bullyparade kino freisteller bully herbig tramitz kavanian

Aus dem Hörsaal in den Stolberger Himmel

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:
segel_2sp
Einstieg zum nächsten Ausbildungsflug: Professer Dr. Peter Dahlmann geht hier mit Karolin Kissner in die Lüfte.

Stolberg. Nur kurz wird man ein wenig durchgeschüttelt, weil die Grasnarbe in Diepenlinchen nicht ganz so eben ist wie der Betonpiste von Heathrow Airport. Aber nach ein paar Metern schwebt die „Professor Sann” schon frei über dem Boden, gleitet sanft durch die Lust und ist keinen Kilometer weiter von der 380 PS starken Startwinde auf 300 Höhenmeter gezogen.

Mit einem letzten Klacken klinkt das Stahlseil aus und gleitet an einem kleinen Fallschirm zu Boden. Dann bleibt man mit dem sanften Rauschen des Windes, den Wolken, der Stille, dem Ausblick und seinen Gedanken an Schönes allein im Himmel über Stolberg. Der Traum vom Fliegen wird wahr - hautnah und unmittelbarer als es jeder Urlaubsjet bieten könnte.

Dieser Traum wird in Stolberg Realität für 20 Studierende der Aachener Fachhochschule dank einer neuen Kooperation mit Luftsportverein Stolberg (LVS), der bereits 1959 den Segelflugbetrieb auf Diepenlinchen aufnahm. „Summer School Flying Practice”, nennt Professor Dr. Peter Dahmann das zweiwöchige Schnupperangebot an seine Kommilitonen, das der Dekan des Fachbereiches Luft- und Raumfahrttechnik angesichts der großen Resonanz sicherlich noch hätte vervielfachen können, „aber auch meine Kapazitäten sind begrenzt”, bedauert Dr. Dahmann.

Denn der Professor ist begeisterter Segelflieger, Mitgleid im Stolberger Verein und steigt selbst ins Cockpit der Kunstflug tauglichen „ASK21 D-5589”, um den Studierenden in Stolberg die Kunst des Segelfliegens zu vermitteln.

„Weil wir selbst nur drei Ein- und einen Doppelsitzer haben, haben uns befreundete Vereine Schulungsmaschinen zur Verfügung gestellt”, sagt LVS-Vorsitzender Thomas Rehermann. Über ein halbes Dutzend Mann ist die Crew stark, mit der der Stolberger Verein den Flugbetrieb der Studenten ermöglicht.

Fluglehrer, Bedienungspersonal für die Startwinde und Fahrer für die Fahrzeuge, die die ausgeklinkten Stahlseile wieder zum Start ziehen, werden benötigt. Und natürlich einen Flugleiter, der seinen „Tower” beim guten Wetter auf einer Holzbank im Abflugbereich aufgeschlagen hat und mit den Flugschülern über Thermik und Aerodynamik fachsimpeln kann.

„Klar will ich Fliegen”, sagt Daniel Blandfort. „Sonst würde ich ja auch nicht Luft- und Raumfahrttechnik studieren”. Die Herausforderung bei Start und Landung haben es dem Studenten ebenso angetan wie seinem Kollegen Christian Teichwart.

Und nicht zu vergessen die Formel-1 gerechte Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in drei, vier Sekunden beim Start.

Doch dieser Schnupperkurs ist für die Studierenden weitaus mehr als nur eine willkommene und traumhafte Abwechslung zwischen Vorlesungen und Praktika über Navigation, Physik, Mathematik, Dynamik, Luftrecht, Konstruktionslehre, Werkstoffe, Flugmechanik und vielem mehr.

„Der Flugkurs bedeutet Praxis”, erklärt Dr. Dahmann, dass das wiederum ein Vorteil für die Bachelor- und Master-Absolventen ist auf ihrem Weg in Industrie- und Luftfahrtkonzerne. Entsprechend gibt´s auch Pluspunkte im Studienplan.

„Klar will ich Fliegen”

Nicht nur, weil die angehenden Konstrukteure, Techniker, Ingenieure oder auch Verkehrsfluzeugführer schon einmal das am eigenen Leib erfahren können, was sich im Hörsaal nur hinter Formeln und Modellen verbirgt.

