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Auf den Spuren einer unsagbar reichen Stadt

Von: Dirk Müller
Letzte Aktualisierung:
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Die mutigen Leser und Autor Günter Krieger (4.v.l.) haben gerade den Omerbach zum zweiten Mal überquert – auf verschneiten Baumstämmen. Foto: D. Müller

Stolberg-Gressenich. So wie die Gruppe durch die verschneite Natur wandert, könnte man meinen, die zwölf Personen seien auf den Spuren der Inuit unterwegs. Doch es sind vielmehr Kelten, Römer und Franken, deren Fährte unsere Leser mit den Autoren Günter Krieger und Michael Kuhn folgen.

Das Segenskreuz am Gressenicher Ortseingang, an dessen Standort sich einst eine keltische Kultstätte befunden hat, ist der Startpunkt einer Reise in die Vergangenheit unserer Region und in die Welt der Sagen und Mythen.

„Wer in der Osternacht ein Ohr auf den Boden legt, kann die Glocken der untergegangenen Stadt hören“, beschreibt Krieger einen Teil der Legende um „Gression“. Die sagenhafte Stadt soll wegen ihres Reichtums und ihrer Größe einst unvergleichlich gewesen sein. „Der Untergang der Stadt ist als ein Strafgericht Gottes überliefert. Die Bewohner Gressions sollen ein zu lockeres Leben geführt haben“, berichtet Krieger. Die gewaltige Stadt soll einer kriegerischen Auseinandersetzung oder einer Sintflut zum Opfer gefallen sein. „Zu beiden Theorien passt ein altes Lied, das von einer großen Schlacht am ,Omerstrom‘ berichtet“, meint der Autor. Aus dem Strom ist ein Bach geworden – glücklicherweise, denn Teile der Gruppe überqueren den Omerbach heute zweimal. Auf den Feldwegen in Gressenich und Umgebung setzt immer wieder auch Michael Kuhn zu Erläuterungen an.

Handwerkersiedlung

Der studierte Historiker ist wie Krieger Autor historischer Romane, zudem Verleger und archäologisch tätig. „Die Römer haben hier seit der Eisenzeit bereits existierende Standorte genutzt. Eine größere Stadt lässt sich nicht nachweisen, aber zum Beispiel eine große Handwerkersiedlung“, sagt Kuhn und deutet auf eine schneebedeckte Ebene: „Dort befand sich nachweislich eine Fülle von Gehöften und Gütern, etwa alle 500 bis 1000 Meter eins.“ Der Reichtum des sagenhaften „Gressions“ könne plausibel vom Bergbau und den Bodenschätzen Galmei und Steinkohle herrühren. Die römische Blütezeit in der Umgebung Gressenichs sei Mitte des dritten Jahrhunderts zu Ende gewesen.

„Überreste aus der Spätantike findet man hier leider kaum“, bedauert Kuhn und benennt die Landwirtschaft als einen „natürlichen Feind“ der Archäologen. Tiefpflügen auf den Feldern oder der hohe Einsatz von Düngemitteln in den 70er Jahren hätten vielfach die Zeugnisse vergangener Zeiten zerstört.

Nach knapp eineinhalbstündiger Wanderung verweilt die Grup­pe, und Kuhn zeigt einen in mehrfacher Hinsicht besonderen Platz: „Hier haben Ausgrabungen eine römische Villa zutage gefördert, gleich gegenüber verhüllt der Schnee ein weiteres Bodendenkmal: ein römisches Badehaus.“

Unsere Leser Fatima und Ulrich Küsters lauschen Kuhns Ausführungen gebannt. Das Paar gehört zu den „Exoten“ in der Gruppe, denn sie leben nicht in Gressenich, sondern in Büsbach. „Wir sind fasziniert von der Sage um Gression und kennen Gressenich noch nicht so gut, daher haben wir das Angebot der Zeitung sehr gerne wahrgenommen“, sagt Fatima Küsters.

Seinem Rucksack hat Günter Krieger derweil Unterlagen entnommen und weiht die Leser in die literarisch-historische Besonderheit des Ortes ein, denn bei der alten Römervilla treffen reale Geschichte und aktuelle Fiktion aufeinander: Hier beginnt Kriegers neue Roman-Trilogie um „Richarda von Gression“, deren erster Teil „Die Visionärin“ erst am 15. März erscheinen wird.

Für unsere Abo-plus-Kunden liest der Autor vorab aus dem ersten Kapitel des Buches, in dem die fiktive „Ricarda, die Königin von Gressiona“ im fünften Jahrhundert in eben dieser realen Villa lebt. Das Anwesen wird aber zerstört – durch die Hunnen. Künstlerische Freiheit, wie Krieger betont, und auch Kuhn äußert Vorbehalte: „In der Geschichte sagt man den Hunnen gerne alles Schlechte nach, aber dass sie wirklich hier in Gressenich waren, bezweifle ich.“ Das restliche zugrunde liegende Szenario in Kriegers mittlerweile 17. Roman hält er allerdings für „nicht unwahrscheinlich“. Als feindliche Invasoren, die „Gression“ den Garaus gemacht haben könnten, kommen für Kuhn aber eher die Franken infrage.

Oder waren es die Wikinger?

„Vielleicht sind ja auch die Wikinger über den Omerbach gekommen“, meint Robert Keidel. Der Eschweiler ist bei den Stolberger Burgrittern als Bogenbauer aktiv und verteidigt seine „Wikinger-Theorie“: „Es ist doch belegt, dass die Nordmänner im neunten Jahrhundert auch in Aachen brandschatzten. Sie müssen ja nicht unbedingt über den Omerbach nach Gressenich gekommen sein.“

Krieger liest vor, wie die Handlung seines neuen Buches einen Zeitsprung macht: Im Jahre 984 erblickt die Protagonistin der Trilogie, „Richarda von Gression“, das Licht der Welt in einer Klause, die an jenem Platz steht, der einst die römische Villa beherbergte und heute von den Teilnehmern unserer Leser-Tour ehrfürchtig bestaunt wird.

Nach weiteren literarischen Kostproben nehmen einige von ihnen Kriegers Angebot wahr und lassen sich von seiner Ehefrau Agnieszka, die ihr Auto in der Nähe abgestellt hat, zurück zum Ausgangspunkt fahren. Fünf andere Leser folgen Krieger auf einer leicht abenteuerlichen Route über die Felder zurück. Unter ihnen Peter Dobbelstein, der älteste Teilnehmer der Tour. Auf verschneiten Baumstämmen überquert er mutig ein zweites Mal den Omerbach. Der 77-Jährige ist in Gressenich geboren und konnte viele seiner bereits vorhandenen Kenntnisse der Geschichte des Orts und der Sage um „Gression“ auffrischen. „Noch mehr Spaß gemacht hat mir aber, dass ich auch viel Neues erfahren habe“, sagt Dobbelstein die Restgruppe nach knapp zweieinhalb Stunden zurück am Segenskreuz angelangt ist.

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