Aus der Begeisterung für den Krieg wird immer mehr Ablehnung

Von: Dirk Müller
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Stolberg. „Hoffentlich komme ich ... auf ein paar Monate ins Feld”, schreibt im November 1914 der begeisterte Freiwillige Hermann Boeddinghaus seinem Vater in die Heimat nach Stolberg.

Schon im Januar 1915 freut sich der 16-Jährige in einem Brief: „Jetzt sind wir nun endlich in Feindesland. Mir geht es natürlich ausgezeichnet.”

Am 28. Mai 1898 wurde Hermann Boeddinghaus in der Atsch, damals noch zu Eilendorf gehörend, geboren. Sein Vater, Dr. Walther Boeddinghaus, war Abteilungsleiter bei der Chemiefabrik Rhenania und gemeinsam mit ihm, seiner Mutter Martha Hedwig und seinen Geschwistern Dorothea und Werner wuchs er behütet in einer Jugendstilvilla in der Atsch auf. Nachdem er im Stolberger Gymnasium an der Versetzung scheiterte, wechselte er im April 1914 auf das Alumnat in Trachbach/Mosel, um dort das Abitur zu machen.

Im August des selben Jahres jedoch meldete Hermann sich als Kriegsfreiwilliger. Während des gesamten 1. Weltkrieges von 1914 - 1918 schreibt er mehr als 400 Briefe an die Eltern, die als zusammenhängendes Tagebuch ein authentisches wie grausames Zeugnis der Kriegszeit ablegen. Die von den Eltern aufbewahrten Briefdokumente wurden von Hermanns Kindern Dr. Gerhard Boeddinghaus und Dr. Ingrid von der Dollen abgeschrieben und sind jüngst im KAT-Verlag erschienen.

Zog der junge Boeddinghaus noch voller Enthusiasmus in den Krieg, ändert sich mit der Zeit seine Einstellung. In seinen Briefen an die Eltern wankt er zwischen der Glorifizierung und der Ablehnung des Offizierberufs. „Für einen anderen Beruf eigne ich mich gar nicht”, schreibt er noch 1915 seinem Vater. Ein Jahr später teilt er ihm mit, dass ihm „der stumpfsinnige Offiziersberuf nicht behagt” und er nach dem Krieg einen technischen Beruf erlernen wolle. Boeddinghaus kritisiert mangelnde Tapferkeit und Kameradschaft unter den Soldaten und beklagt, nicht zügig genug befördert zu werden. Sein romantisches Ideal vom Kriegshelden wird zusehens von der Realität eingeholt. „Das ist doch kein Beruf, der einen einigermaßen anständigen Menschen befriedigen kann”, schreibt er im Oktober 1916 nach Stolberg.

Auch die grausame Wirklichkeit des anhaltenden Stellungskrieges im Schützengraben zermürbt den Freiwilligen. 1917 kommentiert er: „Der Krieg dauert entschieden zu lange” und beschreibt: „Man kann sich gar nicht vorstellen, was es heißt, ... bis zum Bauch im Wasser zu stehen und unter schwersten Verlusten im stärksten Granatfeuer zu liegen.” Immer öfter betitelt er den Krieg als „Schweinerei” und resümiert im Brief vom 8. Dezember 1917: „Ich bin doch ein furchtbarer Esel gewesen, dass ich mich damals freiwillig gemeldet hatte...”

Nach Ende des 1. Weltkrieges entscheidet sich Boeddinghaus gegen die Offizierslaufbahn. Er absolviert 1919 ein Praktikum bei der Stolberger Rhenania und beginnt ein Studium an der RWTH Aachen. 1926 heiratet er Luise von Asten, die Tochter des Max von Asten aus der Stolberger Kupfermeisterfamilie.

1934 schreibt er: „Hurrah! Die Einberufung ist da. Die Freude ist natürlich riesengroß!” Am 21. September 1941 fällt Hermann Boeddinghaus in Russland, sein Soldatengrab ist heute nicht mehr zu lokalisieren. Sechs Wochen später kommt seine Tochter Ingrid zur Welt.
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