Städteregion - Mit sanftem Druck zum Erfolg führen

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Mit sanftem Druck zum Erfolg führen

Von: Stefan Schaum
Letzte Aktualisierung:

Städteregion. Es gibt solche, die in Prüfungssituationen vor lauter Nervosität kaum den Kugelschreiber halten können. Oder solche, denen beim Lernen schon nach zwei Minuten jegliche Konzentration flöten geht.

Die sich Fachbegriffe einfach nicht merken können. Und die deshalb kaum Aussicht haben, den schulischen Teil ihrer Berufsausbildung zu packen. Jedenfalls nicht allein. Unterstützung können solche jugendlichen Azubis durch die sogenannten Ausbildungsbegleitenden Hilfen (AbH) erfahren.

Seit 21 Jahren gibt es diese Art der Nachhilfe, die von der Agentur für Arbeit finanziert und in der Städteregion von verschiedenen Kooperationspartnern angeboten wird. In Eschweiler und Stolberg setzt der Verein „Lernen fördern” die Betreuung um, im Nordkreis ist es die Volkshochschule. Im VHS-Gebäude in Alsdorf-Kellersberg können Azubis ein paar Stunden pro Woche all die Dinge aufarbeiten, die sie während des Berufsschulunterrichts nicht verstanden haben, oder an denen es ihnen ganz allgemein mangelt.

„Ich bin schon ziemlich unorganisiert, wenn es ums Lernen geht und lasse mich rasch ablenken”, sagt Vanessa Schmidtke. Die 18-jährige Alsdorferin ist eine angehende Bäckereifachverkäuferin, die sich daheim kaum mal ein paar Minuten am Stück mit ihren Lehrbüchern beschäftigen kann.

Seit gut einem halben Jahr genießt sie die Möglichkeit, eine besondere Lernumgebung zu haben. Eine, in der es Betreuer gibt, die darauf achten, dass sie in die Bücher schaut und die ihre Fragen beantworten. „Es ist eine Form des sanften Drucks, die vielen gut tut”, sagt Diplom-Sozialpädagogin Tina Baur-Vanberg, eine von sechs Mitarbeitern des Alsdorfer AbH-Teams.

Wie ihre Kollegen ist sie für die Azubis Ansprechpartner in vielen Dingen. Bei Stress mit den Eltern oder mit den Freunden. Bei Problemen mit Drogen oder Schulden. Bei all den Dingen, die verhindern, dass die Jugendlichen den Kopf freibekommen und sich auf die Ausbildung konzentrieren können. „Wir stärken den Jugendlichen den Rücken, geben ihnen Selbstbewusstsein, nehmen die Prüfungsängste”, sagt Diplom-Sozialpädagoge Peter Korr.

Gut 80 Prozent der Teilnehmer bestehen ihre Prüfung im ersten Anlauf, bei einer Wiederholung schafft es beinahe jeder. Ein Argument, das zögerliche Lehrherren überzeugen kann. Baur-Vanberg: „Es kommt häufig vor, dass Ausbildungsverträge nur zustande kommen, wenn ausbildungsbegleitende Hilfe von Beginn an gewährt wird und der Lehrbetrieb davon ausgehen kann, dass die Prüfung bestanden wird.”

Das aber ist die Crux bei dieser Hilfe: Nur der bekommt sie, der in Ausbildung ist. Doch es gibt Programme, die früher ansetzen. Bei denen, die eine Ausbildung mit noch so viel Betreuung komplett überfordern würde. Menschen wie Patrick Gersten. Seinen Hauptschulabschluss hat der 22-jährige Alsdorfer vor einer Weile nachgeholt.

Maler- und Lackierer wollte er werden, hat aber eine Metallbau- erlehre begonnen und abgebrochen. Auch persönliche Probleme gebe es, über die er aber nicht sprechen wolle. Jedenfalls: „Jetzt geht es aufwärts mit mir. Hier bin ich richtig.” Hier: Das ist seit drei Monaten das Programm „Aqtion”, das für Aktivierung, Qualifizierung und Integration steht.

Hartnäckige Fälle

Im Raum Eschweiler wird es realisiert von der „Low Tec” gGmbH, die es in Stolberg gemeinsam mit dem Verein für allgemeine und berufliche Weiterbildung (VabW) betreut, der wiederum alleine für den Nordkreis zuständig ist. Dorthin vermittelt die Hartz-IV-Arge junge Menschen, die Arbeitslosengeld II beziehen. Oft sind es hartnäckige Fälle, die lernen müssen, pünktlich zu sein oder andere Meinungen zu akzeptieren.

Jedes Team, das 30 Jugendliche betreut, besteht aus einem Fachanleiter, einem Jobcoach und einer Sozialpädagogin. Im Hintergrund gibt es an jedem Standort zudem eine Psychologin, die auf Wunsch mit den Jugendlichen über Alkoholprobleme, psychische Störungen oder Gewaltkarrieren spricht.

„Wir haben hier Benachteiligte, die ganz von vorn anfangen müssen”, sagt die Soziologin Margherita Onorato Simonis, die das Projekt in Alsdorf betreut. Ein erster Schritt kann es daher nur sein. In der Regel bleiben die Jugendlichen sechs Monate bei „Aqtion”. Dann sind sie oft stabil genug, einen Arbeitstag durchstehen zu können.

Darauf werden sie vorbereitet. Ohne schulischen Teil, der sie leicht überfordern könnte. Es geht allein um die Praxis, um Erfolgserlebnisse. Patrick Gersten ist stolz, dass er das hinbekommt. Bezahlt wird er dafür nicht. Er erhält weiterhin seine Bezüge von der Arge, wie alle Teilnehmer. „Aber das ist was anderes. Ich arbeite für mein Geld.” Und Arbeit - damit soll es für ihn auch nach „Aqtion” weitergehen.
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