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Die „reiche Erbtante” schaut erstmal zu

Von: Stephan Vallata und Stephan Johnen
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Ein neues politisches Gebilde: Stadt und Kreis Aachen werden zur Städteregion, umgeben von den Kreisen Düren und Heinsberg. Dieser in Deutschland einzigartigen Zusammenschluss tritt nach den Kommunalwahlen am 30. August in Kraft. Insgesamt 570.000 Einwohner leben dann in der Städteregion. Grafik: zva

Heinsberg/Düren. Wenn der Kreis Aachen mit Ablauf des 20. Oktobers aufhört zu existieren, hat das zunächst keine unmittelbaren Auswirkungen auf die benachbarten Kreise Heinsberg und Düren. Allerdings wäre es wohl etwas blauäugig zu glauben, alles bliebe beim Alten.

Denn wenn am 21. Oktober mit der Städteregion Aachen eine der größten regionalen Kooperativen in Nordrhein-Westfalen entstanden sein wird, wären auch die Kreise Düren und Heinsberg gut beraten, ihr Profil in Fragen regionaler Zusammenarbeit und strategischer Partnerschaften zu schärfen. Oder etwa nicht?

„Bewundernswert” findet Dürens Landrat Wolfgang Spelthahn „den Mut, neue Wege zu gehen.” So weit, um den Weg mitzugehen, sei der Kreis Düren - noch - nicht.

Aber, betont Spelthahn: „Es wird unterschätzt, wie eng wir bereits mit Aachen verbunden sind.” Von der Abfallwirtschaft mit dem Zweckverband Entsorgungsregion West (ZEW) über die Industrie- und Handelskammer und die Handwerkskammer bis hin zur Wirtschaftsförderung im Rahmen der Aachener Gesellschaft für Innovation und Technologietransfer (Agit). Diese Zusammenarbeit müsse fortgesetzt, intensiviert werden. Mehr nicht. Zunächst einmal.

Grund zur Torschlusspanik sieht auch Stephan Pusch, Landrat des Kreises Heinsberg, nicht und verweist ebenfalls auf eine enge Zusammenarbeit in der Region Aachen.

Wenn sich deren Kernbereich mit der Städteregion neu aufstelle, sagt Pusch, so sei diese Entwicklung Anlass für den Kreis Heinsberg, die eigene Positionierung zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen. Aber: „Es ergibt sich kein zwingender Grund, jetzt verschärft über den Beitritt zur Städteregion nachzudenken.”

Diese sei ein Sonderfall, „weil Stadt und Kreis Aachen allein geografisch prädestiniert sind für so ein Modell”. Dies treffe auf den Kreis Heinsberg, der mit seinen Mittelzentren eher ländlich strukturiert ist, weniger zu.

Als großen Vorteil sieht Pusch im Übrigen die günstige Lage des Kreises in Kombination mit der günstigen Kostenstruktur des ländlichen Raums: Viele zentrale Einrichtungen lägen zwar außerhalb der eigenen Grenzen, seien aber schnell erreichbar - so zum Beispiel Flughäfen, Schauspielhäuser oder aber auch Bundesligaklubs der nahen Ballungsgebiete.

Pusch verweist auf einen weiteren Umstand: Während sich der nördliche Teil des Kreises - vor der kommunalen Neugliederung 1972 der Kreis Erkelenz - eher in Richtung Mönchengladbach, Neuss, Düsseldorf orientiere, fühle sich der Südkreis mit der Region Aachen enger verbunden.

„Davon haben wir immer ganz gut profitiert.” Eine eindeutige Tendenz zugunsten der Städteregion lehnt der Landrat daher ab. Der „Hang zur Zentralität”, führt Pusch aus, berge immer die Gefahr, „einen Großteil seiner Identität zu verlieren”.

Nicht zuletzt auch finanzielle Belange seien von Bedeutung: Der Kreis Heinsberg mit seinen überwiegend gesunden kommunalen Haushalten wolle in der Städteregion nicht zur „reichen Erbtante” werden.

Eine ähnliche „Teilung” gibt es auch im Kreis Düren. „Der Kreis ist in seiner emotionalen Befindlichkeit gespalten”, bilanziert Wolfgang Spelthahn.

Während die Jülicher im Nordkreis nach Aachen schauen, gucken die Dürener im Südkreis Richtung Köln. „Zwei Drittel unserer Auspendler fahren Richtung Rheinmetropole”, sagt Dürens Bürgermeister Paul Larue, für den die Städteregion Aachen derzeit kein Thema ist. Düren wolle vielmehr seine Rolle zwischen Aachen und Köln stärken

Zwei Szenarien sind denkbar

„Auf lange Sicht werden wir bundesweit und europaweit maximal als Region Aachen wahrgenommen”, gibt Spelthahn zu bedenken.

Mit Blick auf die Ansiedlung von Gewerbe und Industrie ebenso wie als Wissenschaftsregion mit den Aachener Hochschulen und dem Forschungszentrum Jülich. Die Lage zwischen den Oberzentren könne Mittelzentren dann zum Verhängnis werden.

Zunächst gelte es aber, die Entwicklungen in Aachen weiter zu beobachten. Die Frage, die sich Spelthahns Heinsberger Kollege Pusch stellt, lautet: „Wie funktioniert die Städteregion, die es zunächst mal nur auf dem Papier gibt, in der Praxis?” Abwarten, lautet daher auch dort Devise. Zunächst.

Mittel- und langfristig sind nach Auffassung beider Landräte zwei Szenarien denkbar: Entweder man strebt eine umfassende Fusion mit der Städteregion an oder eine rein themen- und schwerpunktbezogene Kooperation - und zwar nicht nur mit der Städteregion Aachen, sondern auch mit anderen benachbarten Regionen und Oberzentren wie Düsseldorf und Köln.

Pusch bekräftigt: „Da, wo es uns Vorteile bringt, wo es Anknüpfungspunkte und gemeinsame Schnittmengen gibt, sind wir ganz pragmatisch.”

Der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Heinsberg, Dr. Joachim Steiner, hält die Städteregion durchaus für ein wegweisendes Projekt: „Sie ist einzigartig in NRW und wird lange Zeit einzigartig bleiben.”

Als Instrument zur „Verschlankung von Strukturen” allerdings bestehe genauso die Möglichkeit, Zweckverbände zu gründen und Gebietskörperschaften ihre Eigenständigkeit zu lassen. Eine Überlegung, die Dürens Landrat teilt.

Gerade Wirtschaftsförderung flächendeckend auf einen Nenner zu bringen, hält Steiner für eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt. Einzelne Kommunen dürften nicht bevorzugt werden, alle Kommunen müssten bei Ansiedlungsprojekten die gleichen Chancen erhalten.

Auf Kreisebene funktioniere diese „vertrauensbasierte Zusammenarbeit” mittlerweile sehr gut.

Dem 21. Oktober 2009 mit der Gründung der Städteregion sehen die beiden Landräte indes gelassen entgegen. Dabei greift Wolfgang Spelthahn auf Fußball-Metaphorik zurück: Die Kreise Düren und Heinsberg stünden zwar nicht auf dem Spielfeld.

„Aber wir sind nah dran, auf der Zuschauertribüne”, sagt Spelthahn. Läuft das Spiel gut, könne er sich gut vorstellen, auch einzugreifen. Aber das sei Zukunftsmusik.
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