Erklärtes Ziel: Direktverbindungen zwischen allen zehn Kommunen

Von: Amien Idries
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Zufriedener ÖPNV-Kunde: Bernd Gorny fährt täglich mit der Euregiobahn von Kohlscheid zur Arbeit ins Aachener Kreishaus. Foto: Andreas Herrmann

Städteregion. „Nahverkehr lässt sich nicht in isolierten Teilräumen wie Kommunen oder Kreisen denken”, sagt Hans Joachim Sistenich, Geschäftsführer des Aachener Verkehrsverbundes (AVV) - und daher sei der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) schon lange regional organisiert.

So ist der AVV für den Nahverkehr der Stadt Aachen sowie der Kreise Aachen, Düren und Heinsberg zuständig. Und tatsächlich: Wer am Aachener Waldfriedhof die Linie 21 besteigt und sie etwa 90 Minuten später am Bahnhof in Palenberg verlässt, hat während der Fahrt drei Stadtgrenzen passiert und einmal den Kreis gewechselt - all dies ohne Umsteigen oder komplizierten Tarifvergleich. Wenn man so will, ist der AVV eine Art städteregionaler Vorreiter, der interkommunale Kooperation seit den 70er Jahren praktiziert. Und wie fährt man damit?

Bernd Gorny beispielsweise ist ein ÖPNV-Nutzer wie er im Buche steht. Der Verwaltungsmitarbeiter des Kreises Aachen bewältigt seinen täglichen Arbeitsweg zum Kreishaus an der Zollernstraße in Aachen mit der Euregiobahn. „Als wir 1997 nach Kohlscheid gezogen sind, stellte sich die Frage, wie ich meine Arbeitsstelle erreiche”, sagt der 51-Jährige.

Nach drei Jahren nervenaufreibenden Pendelns mit dem Pkw stieg er 2000 auf das „Profi-Ticket” (seit 2003 „Job-Ticket”) um und hat diesen Schritt nie bereut. „Ich nehme morgens um kurz nach sechs die Bahn und sitze binnen 25 Minuten am Schreibtisch”, berichtet Gorny, „vor allem auf dem Heimweg bin ich deutlich schneller als mit dem Auto. Außerdem schone ich Geldbeutel und Nerven.”

Allerdings: Gorny pendelt unter idealen Bedingungen. Er wohnt und arbeitet unmittelbar an der Bahnstrecke und sein Arbeitsplatz befindet sich mitten in Aachen, dem Zentrum des sternförmig auf die Stadtmitte zulaufenden regionalen Nahverkehrsnetzes. Außerdem hat er feste Arbeitszeiten und nutzt mit der Bahn ein Verkehrsmittel, das stauunabhängig fährt. „Die Euregiobahn bietet eine ganz andere Qualität als der Bus”, bestätigt Sistenich.

„Seit der Einweihung der ersten Strecke 2001 und mit dem stetigen Ausbau hat sich gezeigt, dass die Menschen das neue Angebot annehmen.” Und er betont, dass die Bahn auch viele Berufstätige aus Aachen in den Kreis bringe und nicht nur stadteinwärts gependelt werde.

Nahverkehr effizient ausbauen

Wie die ÖPNV-Nutzung bei weniger günstigen Voraussetzungen aussieht? Davon kann Tom Kästner ein Lied singen. Der Erzieher ist im Aachener Vinzenzheim tätig und auf den Bus angewiesen. Sein Wohnort Verlautenheide liegt zwar in Aachen, aber was den Nahverkehr angeht, ist die Lage peripher.

„In der Woche erreiche ich den Frühdienst per Bus. Sonntags muss ich aber ein Taxi nehmen, was mich jedesmal 15 Euro kostet”, berichtet der 35-Jährige. „Im Prinzip arbeite ich die ersten beiden Stunden, um die Fahrtkosten zu erwirtschaften.” Sistenich kennt diese Problematik: „Obwohl wir die Frühverkehre in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut haben, können wir nicht alles abdecken.” Trotz der Ausrichtung auf Aachen sei es erklärtes Ziel, jede Kommune direkt miteinander zu verbinden.

