Wissenschaftsstadt hinkt mit freien Internetzugängen hinterher

Von: Gerald Eimer
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Wer am Hauptbahnhof im Internet surfen will, kann zwar künftig den kostenlosen Hotspot von der Telekom nutzen, muss sich aber sputen. Denn nach 30 Minuten ist Schicht im Netz. Von da an geht‘s nur kostenpflichtig weiter. Und geschützt sind die Daten auch nicht. Foto: Harald Krömer

Aachen. Ist das Internet für das moderne Leben so wichtig wie Wasser oder Strom? Viele deutsche Städte beantworten diese Frage inzwischen mit Ja und haben kostenfreie öffentliche Internetzugänge geschaffen. Doch ausgerechnet die Wissenschaftsstadt Aachen hinkt dieser Entwicklung bislang deutlich hinterher.

Wer hier kostenlos mobil surfen will, ist in aller Regel auf die rar gesäten Hotspots in Gaststätten oder Hotels angewiesen. Und bald kommt ein weiterer am Hauptbahnhof hinzu. Der Aachener Bahnhof sei damit einer von den zukünftig 125 Bahnhöfen, die über einen kostenlosen WLAN-Zugang verfügen, verkündete jüngst das Presseamt der Stadt einigermaßen stolz.

Doch genau diese Meldung illustriere das ganze Dilemma, ist Piratenmitglied Michael Sahm überzeugt. „Dünnes Angebot, dick beworben“, schreibt er und zeigt die Kehrseite des geplanten Hotspots am Hauptbahnhof auf.

Zunächst registrieren

Denn um sich dort ins Internet einzuwählen, muss man sich beim Anbieter Telekom zunächst registrieren. Anschließend hat man täglich 30 Minuten Zeit, um online zu gehen. Danach wird die Verbindung getrennt oder man muss kostenpflichtig weitersurfen.

Besonders nutzerfreundlich sei das nicht, findet Sahm, zumal auch er – wie viele Kritiker solcher zeitlich limitierten Hotspots – vermutet, dass das Angebot eher in die Kategorie versteckter Kundenakquise fällt. Gut denkbar sei es, dass die Telekom ihren Exklusivvertrag mit der Bahn nutzt, um Kunden anderer Netze mit gezielter Werbung anzulocken.

Bei allem Jubel über das neue WLAN-Angebot am Hauptbahnhof vermisst Sahm zudem warnende Hinweise zum Datenschutz. Wer dort mit Smartphone oder Laptop keine Verschlüsselungssoftware nutzt, geht das Risiko ein, dass Fremde E-Mails oder Facebook-Mitteilungen mitlesen können, warnt er.

Dass es bessere Lösungen gibt, zeigen Städte wie München, Düsseldorf oder Pforzheim, aber auch Initiativen wie der Verein Freifunk Rheinland, der auch in Aachen mit einer sogenannten Freifunkzelle vertreten ist. Erklärtes Ziel der Freifunker ist es, ein möglichst flächendeckendes Netz von WLAN-Routern zu schaffen, über die sich die Nutzer kostenlos und ohne Anmeldung einwählen und untereinander austauschen können.

Weil keine Konzerne mit kommerziellen Interessen dahinter stehen, werden solche freien Netze auch als Bürgerdatennetze bezeichnet. Bislang sind es insbesondere Wirte im Hochschulbereich, die ihre Router zur Verfügung stellen. Eine genaue Übersicht über solch kostenlose Zugangspunkte existiert offenbar nicht, sie werden aber als Freifunkrouter vom Smartphone erkannt und angezeigt.

Nur ein Nebenthema

Die Stadt Aachen überlasst den Aufbau öffentlicher Internetzugänge bislang vor allem kommerziellen Anbietern und privaten Initiativen. Als Teil der Daseinsvorsorge betrachtet sie es selbst bislang offenbar ebenso wenig wie die meisten etablierten Parteien, in denen das Thema entweder noch gar nicht angekommen ist oder nur ein Nebenthema für Freaks zu sein scheint.

SPD-Internetexperte Michael Servos, der in Aachen zu den prominentesten Fürsprechern kostenfreier öffentlicher Internetzugänge gehört, erklärt sich dies auch mit der Angst der Stadtverwaltung vor der Providerhaftung: Weil der jeweilige WLAN-Betreiber etwa für illegale Downloads haften muss, bremse dies den Enthusiasmus der Verantwortlichen.

Der vermutlich ab April zugängliche Hotspot am Hauptbahnhof ist für Servos zwar „besser als gar nix“, er könne aber auch aus seiner Sicht nicht als der Weisheit letzter Schluss gefeiert werden. Wie Sahm, der sich von der Stadtverwaltung eine stärkere Unterstützung der Freifunker wünscht, plädiert auch Servos für den Aufbau eines stadtweiten kostenlosen WLAN-Verbundnetzes.

„Mobile ACcess“ heißt das Konzept, an dem seit mehreren Jahren die RWTH arbeitet, und das laut Servos „de facto nichts anderes als Freifunk ist“. Gedacht ist an ein Netz von Routern, das in öffentlichen Gebäuden wie Schulen, Behörden, Bahnhöfen, Bibliotheken und sogar Ampel- und Laternenmasten untergebracht werden könnte. „Das ist die Freifunk-Idee, aber mit einem Sicherheitsanteil“, sagt Servos.

„Mobile ACcess“ könnte tatsächlich eines Tages eine Internet-Grundversorgung in Aachen sicherstellen. Noch aber scheint dies nur eine interessierte Minderheit für notwendig zu halten.

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