Sondern auch weil der Professor die Segelfliegerei im Kleinen als Wegbereiter für die große Luftfahrflotte sieht. Das Stichwort sind Leichtbaustoffe. Längst haben sie beim Segelflugzeugbau das einst bevorzugte Holz abgelöst.

Jetzt halten Verbundwerkstoffe und Kohlenstofffasern Einzug in die industrielle Entwicklung, um Aluminium & Co. im Wettbewerb um verbesserte Aerodynamik und noch günstigeren Energieverbrauch abzulösen.

So will beispielsweise Airbus die Tragflächen des Militärtransporters A400M aus Kohlenstofffaser verstärktem Kunststoff und beim neuen Langstreckenflieger A350 auch den Rumpf aus solchen Gewicht reduzierenden Werkstoffen fertigen.

Dass Studierende der FH Aachen einmal an solch entscheidenden Entwicklungen beteiligt sind, ist naheliegend. Rund 1100 Kommilitonen zählt der Fachbereich Luft- und Raumfahrttechnik. Mit gut jährlich 100 Absolventen stellt die Fachhochschule ein Fünftel in Deutschland.

„Und die Nachfrage nach Absolventen ist steigend”, unterstreicht der Dekan den guten Ruf seiner Fakultät in der Branche. Und die wisse sehr wohl die Qualifikation als Segelflugzeugführer zu schätzen, sagt Dahmann.

„Das ist im Kompaktunterricht in den gut zwei Wochen zu schaffen”, pflichtet Thomas Rehermann bei. Am Ende werden die Studierenden zum Alleinflug befähigt sein. Was dann nur noch fehle ist das Testat eines zweiten Fluglehrers sowie ein ärztliches Flugtauglichkeitszeugnis.

Der Luftsportverein Stolberg erhofft sich von der Kooperation mit der Aachener Fachhochschule, zusätzliche Vereinsmitglieder gewinnen und für den Sport begeistern zu können.

Jährlich um die 25 Flugschüler bildet der derzeit rund 100 Mitglieder starke Club aus. Dass die Hürden in der Prüfung hoch liegen zeigt die Tatsache, dass in letzter Zeit aber nur eine Handvoll Lizenzen erworben wurden.

Umgekehrt weiß die Fachhochschule die Vorteile des Stolberger Vereins zu schätzen: Weil der Betrieb auf dem Gelände Diepenlinchen im Vergleich zu einem regionalen Flugplatz wie Merzbrück überschaubar ist, und weil die Kosten des Seilwindenstarts in Relation zum Schleppflug deutlich günstiger und umweltfreundlicher ausfallen.

Und weil sich natürlich auch Dr. Peter Dahmann freuen würde, neue Flugkameradinnen und -kameraden in seinem Club auf Diepenlinchen begrüßen zu können.

Der Luftsportverein Stolberg im Überblick

Der Luftsportverein Stolberg gründete sich 1953. Vier Jahre später begann er das Segelfluggelände Diepenlinchen in Eigenleistung herzurichten.

1959 wurde der Flugbetrieb aufgenommen. Peu à peu wurden zwei Flugzeughallen und ein Vereinsheim errichtet sowie die Flugbetriebsfläche erweitert.

Im vergangenen Jahr wurde die anschließende luftrechtliche Zulassung als Segelfluggelände bei der Bezirksregierung erwirkt.

Neben der Segelfliegerei frönt der Luftsportverein auch dem Modellflug. Von den insgesamt 103 Mitgliedern sind 16 bis zu 18 Jahre alt.

1282 Flüge zählt die Statistik für das vergangene Jahr; dabei blieben die Stolberger 470 Stunden in der Luft. Davon entfielen 521 Flüge und 99 Stunden auf die Ausbildung.

Geflogen wird in der Regel von Ostern bis Anfang November, sofern es die Wetterlage zulässt, samstags von 13 bis 18 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen von 10 bis 18 Uhr.

Die Wintermonate dienen vor allem zur Pflege, Wartung, Instandsetzung und Herstellung von Fluggerät und Equipment.

Fünf Fluglehrer zählt der Verein in seinen Reihen; zwei weitere sind in der Ausbildung. Klassisches Schulungsflugzeug ist eine ASK 21 mit 17 Meter Spannweite.

Weiterhin stehen eine DG 101 mit einteiliger Haube, eine LS-3 der „alten Rennklasse” sowie eine Astir CS Jeans mit festem Hauptrad zur Verfügung.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert