Maastricht - Zwischen Rembrandt und Blumenkohlbrosche

Zwischen Rembrandt und Blumenkohlbrosche

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
Die Tulpen lassen auf der Tefa
Die Tulpen lassen auf der Tefaf in Maastricht schon die Köpfe hängen, aber die Geschäfte florieren, sagen viele Händler. Foto: Tefaf (6), V. Müller

Maastricht. Am Stand des Händlers, bei dem selbst das englische Königshaus Schmuck kauft, stehen zwei Niederländerinnen. „Fantastisch”, sagt die eine und lächelt. „Ja”, sagt die andere. „Ein paar Tulpen, dann hier und da ein paar Zweige dazwischen, schon kannst du so was auch bei dir zu Hause hinstellen.”

Den kostbaren Diamantohrringen, die bei Wartski ausliegen, haben die beiden den Rücken zugekehrt. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt den Blumenbouquets, die alle Gänge der Maastrichter Tefaf zieren.

Das letzte Drittel der diesjährigen Kunstmesse ist angebrochen, die von den Niederländerinnen bewunderten Tulpen lassen bereits die Köpfe hängen. Am Sonntag, 27. März, werden sie in großen Containern verschwinden und entsorgt.

Jetzt sind „Bauerntage”, wie es auf der Messe intern heißt. Die internationalen und potenziell finanzstarken Sammler, Museen und Freundeskreise der Museen kommen eher an den beiden Wochenenden, zur Wochenmitte bevölkern überwiegend Menschen aus dem Umland die Gänge und Stände. Auch die Aussteller selbst nutzen die umsatzschwächere Phase, um sich in Ruhe einen Überblick über den Markt zu verschaffen.

Vor Chopard läuft feinstes italienisches Leder neben knallbunten Turnschuhen über den beigen weichen Teppich, der die Lautstärke dämpft. Die dunkelblauen Messetüten mit der Aufschrift der Uhren- und Schmuckmanufaktur, die am Stand bereitstehen, nehmen beide Schuhträger mit. In der Ferne mischen sich Handyklingeln mit silberhellem Klang einer antiken Wanduhr.

Thomas Käubler vom Münchner Juwelier Hemmerle sagt, dass er mit dem bisherigen Verlauf der Messe sehr zufrieden ist. „Alle weg”, sagt er und macht eine ausholende Geste zu beiden Seiten, die die Vitrinen mit „Gemüseschmuck” einschließt. Die elf Broschen und zwei Ohrringe in Form von Blumenkohl, Erbsenschoten oder Auberginen seien schon verkauft. Über Preise will er - wie die meisten Aussteller - nicht sprechen. Nicht nur die Schmuckhändler sind froh, dass der Kunsthandel von Krisen, Kriegen und Katastrophen unberührt geblieben ist. „Die Bank durch läuft es sehr gut”, sagt Tefaf-Sprecherin Britta Fischer. Besonders die klassische Moderne sei gefragt.

Wenige Stunden nach der Eröffnung der Tefaf sei die Vogelskulptur „Oiseau lunaire” von Joan Miró für fünf Millionen Dollar verkauft worden. Einige Niederländer des Goldenen Zeitalters erzielten ebenfalls gute Preise, etwa der „Blick auf Haarlem” (1671) von Gerrit Berckheyde mit 4,5 Millionen Euro oder ein Stillleben von Willem Claesz Heda von 1631 mit drei. Die wohl größte Aufmerksamkeit aus dieser Epoche erhält - das überrascht wohl wenig - Rembrandts Porträt eines Mannes mit in die Hüften gestemmten Armen aus dem Jahr 1658. Die Galerie Otto Naumann (New York) platzierte ihn auf der Tefaf an besonders prominenter Stelle: zu einer Wegkreuzung hin.

