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In den Kitas drohen dramatische Engpässe

Von: Jutta Geese
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Stellt das aktuelle Ausbildungssystem für den Erzieherinnenberuf in Frage: Dezernent Markus Terodde. Foto: Städteregion/Holger Benend

Städteregion. Eltern in Monschau-Höfen und Simmerath-Lammersdorf haben schon erlebt, was Eltern in anderen Kommunen in den nächsten Jahren drohen könnte: Sie standen mit ihren Kindern vor verschlossenen Kita-Türen. „Die Eltern waren auf den Barrikaden, das kann man ja auch verstehen“, sagt Markus Terodde.

„Aber wir haben es wirklich nicht geschafft, an den betreffenden Tagen genug Erzieherinnen in den Einrichtungen zu haben.“ Ein Szenario, mit dem der Dezernent der Städteregion noch vor ein, zwei Jahren nicht gerechnet hätte.

„Fachkräftemangel war für mich bisher mehr ein Schlagwort. Aber hier schlägt er jetzt voll durch“, sagt Terodde. Und Entspannung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Der Bedarf an Erzieherinnen und Erziehern wird weiter zunehmen. Bundesweit (siehe Info-Box). Bis zum Jahr 2020 werden laut einer Hochrechnung von Terodde in den zehn Kommunen der Städteregion zwischen 500 und 900 zusätzliche Stellen allein in Kindertagesstätten besetzt werden müssen. Hinzu kommen Stellen in den Offenen Ganztagsschulen. Wie viele da nötig sein werden, vermag derzeit niemand zu sagen. Doch der Arbeitsmarkt ist leergefegt. Bundesweit sind gerade mal 1,6 Prozent ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher arbeitssuchend gemeldet. Was also tun?

Eine Maßnahme hat die Städteregion bereits ergriffen, die allerdings erst mittelfristig wirken wird: Zum gerade begonnenen Schuljahr ist die Ausbildungskapazität an den städteregionalen Berufskollegs in Aachen und Stolberg um je eine Klasse für Erzieherinnen und Erzieher erhöht worden. Zudem startet in Stolberg eine Abendklasse, so dass jetzt zehn statt bisher sieben Klassen ausgebildet werden. „Die Stadt Aachen hat darauf als erste gedrungen“, sagt Terodde.

Mehr Ausbildungsplätze anzubieten bedeutet aber auch, dass mehr Praktikumsplätze und Stellen für Erzieherinnen im Anerkennungsjahr geschaffen werden müssen. Die Städteregion als Jugendhilfeträger für die Kommunen Baesweiler, Monschau, Roetgen und Simmerath werde ihren Beitrag leisten, sagt Terodde, der hofft, dass andere Träger – kommunale ebenso wie freie – das auch tun werden: „Wir werden die Anerkennungsjahrstellen von 20 auf 30 aufstocken. Und auch bei den Vorpraktikumsstellen werden wir etwas tun.“ Allerdings, sagt er einschränkend: „Man muss in den Einrichtungen natürlich auch Leute haben, die anleiten und ausbilden können.“

Keine Ausbildungsvergütung

Mehr Ausbildungsplätze zu schaffen genügt jedoch nicht, sagt Terodde. Man braucht auch junge Leute, die diese Ausbildung absolvieren wollen. Eine Ausbildung, die alles in allem fünf Jahre dauert und bei der es keine Ausbildungsvergütung gibt außer im Anerkennungsjahr. „Kann man das nicht attraktiver und kürzer gestalten, und das ohne Qualitätseinbuße?“, fragt Terodde. „Warum muss ein Praktikum vor Beginn der Ausbildung ein Jahr dauern? Reichen nicht drei oder sechs Monate, um festzustellen, ob jemand für den Beruf geeignet ist? Warum ist die Erzieherinnenausbildung keine duale Ausbildung wie viele andere, mit einem betrieblichen und einem schulischen Teil? Mir hat bisher noch niemand erklären können, warum das so ist. Es mag ja gute Gründe dafür geben, aber ich kenne sie nicht.“

Antworten auf diese und weitere Fragen rund um das Thema Erzieherinnen-Notstand erhofft sich Terodde jetzt vom Land. Das ist unter anderem zuständig für Änderungen in der Ausbildungsverordnung. In einem Brief an die neue Landesregierung habe Städteregionsrat Helmut Etschenberg dieses Thema aufgegriffen, sagt Terodde.

