Städteregion will Pflegekräfte aus Spanien holen

Von: Jutta Geese
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Der Fachkräftemangel in Altenheimen macht sich immer mehr bemerkbar: Manch ein Heim kann die vorgeschriebene Fachkräftequote nicht erfüllen. Die Beschäftigten klagen über hohen Arbeitsdruck, Bewohner über gestresste und dadurch ungewollt unfreundliche Pflegekräfte. Foto: dpa

Städteregion. Aufnahmestopp in Altenheimen trotz freier Plätze, weil es zu wenig examinierte Pflegekräfte gibt, die sich um die alten Menschen kümmern könnten? Noch ist das die Ausnahme in der Städteregion. Im vergangenen Jahr hat aber schon ein Träger selbst auf diese Weise die Reißleine gezogen. Und einige Heime schaffen es nicht (mehr), durchgängig die vorgeschriebene Fachkräftequote von 50 Prozent einzuhalten.

Es zeichnet sich aber ab, dass die Altenpflegeeinrichtungen immer mehr Probleme bei der Gewinnung von Fachkräften bekommen werden. Zumal der Personalbedarf angesichts der alternden Gesellschaft steigen wird. Mit einem ungewöhnlichen Schritt möchte die Städteregion dem Fachkräftemangel jetzt begegnen: Sie will junge, hoch qualifizierte, aber arbeitslose Fachkräfte aus Spanien anwerben.

„Derzeit gibt es in der Städteregion rund 2500 examinierte Altenpflegerinnen und Altenpfleger, bis zum Jahr 2030 brauchen wir aber mindestens 1.000 mehr. Zusätzlich müssen wir diejenigen ersetzen, die aus dem Berufsleben ausscheiden. Das ist ohne Zuwanderung nicht zu schaffen“, begründet Günter Schabram, Sozialdezernent der Städteregion, das neue Projekt. „In Spanien stehen studierte Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger auf der Straße.“ Warum also nicht schauen, ob einige von ihnen bereit sind, in die Städteregion zu kommen und hier zu arbeiten?

„Der Trend geht sowieso dahin, dass junge Arbeitslose aus den Krisenländern in Südeuropa auf der Suche nach einem Job nach Deutschland kommen“, sagt Schabram. Auch in die Städteregion: Im gesamten vergangenen Jahr registrierte das Ausländeramt 180 Zuwanderer aus Spanien, Portugal, Griechenland und Italien, allein aus Spanien kamen 96. In den ersten drei Monaten des laufenden Jahres wurden bereits 320 Zuwanderer (+ 78 Prozent) aus diesen vier Ländern gezählt, darunter 102 aus Spanien. „Das sind keine Armutsflüchtlinge, sondern junge, mobile, arbeitslose Leute.“

Arbeitslosigkeit dort, Fachkräftemangel hier: „Wir versuchen jetzt, für zwei Probleme eine Lösung zu basteln“, sagt Schabram. Möglich wird dies mit Hilfe des Sonderprogrammes „Förderung der beruflichen Mobilität von ausbildungsinteressierten Jugendlichen und arbeitslosen jungen Fachkräften aus Europa“, das der Bund zum 1. Januar 2013 aufgelegt hat, um die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa ein wenig zu lindern und zugleich der heimischen Wirtschaft zu helfen.

Die Städteregion mit ihrem Amt für Altenarbeit hat nun Folgendes vor: Sabine Dreiling-Beitz, die mit ihrer Beratungsfirma seit langem das Qualitätsmanagement im Amt für Altenarbeit begleitet, und Dr. Natalia Balcazar, die ebenfalls in diesem Bereich arbeitet und wie Dreiling-Beitz gute Kontakte zur Uni in Madrid hat, sollen vor Ort Interessenten mit Krankenpflegeexamen beraten und auswählen. In Spanien werden die Teilnehmer dann drei Monate lang intensiv Deutschunterricht erhalten – „sieben Stunden am Tag, fünf Tage die Woche, und auch schon mit ein wenig Fachsprache“, erläutert Schabram. Anschließend kommen sie in die Städteregion, arbeiten drei Monate halbtags in einem Altenpflegeheim als Pflegehelfer, und die andere Hälfte des Tages werden sie am Fachseminar für Altenpflege unterrichtet.

Zugleich kümmert sich das Projektteam, zu dem auch Marion Pöppinghaus, Leiterin des Fachseminars, gehört, um alles Bürokratische und hilft bei auftauchenden Problemen. Nach erfolgreicher Sprachprüfung wird der spanische Krankenpflegestudienabschluss in Deutschland anerkannt – und die jungen Spanierinnen und Spanier können als examinierte Pflegefachkräfte in den Altenheimen arbeiten.

Voraussetzung für das Zustandekommen des Projekts ist aber, dass seitens der Heimträger in der Städteregion Interesse besteht, insgesamt mindestens zwölf junge Fachkräfte aus Spanien zu holen. Denn sie müssen die jungen Leute tariflich entlohnen und sich verpflichten, sie nach der Sprachprüfung mindestens ein Jahr als Fachkraft zu beschäftigen. Außerdem müssen sie laut Schabram pro Fachkraft insgesamt rund 2.500 Euro für die Sprachausbildung, das Anerkennungsverfahren und sonstiges zahlen. Dafür können sie aber auch vorab sagen, ob sie einen jungen Mann oder eine junge Frau frisch von der Uni beschäftigen möchten oder lieber jemanden mit Erfahrung.

Das Ergebnis einer ersten Abfrage bei den Heimen war für Schabram „enttäuschend“. Doch seit Donnerstag ist er optimistisch, „dass wir mit zwölf Plätzen starten können“. Spontan hätten sich nach einer Infoveranstaltung fünf Träger für die Teilnahme gemeldet, andere wollten sich noch mit ihren Trägervertretern absprechen. „Alle haben gesagt, das ist eine sehr seriöse Sache mit seriösen Partnern.“ Wichtig ist ihm die Feststellung, dass es bei dem Projekt „weder um Leiharbeit noch um Arbeitnehmerüberlassung geht, sondern um ganz normale Arbeitsverträge. Befürchtungen, die jungen Fachkräfte aus Spanien könnten Absolventen des städteregionalen Fachseminars Jobs wegnehmen, räumt Seminarleiterin Pöppinghaus aus: „Unsere Absolventen gehen weg wie warme Semmeln. Auch die, die nur die einjährige Ausbildung machen, erhalten alle eine Stelle, wenn auch nicht immer in ihrer Wunscheinrichtung.“

Auf einen ganz anderen Aspekt wies Eschweilers Bürgermeister Rudi Bertram bei der Vorstellung des Projekts in der Sozialkonferenz hin: „Wenn wir das Projekt umsetzen, heißt das auch: Wir ziehen Spanien die Fachleute ab. Und es wird den ein oder anderen älteren Spanier geben, der nicht mehr die Hilfe bekommt, die er braucht. Was gut für uns ist, kann schlecht für Spanien sein. Das muss man kritisch hinterfragen.“

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