Mit 90 Jahren immer noch im Dienst der guten Sache

Von: Heike Eisenmenger
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Mit 90 Jahren noch aktiv: Trud
Mit 90 Jahren noch aktiv: Trudchen Beissel bei ihrer Arbeit für die Stolberger Tafel. Foto: Heike Eisenmenger

Stolberg. Im Ohrensessel zu sitzen und Strümpfe zu stricken - das ist nichts für Gertrud Beissel, die von allen Trudchen genannt wird. „Dann ist man ja scheintot”, findet die 90-jährige Ehrenamtlerin der „Stolberger Tafel” und wirft lachend den Kopf in den Nacken.

„Momentchen, ich muss flott abrechnen”, erklärt sie und wendet sich einer jungen Frau zu, die ihren gut gefüllten Einkaufskorb auf die Theke wuchtet. Trudchen Beissel arbeitet sich durch Bananen, Eier, Müsli, Nudeln, Bohnen und Brot. „Das macht 90 Cent”, sagt sie freundlich. Als sie das Wechselgeld herausgibt, umfasst die junge Frau unvermittelt die faltige Hand der alten Dame. „Du bist ein lieber Mensch. Danke”, sagt die Kundin, die dem Akzent nach aus Russland stammt.

Deutsche, Russen, Türken, Marokkaner, Inder, Polen und Pakistan - die Kunden kommen aus aller Herren Länder. Die Not bringt sie zusammen, sie leben am Existenzminimum, obwohl einige darunter sogar Arbeit haben. In der „Tafel” können sich Bedürftige für einen geringen Obolus mit Lebensmitteln eindecken. Nur eben mit dem Unterschied, dass es nicht mehr das gibt, was man gerne hätte, aber die Tafel ist schließlich auch kein Supermarkt, sondern ein Hilfsangebot.

Der Andrang ist groß. Die Warteschlange reicht bis auf die Straße, aber dennoch ist die Stimmung im Ladenlokal entspannt. Gesprächsfetzen, Lachen, Husten, Räuspern, das Zuschlagen von Kühlschranktüren - all das mischt sich zu einer Geräuschkulisse und inmitten des geschäftigen Treibens, ganz am Ende der Theke, sitzt Trudchen Beissel. „Trudchen ist fast von Anfang dabei, also seit rund zwölf Jahren”, erzählt Marliese Wolf vom Vereinsvorstand, der die Tafel trägt. „Sie ist unsere gute Seele.”

Für die 90-Jährige ist die „Tafel” eine zweite Heimat. „Ich bin gerne hier. Vor 37 Jahren wurde ich Witwe, da muss man was machen, damit einem die Decke zu Hause nicht auf den Kopf fällt.” Ihre beiden Söhne kümmern sich um sie, „aber ich will ihnen auch nicht auf den Wecker gehen, nur weil ich nichts mit meinem Leben anzufangen weiß, und außerdem wird hier jede helfende Hand gebraucht.”

Das Konzept der Tafel habe sie sofort angesprochen: „Das ist genau das Richtige für mich. Denn Umgang mit Kunden - darin bin ich gut, immerhin habe ich das 49 Jahre lang gemacht”, erzählt Beissel, die früher mit einem kleinen Brotwagen durch Stolberg kutschierte. Sie hielt vor den großen Firmen und hat im Laufe der Jahre unzählige belegte Brötchen über die Theke gereicht.

Dass sie das 50. Berufsjahr nicht mehr „vollgekriegt hat”, fuchst die alte Dame. „Das war nicht freiwillig”, sagt sie, und für einen kurzen Moment verfinstert sich ihr Gesicht. Doch dann sind sie wieder da, die vielen kleinen Lachfältchen. Jetzt muss sie aber erstmal weitermachen, zusammenrechnen, was der Kunde zu zahlen hat.

Irgendwie hat man sofort Vertrauen zu diesem zierlichen Persönchen. Die 90-Jährige sieht aus wie eine Oma aus dem Bilderbuch: schlohweißes Haar, ein faltiges, aber gütiges Gesicht, verschmitzt dreinblickende Augen, den Rücken vom Alter leicht gekrümmt. Die alte Dame strahlt eine enorme Lebensfreude aus. Wie ein Leuchtturm das Licht in der Dunkelheit. Als es mit den Beinen noch besser ging, war Trudchen Beissel am Regal mit den Brot- und Teigwaren eingeteilt. Als das lange Stehen zu anstrengend für die Seniorin wurde, bekam sie den Posten an der Kasse.

Man hat den Eindruck, dass es immer voller wird. „Ach, das ist noch gar nichts”, findet Marliese Wolf. Bei so vielen Kunden kann man sich leicht ausmalen, wie viel Lebensmittelspenden die Ehren-amtler „rankarren”. Tatsächlich sind die Regale und die Eisschränke im Kühlhaus gut gefüllt, aber im Nu sind sie auch wieder leer. „Das Problem ist, dass es immer mehr Kunden werden”, resümiert Wolf.

Am Anfang waren es mal gerade zehn Kunden am Tag. Jetzt sind es bis zu 80, „und an einem Kunden hängen meistens ganze Familien dran”, erklärt Marliese Wolf. Einigen sieht man die Not an. Hier und da blickt man in blasse Gesichter, manche sind gezeichnet von Alkohol und Nächten ohne Schlaf. Vielen Kunden sieht man die Not nicht an. Sie legen Wert auf ihre Kleidung Wert und arrangieren sich mit der Situation.

„Es muss sich hier niemand schämen. Erst recht nicht dafür, dass er kein Geld hat”, sagt Trudchen Beissel. „Wissen Sie, es sind so viele nette, dankbare Kunden darunter. Wir kriegen so viel zurück und das entschädigt dafür, wenn mal einer nicht nett ist. Außerdem lachen wir viel miteinander,” erzählt die alte Dame. „Schade, dass sich nicht mehr Leute meines Alters, eine sinnvolle Aufgabe suchen. Ich denke, sie trauen sich vielleicht nicht. Dabei könnten wir in der Tafel Unterstützung gut gebrauchen”, erzählt sie. Genug geschwätzt - der nächste Einkaufskorb wartet schon.
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