Zu wenig Geld für die maroden Brücken

Von: Udo Kals
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„Es gibt jedoch insgesamt zu wenig Geld. Das ist leider so“: Edgar Klein. Foto: Ralf Roeger

Aachen/Euskirchen. Brücken, Straßen oder Kreisverkehre hat Edgar Klein schon seit Jahren nicht mehr geplant. Als Regionalchef des Landesbetriebs Straßen.NRW muss er nicht mehr berechnen und zeichnen. Seit 2007 war Klein der Leiter der Niederlassung Ville-Eifel, die mit Sitz in Euskirchen für weite Teile der Aachener Region und dann bis in den Rhein-Sieg-Kreis hinein zuständig ist.

Nun ist der RWTH-Absolvent im Alter von 65 Jahren und zwei Monaten in Ruhestand gegangen – und die Vergangenheit holt ihn ein. „1985 habe ich einen Doppelkreisverkehr für Nideggen geplant“, sagt er. „Jetzt wird er gebaut.“ Ein schönes Geschenk, meint der Ingenieur, der in den letzten Jahren kaum einen Stau erlebt hat. Zumindest auf dem Weg zum Job: Schließlich wohnte er 800 Meter von seiner Arbeitsstelle entfernt. Er ging zu Fuß. Ein Gespräch über Baustellen, Autobahnen und Umgehungsstraßen.

Marode Autobahnen hin oder her: Die Autofahrer stehen vor allem in NRW oft im Stau. Und das Baustellenmanagement steht in der Kritik. „Den Planern sind die Staus oft vollkommen egal“, sagt der RWTH-Verkehrsforscher Bernhard Steinauer. Hat er Recht?

Klein: Ich kenne die Aussage aus Ihrer Zeitung. Und ich muss sagen: Er hat nicht Recht.

Warum nicht?

Klein: Nehmen wir die Großbaustelle Aachener Kreuz, die ja auch kritisiert wurde. Hier haben wir eine ganz intensive Planung der Verkehrsführung gemacht, damit wir diesen Knoten bei laufendem Verkehr um- und ausbauen können. Dabei haben wir aus Sicherheitsgründen gewisse Zwänge. Aber der Verkehr fließt, das sollte man nicht unterschätzen. Wobei es natürlich auch zu Behinderungen kommt, etwa wenn wir Fahrbahnen umlegen. Aber der Vorwurf ist zu simpel.

Dennoch: Über das Baustellenmanagement schütteln viele Autofahrer den Kopf, nehmen wir die nicht enden wollende Baustelle auf der A 44 zwischen Aldenhoven und Jackerath.

Klein: Es ist allen klar, dass der Winter nicht die beste Zeit ist, um Fahrbahnmarkierungen aufzubringen. Aber nicht alle Schäden können im Sommer behoben werden. Deshalb werden Strecken im Herbst neu gemacht, wobei sich die Arbeiten verzögern können.

Und das führt zu vermeidbaren Staus.

Klein: Die Vermeidung von Staus ist ein ständiger Prozess. Und die oft geforderten Nachtbaustellen sind zum einen zu teuer. Wenn die Kosten stiegen, würde es wieder Geschrei geben. Zum anderen leidet die Qualität der Arbeit und die Sicherheit der Arbeiter bei den schwierigen Lichtverhältnissen. Deswegen machen wir das nur, wenn wir bei einem Brückenabriss einen gewissen Zwang haben.

Auf der A 4 stehen nach vielen Unfällen nun Radaranlagen. Haben Sie das Problem rund um die Baustelle unterschätzt?

