Wenn Jung und Alt wieder Hand in Hand gehen

Von: Nadine Preller
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Wie dem demografischen Wandel
Wie dem demografischen Wandel begegnen? Antworten gabs gestern auf dem „Markt der Möglichkeiten” im Stolberger Zinkhütter Hof, der jetzt alle zwei Jahre in der Städteregion stattfinden soll. Fotos N. Preller (7) Foto: Preller (7)

Stolberg. Im Kochtopf brutzelt der Eintopf vor sich hin, Omi wippt gemütlich im Schaukelstuhl auf und ab, während die Enkel ihr zu Füßen liegend den Geschichten aus alten Tagen lauschen. Draußen treibt der Vater mit den großen Jungs das Vieh von der Weide, Mutter macht sich derweil mit Stricknadeln bewaffnet an die zehnten dicken Wintersocken.

Solche Bilder passen wohl eher noch in ein Bullerbü-Märchen à la Astrid Lindgren, in der heutigen Zeit sind diese Vorstellungen einer heimischen Familienidylle doch wohl mehr als überholt. Die Enkel studieren irgendwo da draußen in der Welt, ziehen zur Ausbildung in eine weit entfernte Stadt. Die Großeltern wandern in ein Seniorenheim. So richtig kümmern tut sich kaum einer mehr um den anderen. Ist das wirklich so?

Mehr als 40 Stationen

Auf dem „Markt der Möglichkeiten” zumindest, organisiert von der Städteregion Aachen und dem Amt für Kultur und Empirische Forschung, zeichnet sich ein ganz anderes Bild ab. Auf der Informationsplattform im Stolberger Zinkhütter Hof konnten sich am Donnerstag junge und alte Besucher selbst einen Eindruck machen vom demografischen Wandel in der Städteregion - und sich an mehr als 40 Stationen, in Talkrunden und Beratungsgesprächen informieren, wie man der Tendenz der Bevölkerungsentwicklung mit sinnvollen Projekten begegnen kann.

Und da ist die heutige Jugend durchaus engagiert: So beispielsweise am Stand „JA - Patenschaften zwischen Jung und Alt”. Das Projekt aus Monschau versteht sich als Generationsbrücke, bringt Schüler und Demenz-Erkrankte zusammen. Celine Jahns (15) ist eine der rund 50 Schüler, die eine Patenschaft übernommen hat. Warum sie ihre Freizeit ehrenamtlich dafür opfert? „Von opfern würde ich nicht sprechen - das Zusammenkommen bringt auch mir etwas. Vor kurzem ist mein Opa an Demenz erkrankt. Durch den Austausch mit anderen Älteren kann ich mit seiner Krankheit viel besser umgehen und auch meiner Familie hilfreiche Tipps geben. Und letztendlich macht es auch einfach Spaß!” Für ihr Engagement wurden Celine und ihren Mitstreitern am Abend der Stifterpreis Gesellschaftliches Engagement 2012 überreicht.

Künftig alle zwei Jahre

Auch wenn so ein Einsatz beispiellos ist, sich auf dem Engagement Einzelner ausruhen, das könne sich die Gesellschaft von heute nicht mehr leisten. „Wir werden weniger, älter, bunter”, bringt es Helmut Etschenberg, Städteregionsrat, bei seiner Eröffnungsrede auf den Punkt. „In 20 Jahren wird jeder Vierte in unserer Region 60 Jahre und älter sein - Tendenz steigend.” Zeit zu Handeln: Mit dem „Markt der Möglichkeiten” sieht Etschenberg einen gelungenen Auftakt einer Veranstaltung, die künftig alle zwei Jahre in der Städteregion stattfinden soll.

Denn klar: Vereinfacht ausgedrückt haben in den vergangenen Jahrzehnten Geburtenrückgang und verbesserte medizinische Versorgung dafür gesorgt, dass die Bevölkerungsschicht im Rentenalter deutlich größer ist als die im schul- und ausbildungspflichtigen Alter. Und das zieht nun mal nach sich, dass sich Anforderungen und Bedürfnisse verändern - auch im Alltag.

Generationsübergreifend

Einen Ansatz, diesem Alltag zu begegnen, gibt das Projekt „Bewegte Geschichte(n)” vor. Hier haben Senioren Broschüren zu Stadtrundgängen entwickelt - in Zusammenarbeit mit Schülern aus den jeweiligen Vierteln. So entstand auch beispielsweise die Broschüre zum Aachener Ostviertel. „Das besondere ist, dass die Rundgänge von persönlichen Geschichten der dort lebenden Senioren getragen werden”, sagt Heidi Wergen vom Gesundheitsamt, die das Projekt mit betreut. So erzählt beispielsweise Willi Everartz, wie er als junger Dreikäsehoch im undurchsichtigen Lehmtümpel im Panneschopp planschte und auf Holzbrettern mit seinen Freunden dem gefährlichen Wasser Paroli bot. Zu mehr Bewegung soll auch das Projekt animieren, eben zu einem Stadtrundgang, „im Idealfall mit ein paar jungen Leuten im Schlepptau”, betont Wergen.

Die Verbindung von Jung und Alt - eine Thematik, die sich durchweg durch die Messe zog: Das generationsübergreifende Wohnen in Alsdorf-Busch, das Jungspunte und Ältere unter einem Dach vereinen will. Die Stadt Baesweiler lockt mit ehrenamtlicher Betreuung junger Familien in Form einer Ersatzomi oder eines -opis. Die generationsübergreifenden Aktivitäten des Senioren- und Betreuungszentrums in Eschweiler machen kulturelles und gegenseitiges Verständnis füreinander möglich. In Herzogenrath existiert ein lokales Bündnis für Familien von circa 40 Vereinen, Verbänden, Schulen und Kitas, um die Lebenssituation für Familien vor Ort zu verbessern. Ähnlich macht es Monschau mit einem lokalen Bündnis, das auch Familienpaten vermittelt. Roetgen wirbt mit Naherholung rund um die Dreilägerbachtalsperre - barrierefrei. Junge Hüpfer, Kinderwagen, Rollator, alles findet hier seinen Weg. Was der Generationenbeirat in Simmerath vereint, verrät schon sein Name. Stolberg wirbt unter anderem mit dem Kultur- und Generationenhaus. Und in Würselen sucht man nicht nur in der Tafel Freiwillige. Und so geht es weiter im Zinkhütter Hof - eine beschauliche Anzahl weitere Projekte waren auf dem „Markt der Möglichkeiten” zu finden.

Doch was Kommunen längst erkannt haben, ist noch nicht in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Amtsleiterin Nina Mika-Helfmeier, die den „Markt der Möglichkeiten” ins Leben gerufen hat, möchte dagegen wirken und spricht deutliche Worte: „Irgendwann werden wir alle alt sein, Sie und ich. Dann sind wir froh, wenn wir von der jüngeren Generation profitieren können - nicht nur finanziell, sondern auch geistig und sozial.” Damit signalisiert Mika-Helfmeier auch, wie wichtig es ist, in der Diskussion über den demografischen Wandel nicht ausschließlich die Über-60-Jährigen im Blick zu haben. Junge Leute spielten eine ganz wesentliche Rolle - als Bindeglied älterer Generationen an das Jetzt. Weil es eben heute nicht mehr läuft, wie zu Zeiten Astrid Lindgrens.
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