Städteregion - „Erste Hilfe für die Seele“ dringend nötig

„Erste Hilfe für die Seele“ dringend nötig

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Ausbildung in der Praxis: Pfarrer und Notfallseelsorger Martin Großmann (rechts) zeigt den Ehrenamtlichen Einsatzfahrzeug und Ausrüstung.

Städteregion. Ein Regenschirm und ein Teddybär, eine Kerze, eine Bibel und einige kleine Flaschen Mineralwasser finden sich unter anderem im Kofferraum des Einsatzfahrzeugs. Zum ersten Mal betrachten die Ehrenamtlichen um Notfallseelsorger Martin Großmann die Ausrüstung für den Ernstfall, mit der auch sie in einigen Monaten unterwegs sein werden.

„Ich habe Hochachtung vor dieser Aufgabe, das ja, aber keine Angst davor, wenn es ernst wird“, sagt eine Teilnehmerin. „Die Ausbildung hier hilft sehr und die Gewissheit, dass wir nicht allein sind.“

Ausbildung läuft gut

Wie vierzehn andere Ehrenamtliche nimmt die junge Religionslehrerin an der Ausbildung zur Notfallseelsorgerin teil, welche die Notfallseelsorge in der Region Aachen derzeit zum ersten Mal anbietet. Eine Altenpflegerin und eine Verwaltungsangestellte sind dabei, zwei Studentinnen, ein Logopäde und ein Schlosser, der bereits bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv ist. „Aus allen Berufs- und Altersgruppen haben sich Interessenten gemeldet“, sagt Pfarrer Martin Großmann. „Und meine Wahrnehmung ist: Die Ausbildung läuft richtig gut!

Die Notfallseelsorge Aachen wird getragen vom Evangelischen Kirchenkreis und dem Katholischen Bistum Aachen. Die Notfallseelsorger leisten „Erste Hilfe für die Seele“. Feuerwehr oder Polizei rufen die Seelsorger dazu, wenn Betroffene, Augenzeugen oder Angehörige nach einem Unfall betreut werden müssen, bei Sterbefällen im häuslichen Bereich, bei angekündigten Selbstmordabsichten oder zur Überbringung einer Todesnachricht.

Weil immer weniger hauptamtliche Pfarrer und Pfarrerinnen für die Bereitschaftsdienste rund um die Uhr zur Verfügung stehen, begann die Notfallseelsorge im vergangenen Jahr damit, Menschen zu suchen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen und sich vorstellen können, anderen in Situationen extremer seelischer Belastung zur Seite zu stehen. „40 Interessenten hatten sich bei uns gemeldet, und mit 15 davon haben wir diesen Einführungskurs dann im November begonnen“, berichtet Pfarrer Großmann, der zusammen mit seiner katholischen Kollegin und Mitkoordinatorin, Gemeindereferentin Rita Nagel, die Ausbildung durchführt.

Wer in der Notfallseelsorge mitarbeiten will, muss mindestens 23 Jahre alt sein und sollte einer christlichen Kirche angehören. Wichtig sind neben persönlicher Reife, sozialer Kompetenz und Fähigkeiten der Selbst- und Fremdwahrnehmung außerdem psychische und physische Belastbarkeit sowie Verschwiegenheit.

Im jetzigen Kurs haben die Teilnehmenden schon ihre Kommunikationsfähigkeiten trainiert, unter anderem in Rollenspielen, über ethische Fragestellungen diskutiert und über die eigene Haltung dazu nachgedacht, oder über den Unterschied zwischen Trauerreaktionen und psychischen Erkrankungen gesprochen.

„Wie betrete ich die Wohnung von jemandem, der sich umbringen will?“, war eine der Fragestellungen, ebenso wie „Auf welchen Platz in einer Wohnung setze ich mich, wenn ich eine Todesnachricht überbringe?“ Doch trotz der Thematik sei in der Ausbildung nicht alles „todernst“ gewesen, versichern die Ehrenamtlichen. „Wir haben mit Herrn Großmann auch schon viel gelacht!“

Weitere Inhalte der wöchentlichen Treffen werden unter anderem noch juristische Fragen und Organisationsstrukturen von Feuerwehr und Rettungsdienst sein, die Besonderheiten der Seelsorge mit Kindern, alten Menschen und geistig Behinderten, die Rolle der christlichen Liturgie in der Notfallseelsorge und gegen Ende der Ausbildung auch ein Tag im Team eines Rettungswagens. Im Herbst wird der Kurs zu Ende gehen und die neuen Notfallseelsorger werden ihre ersten Einsätze übertragen bekommen.

„Wir möchten, dass unsere neuen Ehrenamtlichen extrem gut ausgebildet und geschützt sind“, sagt Martin Großmann. Die Ausbildung orientiert sich deshalb an der bundesweit geltenden Rahmenrichtlinie für die Notfallseelsorge und den Richtlinien der Evangelischen Kirche Deutschlands für ehrenamtliche Seelsorger sowie den im Handbuch Notfallseelsorge festgelegten Lernfeldern. Sie umfasst insgesamt ungefähr 100 Unterrichtsstunden. Der Hauptberuf der Teilnehmenden darf durch die ehrenamtliche Tätigkeit nicht negativ beeinflusst werden.

Zunächst im Tandem

Während die hauptamtlichen Notfallseelsorger in 48- und 72 Stunden-Schichten rund um die Uhr in Bereitschaft und im Einsatz sind, werden die zukünftigen ehrenamtlichen Helfer, auch in Rücksicht auf ihre beruflichen Tätigkeiten, zunächst in Zwölf-Stunden-Schichten eingesetzt. Bei ihren ersten Einsätzen werden erfahrene Mitarbeiter sie in Rufbereitschaft eng begleiten, oder die Einsätze werden zunächst im Tandem durchgeführt. Immer nach einem Einsatz melden die Mitarbeiter sich in der Zentrale, oder auch wenn eine Schicht ohne Einsatz vorübergegangen ist. Zur Verarbeitung der Eindrücke gibt es eine Supervisionsgruppe.

„Ich fühle mich gut betreut, und glaube, dass ich das schaffen kann“, sagte eine Teilnehmerin, die in ihrem Hauptberuf in der Altenpflege gearbeitet hat. „Ich habe mich bereits um Sterbende gekümmert und sehe es jetzt als neue Herausforderung, Angehörige von Verstorbenen zu unterstützen.“

Der christliche Hintergrund ihrer Aufgabe ist allen Teilnehmenden dabei durchaus bewusst, auch wenn dies in der Ausbildung nicht im Vordergrund steht. „Natürlich ist uns das allen in der Notfallseelsorge präsent“, sagt eine Teilnehmerin: „Ich denke, Nächstenliebe kann man nicht intensiver zeigen.“

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