Klein: Mit so vielen Unfällen haben wir nicht gerechnet, sonst hätten wir von Anfang an eine andere Baustellenführung gemacht. Wobei viele Unfälle ja tatsächlich nicht in der Baustelle passieren. Doch bei der Häufung werden die Gründe analysiert. Nicht nur die ersten Tage der Tempokontrollen zeigen, dass oft die Geschwindigkeit zu hoch ist. Die Leute, oft genug ausländische Lkw-Fahrer, rauschen sehenden Auges in eine Baustelle, passen ihre Geschwindigkeit aber nicht an. Das ist aber kein A 4-Phänomen. Auf dem Kölner Ring passiert das Gleiche. Tempo-60-Schilder auf Autobahnen werden oft nur belächelt.

Haben Sie ein dickes Fell?

Klein: Das muss man schon haben, vor allem die Kollegen, die noch viel mehr den Kontakt mit den Bürgern, den Autofahrern haben. Doch das Fell darf nicht so dick sein, dass man nicht merkt, dass man wirklich einen Fehler macht. Wir müssen die Einwände und Bedenken ernst nehmen. Das ist wichtig. Das fängt bei der ersten Bürgerinformation an und geht bis zur Baustelle.

Besonders nötig war wegen des steigenden Verkehrsaufkommens der Umbau des Aachener Autobahnkreuzes. Ist dieses Projekt Ihr wichtigstes?

Klein: Ein wichtiges und schwieriges Projekt, keine Frage. Vielleicht sogar der Höhepunkt. Schließlich gibt es mit dem Neubau des Überfliegers, der den Verkehr aus den Niederlanden auf der A 4 in das Kreuz bringt, eine nochmalige Herausforderung, mit der wir zu beginn der Planungen gar nicht gerechnet hatten.

Schmerzt es denn, dass Sie gerade dieses Projekt nicht zu Ende bringen können?

Klein: Ja, das kribbelt schon, weiter an dem Projekt zu arbeiten. Aber das trifft auch auf andere Baustellen zu. Etwa auf die Verlegung der A4 zwischen Düren und Kerpen, die ja im September fertig sein soll und auch ein kompliziertes Unterfangen ist. Das Bauen auf der freien Strecke ist ja später nicht das Problem. Aber die Übergänge von der alten auf die neue Trasse zu planen und zu bauen ist schwierig, eine Riesenherausforderung.

Nehmen die Einwände der Bürger gerade bei der Planung von Ortsumgehungen zu?

Klein: Ich habe diese Erfahrung nicht gemacht. Natürlich gibt es auch Fälle wie in Hürth-Hermühlheim, wo eine Bürgerinitiative mobil machte, die von der geplanten Straße gar nicht betroffen war. Aber generell gilt: Bei Ortsumgehungen haben wir die großen Proteste der Bürger nicht. Die kommen eher, wenn wir die Menschen über Straßenarbeiten nicht früh genug informiert haben. Da kracht es schon mal. Wenn die niemanden sehen, der arbeitet, dann wird es richtig laut.

Seit den 80er Jahren haben Sie für die Straßenbauverwaltung in unterschiedlichen Funktionen gearbeitet: Sind die Menschen anspruchsvoller geworden?

Klein: Das ist so. Anders als vor einigen Jahrzehnten müssen wir die Projekte eingehender vorstellen, beleuchten und vor allem erklären. Das ist in Ordnung. Das Problem liegt inzwischen eher in der Politik.

Vor Ort, in den Kommunen?

Klein: Bei der geplanten B 258 zwischen Aachen und der Eifel haben uns tatsächlich die Lokalpolitiker einen Strich durch die Rechnung gemacht. Einerseits wird die ursprünglich befürwortete Trasse durch die Eifel, um die Ortsdurchfahrten zu entlasten, inzwischen abgelehnt – warum auch immer. Aus meiner Sicht ist das ein Riesenfehler. Andererseits sperren sich die Aachener Politiker gegen unsere Lösung, die stark frequentierte Straße zwischen dem Autobahnanschluss Lich-tenbusch und der Kreuzung in Richtung Himmelsleiter auszubauen. Damit verhindern die Politiker einen vernünftigen Lärmschutz für die Anwohner, zudem steht der Schnellbus im Berufsverkehr weiterhin im Stau. Die Politiker aus der Eifel wollen hier vernünftigerweise nur das Nadelöhr beseitigen, damit der Pendlerverkehr besser fließt. Gelinde gesagt: eine schwierige Gemengelage. Aber ich meinte eben eigentlich, dass das Problem bei der übergeordneten Politik liegt.

