehungserkrankung zu sich, zu anderen und schließlich auch zu dem Suchtstoff.“ Und: „Sucht breitet sich aus, wo nicht gesprochen wird. Sie lebt vom Schweigen“, fasst Wolfgang Hundt die Hauptproblematik der Abhängigen zusammen.

Menschen, die von sogenannten Szene-Drogen wie Crystal Meth oder „Krokodil“ abhängig sind, machen nur einen Bruchteil der Klienten der Suchtberatung aus. Vielmehr spiegele die Art der am häufigsten konsumierten Drogen den gesellschaftlichen Wandel wieder: „Früher haben die meisten Menschen nach einem sedierenden Stoff gesucht, um sich vom Alltag abzulenken und runterzukommen“, erklärt Wolfgang Hundt. „Heute nehmen Abhängige zunehmend aufputschende Mittel, um dem Körper mehr Leistung abverlangen zu können.“

Elke Koch ist in der Präventionsarbeit tätig und besucht Kinder- und Jugendeinrichtungen und Schulen, um über Drogen und Abhängigkeit aufzuklären und so dem Konsum vorzubeugen. Im Arbeitskreis Suchtprävention kooperiert Koch eng mit Jugendämtern, Schulen, Kitas, Jugendhilfeeinrichtungen und der Suchthilfe Aachen.

Cannabiskonsum steigt

Der Cannabiskonsum bei Jugendlichen steigt seit 2011, so Koch. Etwa ein Viertel der jungen Menschen zwischen zwölf und 25 Jahren habe bereits Cannabis ausprobiert, 2,6 Prozent von ihnen kifften regelmäßig. Außerdem nutzen Kinder und Jugendliche zunehmend die neuen Medien, was für ein neues Arbeitsfeld sorgt.

„5,8 Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren nutzen sie sogar exzessiv, etwa 15 Prozent weisen diesbezüglich ein riskantes Verhalten auf“, fasst Elke Koch zusammen. Allerdings gebe es für diese Art von Sucht bisher noch kein anerkanntes Diagnoseverfahren. „Die Zahlen sind deshalb etwas schwammig.“

Wichtig sei, dass die Suchtberatung diese Entwicklung nicht schlechtrede, sondern die Gesellschaft zu einem vernünftigen Umgang mit den neuen Medien anrege und Familien dazu aufrufe, zwischenmenschliche Kommunikation stärker zu betonen, um diesen Trend auszugleichen. Die Präventionsarbeit von Elke Koch findet daher schon in den Grundschulen statt.

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