Köln - Zwischen Setzrissen und Schieflagen

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Zwischen Setzrissen und Schieflagen

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
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Schnappschuss einer Mondlandschaft? Nein, so sieht’s im Tagebau Hambach aus. Tagebaue verursachen immer wieder Bergschäden in der Region. Foto: imago/imagebroker

Köln. Gero Debusmann lehnt sich entspannt zurück, als hätte er gerade gut gegessen und als sei sein Tagwerk schon vollbracht. Er lächelt. „Das Ding läuft”, resümierte er am Dienstag in den Räumen der Bezirksregierung Köln nach dem ersten Jahr als Schlichter bei der „Anrufungsstelle Bergschaden Braunkohle NRW”.

Als er dort anfing, fiel sein Urteil noch ganz anders aus. Nach wenigen Monaten bemängelte er, die Bezirksregierung habe die Stelle nur halbherzig eingerichtet und würde zu wenig für die neue Anlaufstelle werben. Alles lange her und längst vergessen, vermittelte Debusmann er nun.

So viel Zufriedenheit mag etwas überraschen, immerhin liegen 39 Fälle auf seinem Schreibtisch, die noch nicht abgeschlossen sind. 39 Anträge von Menschen vor allem aus Niederzier, Jülich und Bergheim, die sich in den vergangenen zwölf Monaten an Debusmann gewandt haben, weil sie der Meinung sind, der Energiekonzern RWE als Betreiber der Braunkohletagebaue in der Region habe ihnen etwas verwehrt, was ihnen zusteht: eine Entschädigung für Risse am Haus, plötzliche Wassereinbrüche oder eine metertiefe Absenkung im Garten.

Bei der Hälfte der Fälle befände man sich in der Phase der Begutachtung, sagte der 67-jährige Debusmann am Dienstag, bei der anderen Hälfte stünde man noch am Anfang, beispielsweise, weil RWE der Schlichtung noch nicht zugestimmt habe. „Bislang ist eine Schlichtung aber noch nie abgelehnt worden”, sagte Debusmann.

39 Fälle innerhalb eines Jahres sei „gemessen an der Summe der Schadensfälle relativ viel”, wenn man bedenke, dass pro Jahr nur ein paar hundert Menschen an RWE heranträten. Debusmann weiß, wovon er spricht, schließlich ist er schon seit drei Jahren in Essen Schlichter im Steinkohlerevier.

Bei 35.000 bis 40.000 Fällen jährlich, bewegten sich die eingehenden Anrufungen bei der Schlichtungsstelle dort im Promillebereich. „Die Steinkohle, die RAG, reguliert anders”, erklärte der ehemalige Chef des Oberlandesgerichts Hamm. „Da wird pauschaler vorgegangen und die Interessenten werden schneller zufriedengestellt.”

RWE würde „größere Sorgfalt” an den Tag legen und einen größeren Aufwand betreiben, um zu klären, ob tatsächlich der Bergbau für die Schäden verantwortlich ist, oder ob es sich nicht etwa um normale Alterserscheinungen handelt.

Lehnte RWE die Verantwortung ab, blieb den Betroffenen bislang nur die Möglichkeit, für den Schaden selbst aufzukommen - oder aber der Weg vors Gericht. Dieses Risiko scheuten viele, da Bergschäden ähnlich wie Hochwasser nicht rechtschutzversicherungsfähig sind. Wer den Prozess verlor, musste selbst für die Prozess- und Anwaltskosten aufkommen. Seit einem Jahr gibt es nun die Schlichtungsstelle, die räumlich bei der Bezirksregierung untergebracht ist. Ihre Dienste sind kostenlos.

Wie hoch für den Antragsteller die Chancen auf Erfolg sind, ist bei den 39 Fällen noch offen. Die Ursachen für Absenkungen und Risse können vielschichtig sein, manchmal ist der Bergbau nicht ursächlich für Schäden, hat sie aber vermutlich verschlimmert. Dann ist es denkbar, dass das RWE einen Teil der Reparaturkosten übernimmt. In Euro ausgedrückt ginge es manchmal um ein paar hundert Euro, mal um Hunderttausende, sagte Debusmann mit Blick auf seine Erfahrungen in Essen. So koste das Kitten von einfachen Setzrissen pro Meter rund 80 Euro, im Steinkohlerevier habe er aber auch schon durch Schieflage komplett unbewohnbare Häuser gesehen.

Um Schäden und deren Ursachenermittlung drehe sich seine Arbeit aber nicht alleine, sagte er. „In den Schlichtungsrunden kommt oft die ganze Enttäuschung der Betroffenen zum Vorschein.” Die Kommunikationsebenen zwischen RWE und den Bürgern seien „belastet”. Ein offenes Gespräch sei selten möglich. „Die denken nur an sich”, sei einer der Vorwürfe gegen den Konzern. „Es scheint die Tradition gegeben zu haben, dass Informationen nicht transparent gemacht wurden”, formulierte Debusmann vorsichtig. Das soll sich bald ändern. Gerade wird eine Datenbank errichtet, in die RWE, der Geologische Dienst, Wasserwirtschaftsunternehmen und Kommunen ihre Daten einspeisen.

Aber Daten alleine helfen Betroffenen oft wenig, wichtiger scheint da Fingerspitzengefühl, manchmal auch ein Griff in die Trickkiste zu sein. Etwa bei der Auswahl der Sachverständigen. „Es kann hilfreich sein, wenn ein Gutachter aus der Lausitz herangezogen wird”, sagte Debusmann. Diesem könne man kaum unterstellen, zu einem RWE-freundlichen Urteil zu kommen - Vereidigung hin oder her. In der Lausitz ist der RWE-Konkurrent Vattenfall Marktführer. Und manchmal, sagte Debusmann weiter, bestünde seine und die Aufgabe der Gutachter in erster Linie darin, komplizierte Sachverhalte verständlich zu machen und dem Betroffenen das Gefühl zu geben, ernstgenommen zu werden - auch wenn er im Unrecht ist.

„Es dem Antragsteller so zu erklären, dass er auch einsichtig sein kann”, nennt er es. In ein paar Monaten, so hofft er, wird er die ersten Fälle abschließen können.

Wie man Bodenbewegungen analysiert

Unabhängige und vereidigte Gutachter müssen eine Antwort auf die Frage geben, ob Schäden an Gebäuden und Grundstücken auf Bergbau und Grundwasserpegelabsenkung zurückzuführen sind oder nicht. Einer von ihnen ist Heiner Kuhlmann vom Institut für Geodäsie und Geoinformation der Uni Bonn.

Kuhlmann hat ein Modell entwickelt, mit dem er Bodenbewegungen analysieren will. Seine Quelle sind die Tausenden, auf einer Fläche von 3000 Quadratkilometern verteilten Messpunkte von RWE, an denen Bodenabsenkungen ermittelt werden. Mit diesen Daten will Kuhlmann Flächen abbilden.

Hat es auf begrenztem Raum eine Absenkung gegeben, wäre dort in der Fläche also ein Versprung oder eine schiefe Ebene zu sehen. Tauchen an einem Gebäude Risse auf und befindet es sich in einer solchen Zone - so zumindest die Theorie -, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Schäden auf die Absenkung zurückzuführen sind.

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