Werden in Bund und Land die falschen Schwerpunkte gesetzt?

Klein: Klar ist, dass wir oft genug Druck von unten bekommen. Die Forderung, Straßen oder Brücken endlich zu bauen, scheitert häufig daran, dass wir nicht genügend Geld bekommen. Warum das so ist, will ich nicht beurteilen. Aber um zu bauen, brauchen wir Geld.

Auch, um zu planen!

Klein: Das stimmt. Ich bin froh, dass NRW-Verkehrsminister Michael Groschek das erkannt hat und jetzt wieder Planer einstellt. Endlich! Jetzt kann das, was in den Vorjahren sträflich vernachlässigt worden ist, nachgeholt werden. Es gab Jahre, da hat NRW gar nicht alle zur Verfügung stehenden Gelder verbauen können. Es gab schlicht zu wenig Personal. Was für eine Blamage. Zum Glück steuert die Politik nun um. Allein für die maroden Brücken sollen 60 neue Kollegen kommen.

Dass die Brücken saniert werden müssen, ist klar. Aber brauchen wir denn noch immer neue Straßen?

Klein: Ja, da gibt es noch Bedarf. Alleine wenn ich an die A 1 in der Eifel denke. Wir müssen die Lücke zwischen Blankenheim und der Vulkaneifel schließen, daran führt kein Weg vorbei. Und nehmen Sie in der näheren Region die geplante Anschlussstelle an der A 4 in Luchem zwischen Weisweiler und Düren, die Ortsumgehung für Baesweiler-Setterich oder den dringend benötigte Autobahnanschluss von Stolberg. Die Beschlüsse gibt es, nur teilweise kein Geld. Abgesehen davon haben wir mit dem Autobahnkreuz Aachen, der Ortsumgehung Düren und anderen Projekten noch genug vor der Brust. Das ist wichtig, um einerseits Ortschaften zu entlasten und andererseits die Erreichbarkeit der Orte zu verbessern.

Und vorhandene Straßen und Brücken leiden darunter?

Klein: Es ist natürlich auch richtig, wieder mehr Geld in die Erhaltung von Brücken und Straßen zu stecken. Das ist zeitweise zu wenig berücksichtigt worden. Allein das Brückenprogramm für NRW ist mit mehreren Milliarden Euro veranschlagt. Es gibt jedoch insgesamt zu wenig Geld.

Haben Sie eine Lieblingsstraße?

Klein: Natürlich: meine erste Straße. Das ist die Landstraße zwischen Blankenheim und Hillesheim. Zu seiner ersten Straße hat jeder Straßenbauer eine besondere Beziehung. Ich habe die Strecke 1980 geplant. Das waren noch romantische Zeiten.

Was war denn anders? Gab es denn weniger Protest?

Klein: Nein, nein, die Menschen haben schon kritisch hingeschaut und gefragt: Muss das sein? Das ist wohl eher persönliche Nostalgie.

Würden Sie denn eine Straße nicht mehr bauen?

Klein: Das hieße ja, Fehler zuzugeben. Aber im Ernst: Da die einst geplante Autobahn 56 von Bonn über Euskirchen, Düren und Jülich bis Waldfeucht an der niederländischen Grenze nicht gebaut worden ist, hätten wir uns den Bau einiger Zubringerstraßen wohl sparen können, die in diesem Zusammenhang stehen Aber mir fällt keine Straße ein, von der ich sagen würde, dass sie völlig überflüssig ist. Die haben schon alle ihren Nutzen.

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