Die Stände an den Ecken sind unter Ausstellern beliebt und teuer, da hier die Aufmerksamkeit der Besucher am höchsten ist. Hier biegen sie in eine Straße ein, hier ruhen sie sich auf Bänken aus. Auch im Fall eines leicht untersetzten Spaniers mit zurückgegeltem graumeliertem Haar geht diese Rechnung auf. Zielstrebig marschiert er auf den Alten Meister zu. „Ja, das ist es”, sagt er auf Spanisch, als er seine rote Lesebrille nach Überprüfen des Schildes abnimmt, und winkt seine Tochter heran. Deren dick mit schwarzem Kajal umränderten Augen richten sich nur müde auf das Porträt.

Nach wenigen Sekunden wendet sie sich gelangweilt ab. Der Vater ist schon hinter der Wand mit dem Rembrandt verschwunden und blättert durch den Katalog. Aus prunkvollem Goldrahmen blickt selbstsicher Anthonis van Dyck auf den Spanier herab - vermutlich eines der letzten Selbstporträts, das der Flame von sich anfertigte.

Eine ältere Dame im schwarzen Kostüm mustert derweil ein paar Stände weiter den „Mann, der auf den Mond pisst” von Pieter Brueghel dem Jüngeren. Eine Rückansicht eines Mannes im Mantel mit Zweispitz, der in einen Fluss uriniert, in dem sich die Mondsichel spiegelt. Das Motiv spielt auf eine niederländische Redewendung an, die so viel wie „sich anstrengen, das Unmögliche zu erreichen” bedeutet. „Ist das Napoleon?”, fragt die ältere Dame ihre Begleitung auf Deutsch.

Deutsch, vor allem aber Niederländisch und vereinzelt Englisch und Französisch sind beim Gang über die Messe zu hören. Von den Chinesen, die angeblich inzwischen stark vertreten sein sollen, ist weit und breit keine Spur. „Die waren am Wochenende da”, sagen mehrere Händler.

Die Chinesen, die anreisen, suchen vor allem eines: Kunst aus ihrem eigenen Land, das für den eigenen Markt produziert wurde. Dazu zählen die beiden Porzellan-Leoparden für 5,5 Millionen Euro bei Cohen & Cohen (London). „Die sind noch nicht verkauft”, sagt Loek Spoormaker, „aber das Interesse ist sehr groß.” Langsam würde auch das Exportporzellan für den europäischen Markt, das auf der Messe deutlich stärker vertreten ist als das für den eigenen Markt hergestellte, Aufmerksamkeit bei den chinesischen Sammlern finden. Am Mittwoch sind es aber nur ein paar Belgier, die das Porzellan betrachten.

Überraschungen gab es bei den Artefakten aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit. „Wir haben das Gefühl, dass die Nachfrage wieder steigt”, sagt Arcadia Fletcher von Sam Fogg (London). Ein tellergroßes Holzrelief von Picardy, das um 1500 entstanden ist, wurde für 50.000 Euro verkauft. Auch andere Holzschnitzarbeiten haben bereits den Besitzer gewechselt. Vielleicht nicht zu exorbitant hohen Preisen, aber immerhin.

Unterm „Schmerzensmann” von Erasmus Grasser bei Senger Bamberg klingt das aus dem Mund des Chefs so: „Und für den Sammler ists doch immer das schönste, wenn er was entdeckt.” „So is”, pflichtet ihm ein solcher in oberfränkischem Dialekt bei.

Öffnungszeiten und Preise der Tefaf

Noch bis Sonntag, 27. März, geht die internationale Kunstmesse Tefaf in Maastricht im MECC. Geöffnet ist die Messe täglich von 11 bis 19 Uhr, am Sonntag 11 bis 18 Uhr.

Eine Tageskarte kostet 55 Euro (ermäßigt für Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahren 20 Euro), eine Karte für zwei Personen 90 Euro. Für die Tageskarte im Parkhaus werden 11,50 Euro verlangt.

Im vergangenen Jahr haben laut Veranstalter 70.000 Menschen die Messe besucht. Pressesprecherin Britta Fischer rechnet für dieses Jahr mit einer ähnlichen Größenordnung.
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