Städteregion - Postcrosser: Postkarten statt E-Mails

Postcrosser: Postkarten statt E-Mails

Von: Christina Handschuhmacher
Letzte Aktualisierung:
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Ein ungewöhnliches Porträt einer Katze: Postcrosserin Barbara Thaens zeigt ihre Lieblingspostkarte. Jeroen aus dem niederländischen Nijmegen hat ihr diese geschickt. Foto: Christina Handschuhmacher
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Nahezu täglich geht Hans-Christian Napp zum Briefkasten: Gut, dass der nur wenige hundert Meter von seiner Wohnung entfernt steht.

Städteregion. Oft sind es nur wenige Worte, die auf der Rückseite der Postkarte stehen: Ein kurzer Gruß. Oder ein Satz dazu, was auf der Vorderseite der Karte zu sehen ist. Aber für Hans-Christian Napp sind diese Grüße aus aller Welt unverzichtbar geworden. Nahezu täglich landen sie in seinem Briefkasten im Osten Alsdorfs. „Ich bin früher viel gereist. Das ist jetzt krankheitsbedingt nicht mehr möglich“, erzählt der 65-Jährige. „Die Postkarten sind nun der Ersatz für meine Reisen, und sie stillen mein Fernweh.“

Hans-Christian Napp ist Postcrosser. Während bei anderen Menschen der Briefkasteninhalt zu 95 Prozent aus Rechnungen und Werbung besteht, freut sich Napp an nahezu jedem Wochentag über farbenfrohe Grüße von fremden Menschen aus aller Welt.

Allerdings funktioniert auch der weltweite Postkartentausch nicht ohne Internet. Das Prinzip von Postcrossing ist simpel: Nach der Registrierung auf der Postcrossing-Homepage erhält man die Adresse eines anderen Mitglieds. Jeder Postkarte wird dabei eine Identifikationsnummer (ID) zugewiesen, damit sie sich eindeutig zuordnen lässt. Damit das Postcrossing-Prinzip funktioniert, muss die jeweilige ID auf der Karte notiert werden. Ist die Postkarte beim Empfänger angekommen, registriert dieser die ID der Karte auf der Postcrossing-Internetseite, quasi als Beleg dafür, dass der andere tatsächlich eine Karte auf den Weg gebracht hat. Nun erhält ein anderer Postcrosser die Adresse desjenigen, der gerade eine Postkarte verschickt hat. Und so geht es immer weiter...

So altmodisch diese Form der Kommunikation in Zeiten von Facebook, WhatsApp und Co. auch anmuten mag – sie hat viele Fans. Derzeit sind mehr als 429 000 Menschen aus 214 Ländern bei dem Online-Portal registriert. Die meisten von ihnen stammen aus Russland, den USA, China und Taiwan. Deutschland folgt auf Platz fünf – beim Verschicken von Postkarten führen die Deutschen allerdings die Rangliste an.

Erfinder von Postcrossing ist der gebürtige Portugiese Paulo Magalhães, der das Projekt 2005 gegründet hat. Aus dem Hobby zu Studienzeiten wurde schnell ein Vollzeitjob für den heute 32-Jährigen. „Postcrossing.com war angedacht als kleine Webseite, aber es hat meine kühnsten Erwartungen übertroffen“, schreibt Magalhães auf seiner Homepage. Das nicht ganz unbescheidene Ziel des studierten Informatikers: Menschen auf der ganzen Welt über Postcrossing miteinander verbinden – unabhängig von Alter, Geschlecht, Wohnort, Glaube oder Nationalität. Und die Zahlen sprechen für ihn und seine Vision: Über 18 Millionen Postkarten sind laut Magalhães bereits mithilfe des Portals versendet worden und haben dabei auf ihrem Weg zweieinhalb Millionen Mal die Erde umrundet.

Barbara Thaens hat schon 371 Karten über Postcrossing verschickt. Gerade ist Karte Nummer 372 bei der Würselenerin in Produktion. Heute hat das System für sie die Adresse einer Frau aus München ausgewählt. Ein Blick auf das Profil der Unbekannten auf der Postcrossing-Homepage hilft Barbara Thaens bei der Suche nach einer passenden Karte. Die Münchnerin gibt dort an, dass sie Kaffee in allen Variationen mag – schnell fischt Barbara Thaens aus ihrem gut sortierten Vorrat an bunten Karten eine heraus, die ein typisches Pariser Frühstück zeigt: Baguette, Croissant und eine große Portion Café au lait. „Die passt gut“, sagt Barbara Thaens.

Aber was schreibt man einem völlig fremden Menschen, dessen Adresse man mittels eines Algorithmus zugeteilt bekommen hat? Auch hier hilft ein Blick in das Profil weiter, sagt Barbara Thaens. „Dort finden sich oft Anknüpfungspunkte.“ Falls dies doch nicht der Fall ist, schreibt Thaens ein paar Zeilen über sich selbst, ihre Heimatstadt oder das Motiv, das auf der Karte zu sehen ist.

Barbara Thaens fasziniert die Kommunikation mit fremden Menschen. „Postcrossing hat meinen Horizont erweitert“, sagt die 60-Jährige. Oft entsteht aus der ersten Postkarte ein längerfristiger Kontakt. „Die meisten Leute bedanken sich per E-Mail für die tolle Postkarte, und wenn die Chemie stimmt, schreibt man sich weiterhin.“

Die Kontaktaufnahme bei Postcrossing basiert eigentlich auf dem Zufallsprinzip. Stößt man jedoch beim Stöbern auf der Homepage auf einen Nutzer, der sympathisch erscheint und ähnliche Interessen teilt, ist oft auch eine direkte Kontaktaufnahme per Postkarte möglich – ohne dass das System den Kontakt herstellt. Bei Postcrossing spricht man dann von einem „direct swap“, einem direkten Tausch.

In Kisten verstaut

Seit eineinhalb Jahren ist Barbara Thaens nun Postcrosserin. Alle Postkarten aus dieser Zeit hat sie aufbewahrt – manche sind in Kisten verstaut, andere zieren ihren Schreibtisch. Ihre Lieblingskarte zeigt das kugelrunde Gesicht einer rot-weiß-getigerten Katze mit geschlossenen Augen. Jeroen aus Nijmegen in den Niederlanden hat ihr diese Karte geschickt. Zufall? Nein. Auf ihrem Profil hat Barbara Thaens angegeben, dass sie zwei Katzen hat – seither landen oft Karten mit Katzenmotiven in ihrem Briefkasten.

Zurück zu Hans-Christian Napp. Der macht sich heute mit zwei Postkarten auf dem Weg zum Briefkasten, der nur wenige hundert Meter von seiner Wohnung entfernt liegt. Post für Daria und Katya in Russland. Denn klar ist: Nur wenn man selbst fleißig schreibt, erhält man auch Karten zurück.

Bei seiner Briefträgerin ist Napp längst als Postcrosser bekannt – sie wundert sich schon lange nicht mehr über die Vielzahl an Postkarten, die sie bei dem 65-Jährigen in den Briefkasten wirft. „Einmal hatte der Absender noch nicht einmal den Straßennamen auf der Karte notiert“, erinnert sich Napp. Die Karte hat trotzdem ihren Weg zu ihm gefunden. So wie die 425 Karten zuvor. Und ganz sicherlich wird die Briefträgerin auch morgen wieder Post für Hans-Christian Napp haben.

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