Auch die Frage der Bezahlung müsse man anpacken, ist der Dezernent überzeugt. „Erzieherinnen werden echt nicht gut bezahlt“, stellt er fest. „Vor allem am Anfang. Im Alter und in Führungspositionen geht es.“ Rund 2500 Euro brutto verdiene eine Berufsanfängerin, die Vollzeit arbeite. „Es ist schwierig, unter den Bedingungen den Beruf attraktiver auch für Männer zu machen. Die schauen eher auf den möglichen Verdienst als Frauen“, glaubt Terodde. Einfluss auf die Gehaltstarife hat die Städteregion und haben die Kommunen jedoch nicht. Da sind die Arbeitgeberverbände und die Gewerkschaften gefordert.

Mit dem hiesigen Arbeitsamt will Terodde über Umschulungsmaßnahmen sprechen. Er denkt da vor allem an Studienabbrecher. Vorbild ist für ihn das Switch-Programm, das Studienabbrechern im technischen Bereich eine Ausbildung im Handwerk ermöglicht. Er denkt aber auch an Menschen, die ihren erlernten Beruf, etwa in der Krankenpflege, nicht mehr ausüben können oder wollen. Und: „Man müsste über die Grenze schauen, vielleicht gibt es ja in den Niederlanden oder Belgien Menschen, die wir für uns gewinnen können.“ Aber, sagt Terodde, auch das sind alles Einzelmaßnahmen, die erst mittelfristig greifen, falls sie umgesetzt werden können.

Kurzfristig können die Kommunen recht wenig tun, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. meint Alexander Franzen, Arbeitsgruppenleiter für den Bereich Kindertagesstätten im Jugendamtsbereich der Städteregion. „Wir können alle nur versuchen, unser Personal zu halten“, sagt er. Und das sei schwierig genug. Denn: „Wir stehen in Konkurrenz zu anderen Kita-Trägern. Manche können besser bezahlen als wir oder gleich unbefristete Stellen anbieten.“ Bei Festanstellungen täten sich die Verbände leichter, Kommunen dagegen seien an ihre Stellenpläne gebunden und könnten nicht ohne die entsprechenden politischen Beschlüsse der Räte mehr Personal einstellen.

„Das ist Eltern nur schwer zu vermitteln“, weiß er. 15 der rund 300 Erzieherinnenstellen in den 30 Kitas in städteregionaler Trägerschaft sind laut Franzen derzeit nicht besetzt. 67 Erzieherinnen hätten derzeit noch einen befristeten Vertrag. „Die wollen wir jetzt entfristen.“ Auch als Signal an Erzieherinnen im Anerkennungsjahr, dass man sie halten möchte, sagt Franzen. Ähnlich verfährt die Stadt Aachen.

Sehr hohe Betreuungsquoten

Hätte man nicht früher erkennen müssen, dass der Bedarf an Erzieherinnen – Männer sind nach wie vor in dem Beruf eher die Ausnahme – eklatant steigen wird? Terodde meint, nein. Dass die Geburtenrate steigen würde, sei so nicht absehbar gewesen. Ebenso wenig die Zahl der Flüchtlinge, deren Kinder auch Kitas besuchen. Hinzu komme, dass die Nachfrage nach Betreuungsplätzen für Zweijährige selbst in ländlichen Räumen wie der Eifel viel größer sei als angenommen. „Bei uns in der Eifel liegt die Betreuungsquote bei 85 Prozent.“

Mehr Personal benötigten die Kitas zudem, weil die Betreuungsstandards vom Gesetzgeber immer weiter erhöht würden. Jetzt sei ein weiterer qualitativer Ausbau von Bund und Land angekündigt. „Wie genau der aussehen wird, wissen wir noch nicht“, sagt Franzen. Und Markus Terodde gibt zu bedenken: „Wir haben nur eine Vorlaufzeit von einem Jahr von der Geburt eines Kindes bis zu seinem Kita-Besuch. Schulen haben sechs Jahre Zeit.“ Für den Dezernenten steht fest: „Wir ein fulminantes Problem.“ Das müsse den Eltern vermittelt werden.

„Es wäre fahrlässig so zu tun, als würde alles reibungslos laufen in den kommenden Jahren. Es ist keine Entspannung in Sicht.“ Gleichwohl wirbt Terodde für ein Mit- statt ein gegeneinander der Kita-Träger: „Wir dürfen es auch nicht zu einem Krieg ums Personal kommen lassen.“

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