Alleinerziehende: Mehr Arbeit, Anerkennung, Betreuung

Von: Angela Delonge
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Junge Mutter mit Kind: Alleine
Die Zahl der Mütter mit minderjährigen Kindern in Nordrhein-Westfalen ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Foto: imago/Cathrin Bach

Aachen. Alleinerziehende Mütter und Väter in der Städteregion möchten mehr Jobangebote, flexiblere Kinderbetreuung - und mehr gesellschaftliche Anerkennung.

Das sind die Ergebnisse der Studie „Alleinerziehende in der Städteregion Aachen”, die Marktforscher Prof. Klaus Rüdiger Jarzina für das Jobcenter der Städteregion und „Forum E”, das Netzwerk für Alleinerziehende in der Städteregion, verfasst und jetzt vorgestellt hat.

Seit einem Jahr arbeitet das „Forum E” daran, Alleinerziehenden endlich eine ideale Leistungskette in Sachen Beratung und Unterstützung bieten zu können; ein Angebot, mit dem sich in nahezu jeder Situation die Person oder das Angebot finden lässt, was gerade gebraucht wird: ein Job, Kinderbetreuung, finanzielle Hilfe und mehr. Ziel ist, den Weg durch den Dschungel der Institutionen und Beratungsangebote zu ebnen.

Die Studie liefert dazu nun wichtige Daten, weil aufgrund der Rückläufe repräsentative Aussagen gemacht werden konnten. 5000 Alleinerziehende zwischen 18 und 63 Jahren aus der Adresskartei des Jobcenters wurden angeschrieben, 500 Fragebögen verteilte das „Forum E” an Alleinerziehende zwischen 19 und 56 Jahren. Die Erhebung konnte schließlich auf der Grundlage von 1400 beziehungsweise 72 ausgefüllten Fragebögen gemacht werden. Befragt wurden die Teilnehmer - erwartungsgemäß fast nur Mütter - zu verschiedenen Bereichen ihres Lebens, um herauszufinden: Wie steht es um Ausbildung, Berufstätigkeit, Kinderbetreuung, Unterstützungsangebote?

Neben dem Beantworten der Fragen wurde auch zur freien Äußerung aufgefordert. „Wir wollten einfach wissen, wo der Schuh am meisten drückt”, so Jarzina. Erfreulicherweise wurde davon reichlich Gebrauch gemacht, so dass sich die Situation von Alleinerziehenden in der Städteregion jetzt sehr klar darstellt: 40 Prozent der Jobcenter-Teilnehmer verfügen über keine abgeschlossene Ausbildung, 25 Prozent haben keinerlei Berufserfahrung, 78 Prozent sind auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Demgegenüber stehen die „Forum E”-Teilnehmer: Hier hat über die Hälfte Abitur, eine abgeschlossene Berufsausbildung oder sogar ein fertiges Studium. Jeder Dritte hat hier auch über 20 Jahre Berufserfahrung, nur 30 Prozent beziehen staatliche Unterstützung. Ein Hinweis darauf, dass Höherqualifizierte den Weg zu Arbeit und freien Beratungsangeboten eher finden als Nichtqualifizierte. Bei allen Teilnehmern aber ist die Bereitschaft zu arbeiten, sehr hoch. Arbeit wird durchweg als ein Wert angesehen - man will den Kindern ein Vorbild sein, Verantwortung übernehmen und nicht zuletzt auch Geld verdienen.

Leider scheitere die Umsetzung oft an der mangelnden Bereitschaft der Arbeitgeber, auf die Lebenssituation Alleinerziehender einzugehen, so die Befragten. 65 Prozent von ihnen fühlen sich dadurch bei Einstellung und im Arbeitsalltag benachteiligt, wie auch bei der Wohnungssuche (57 Prozent) und bei der Teilnahme am öffentlichen Leben (52 Prozent).

Auch gegenüber der traditionellen Familie fühlen sich Alleinerziehende benachteiligt; sie empfinden die eigene körperliche (71 Prozent) und seelische (70 Prozent) Belastung als größer, fühlen sich oft allein gelassen (62 Prozent). „Es ist ein echtes gesellschaftliches Problem”, machte Prof. Jarzina deutlich, „dass Alleinerziehende sich als Randgruppe mit ,selbstverschuldeten Problemen fühlen, ohne gesellschaftliche Anerkennung sind und nur unzureichende Unterstützung bei der Bewältigung ihrer besonderen Lebenssituation erhalten.”

In diese Kategorie fällt auch die Kinderbetreuung: Die Kosten seien zu hoch, es fehle an Betreuung zu Hause in Notfällen, auch in den Ferien stelle die Betreuung ein großes Problem dar. Insgesamt wünschen sich 62 Prozent der Befragten mehr Unterstützung bei der Kinderbetreuung, die auch als wesentliches Hemmnis bei der Arbeitsaufnahme genannt wird. „Was Alleinerziehende brauchen, ist eine ganzheitliche Betreuung ihrer Lebenssituation”, fasst Jarzina die Ergebnisse der Studie zusammen: „Was nutzen fünf verschiedene Beratungsstellen, wenn zwischen denen keine Information fließt?”

Die Aufgaben für die Zukunft umreißt er klar mit zwei Worten: zentralisieren und qualifizieren. Das heißt in der Städteregion eine zentrale Anlaufstelle für Alleinerziehende einrichten, eine zentrale Internetseite mit Beratungs- und Informationsangeboten aufbauen, Ausbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen anbieten und dafür Arbeitgeber zu Kooperationen gewinnen.

Das „Forum E” mit seinen Kooperationspartnern - der Picco Bella gGmbH, dem Verband alleinerziehender Mütter und Väter Aachen, dem Jobcenter Städteregion, der Agentur für Arbeit und dem Frauennetzwerk Städteregion - wurde vor einem Jahr gegründet, um den vielfältigen Problemen im Lebensalltag von Alleinerziehenden in der Städteregion Aachen besser begegnen zu können.

Es ist eines von 20 „Netzwerken wirksamer Hilfen für Alleinerziehende” in NRW, die seit 2009 vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales mit Mitteln aus dem europäischen Sozialfonds für Deutschland (ESF) gefördert werden - noch bis Mitte 2013.

Das „Forum E” mache innovative und zielgerichtete Projektarbeit, die „im geheimen Ranking der Netzwerke sehr gut” dasteht, wie Herbert Düll, Leiter des Referats Vereinbarkeit Beruf und Familie beim Bundesfamilienministerium bei der Präsentation der Studie betonte.

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