„Mobilität ist das Thema der Zukunft”, weiß der AVV-Chef: „Hier gilt es, das System mit jedem Ausbau effizienter zu gestalten.” Nächste Schritte sind die Direktverbindung der Euregiobahn zwischen Stolberg und Langerwehe, die im Juni in Betrieb gehen soll, und bis Dezember 2010 der Ringbahnschluss zwischen Alsdorf und Stolberg. „Wir wollen die Schiene dahin bringen, wo die Leute wohnen”, betont Sistenich. Nur so ließe sich die Zufriedenheit der Kunden steigern.

Apropos Kundenzufriedenheit. Fragt man Peter Rademacher (49) zu diesem Thema, berichtet er bereitwillig von seinen Erlebnissen mit Bediensteten der Aseag. „Manche Fahrer sagen nicht einmal âGuten Tag´, egal wie freundlich man grüßt”, moniert der sporadische ÖPNV-Nutzer. Neulich habe er sich über ein besonders unfreundliches Exemplar sogar beschwert.

„Unsere Busfahrer sind aufgrund ihres Kundenkontakts die Visitenkarten des Unternehmens”, sagt Aseag-Sprecherin Anne Linden, „deshalb nehmen wir Beschwerden von Kunden sehr ernst und versuchen, so schnell wie möglich zu reagieren.” Im Fall Rademacher brauchte das Unternehmen keine Woche, um die Situation mit dem Busfahrer zu klären und einen Entschuldigungsbrief aufzusetzen.

Bei einem weiteren für die Zufriedenheit mit dem ÖPNV wichtigen Punkt, dem Preis, gilt es zu differenzieren. Während Gorny mit dem „Job-Ticket” das gesamte AVV-Netz für monatlich 32 Euro nutzen kann, bezahlt Kästner für weniger Leistung deutlich mehr Geld: „Meine Monatskarte für die Stadt Aachen, Vaals und Kelmis kostet knapp 50 Euro. Zudem steigen die Preise meiner Ansicht nach unangemessen.” Diese ungeliebten Tariferhöhungen, von denen im April wieder eine ansteht, werden vom AVV mit den steigenden Personal- und Energiekosten begründet und dämpfen bei manchen Kunden die Freude merklich.

Insgesamt zeigt sich also ein heterogenes Bild, das durch Paul Harzon (54) eine weitere Schattierung erhält. Harzon, der wie Gorny im Oktober von der Kreis- in die Städteregionsverwaltung wechselt, könnte man Neudeutsch als „Mobilitätshopper” bezeichnen. Er besitzt ein „Job-Ticket”, mit dem er seinen Arbeitsweg per Bus und Bahn bewältigt oder auch mal mit seiner Frau in die Eifel fährt. Wenn aber auswärtige Termine anstehen oder es Bindfäden regnet, legt er den Weg von Alsdorf nach Aachen mit dem eigenen Pkw zurück. „Manchmal ist es einfach bequemer, in Richtung Garage zu gehen.”

Auf die Frage, was ihn dazu bewegen könnte, vollständig auf Bus und Bahn umzusteigen, sagt er nach kurzem Zögern: „Ich bin mit der Situation zufrieden. Vor allem gefällt mir, dass ich flexibel bin und alle Möglichkeiten der Fortbewegung nutzen kann. Je nachdem, wie ich es gerade brauche.”

440 Mal um die Welt in einem Jahr

Sieben Unternehmen kooperieren im Aachener Verkehrsverbund. Im Gebiet der künftigen Städteregion verkehren die Aseag, die DB Regio NRW, der Regionalverkehr Euregio Maas-Rhein (RVE), Taeter sowie in geringem Maße die WestEnergie und Verkehr. Im Jahr 2007 legten die Nutzwagen dieser Unternehmen in Stadt und Kreis Aachen eine Strecke von rund 17,6 Millionen Kilometern zurück. Dies entspricht einer 440-maligen Erdumrundung. Insgesamt fahren die im AVV eingebundenen Unternehmen 2850 Haltestellen an und transportieren auf knapp 200 Bus- und Bahnlinien etwa 100 Millionen Fahrgäste pro Jahr.

Besonderes Augenmerk richtet der AVV auf den Ausbau des Schienengebundenen Personennahverkehrs (SPNV). Die Euregiobahn fährt von Heerlen und Alsdorf über Aachen nach Eschweiler und Stolberg. Laut AVV werden etwa 9000 Kunden am Tag befördert. Das Netz von 25 Haltestellen wird weiter ausgebaut.
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