Köln - „Zwitterprozess”: Klägerin verlangt Schmerzensgeld

„Zwitterprozess”: Klägerin verlangt Schmerzensgeld

Von: dpa
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Köln. Nach ihrem juristischen Sieg im „Zwitterprozess” hat die Klägerin in einem neuen Verfahren in Köln mindestens 100 000 Euro Schmerzensgeld verlangt. Die 50-Jährige schilderte bei dem Prozessauftakt vor dem Kölner Landgericht ihren langen Leidensweg nach einer folgenschweren Operation durch einen bereits verurteilten Chirurgen.

Seitdem sei ihr Leben bestimmt von Einsamkeit, Angst vor Bindungen, Flucht und dem Gefühl, nirgendwo zu Hause zu sein, auch nicht im eigenen Körper, sagte die intersexuelle Klägerin Christiane V. am Mittwoch. Das Landgericht will sein Urteil am 12. August verkünden.

Der „Zwitterprozess” und das Schicksal der Klägerin hatten bundesweit für Aufsehen gesorgt. Der verurteilte Chirurg hatte 1977 der damals 18-Jährigen die inneren weiblichen Geschlechtsorgane ohne vorherige ausreichende Aufklärung entnommen und sie unumkehrbar biologisch zum Mann gemacht. Das Kölner Landgericht hatte den Arzt in dem 2007 begonnenen „Zwitterprozess” für seinen „rechtswidrigen Eingriff” zu einer Schmerzensgeldzahlung verurteilt, die Höhe sollte aber später geklärt werden. Das Oberlandesgericht bestätigte das Urteil 2008, da der Chirurg die Klägerin „schuldhaft in ihrer Gesundheit und in ihrem Selbstbestimmungsrecht verletzt” habe.

Christiane V. fühlt sich als Frau, war aber mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen als Zwitter geboren und als Junge „Thomas” großgezogen worden. Sie hatte sich stets als „merkwürdiges Wesen” gefühlt, lebte im „falschen Geschlecht”, hegte auch Selbstmordgedanken und leidet bis heute in Folge von Operationen und Hormonbehandlungen unter Schmerzen.

Der Anwalt der Klägerin, Georg Groth, sagte der dpa: „Es sieht gut aus für meine Mandantin.” Das Gericht habe zu erkennen gegeben, dass es „unserem Antrag gewogen ist”. Er erhoffe sich für seine Mandantin allerdings mehr als die geforderten 100 000 Euro - auch eine lebenslange Schmerzensgeld-Rente sei denkbar.

Das von der Krankenpflegerin angestrengte Verfahren war als Präzedenzfall und Musterprozess bewertet worden, Beobachter sprachen von einem wegweisenden Urteil. Obwohl die entscheidende OP-Akte unauffindbar blieb und nur ein Anästhesie-Bericht vorlag, hatten die Richter klargestellt: Der Chirurg hätte den Eingriff abbrechen müssen, als er feststellte, dass die Patientin auf dem OP-Tisch über intakte Eierstöcke und Gebärmutter - also eine normale weibliche Anatomie - verfügte. Vor dem Eingriff war man von verkümmerten weiblichen Geschlechtsorganen ausgegangen, die beim Jugendlichen „Thomas” nur zufällig bei einer Blinddarm-OP entdeckt worden waren.

Christiane V. hatte mehrfach betont, es gehe ihr vor allem um die Feststellung des Unrechts, die Höhe des Schmerzensgeld stehe nicht im Vordergrund.

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