Ypern - Ypern, ein Ort im Zeichen der Mohnblüten

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Ypern, ein Ort im Zeichen der Mohnblüten

Von: Tobias Müller
Letzte Aktualisierung:
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Gegen das Vergessen: Wer zeigen will, dass er in das Gedenken einstimmt, der erwirbt eine der roten „Poppys“ aus Papier, jene roten Mohnblumen, die am Revers getragen werden und die im Sommer auf den Feldern Flanderns blühen. Foto: stock
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Schrecken durchschreiten: Mitten in Ypern pflegt das „In Flanders Fields Museum“ die Erinnerung, benannt nach einem bekannten Gedicht des kanadischen Militärarztes John McCrae. Foto: stock

Ypern. Dass der Krieg so nah ist, kommt dann doch überraschend. Der Junge reißt die Augen auf, als er sich zu seinem Sitznachbarn umdreht, mit einer Mischung aus Schrecken und Faszination. Unbemerkt hat ein Soldat neben ihm Platz genommen, in brauner Uniform und Jacke, schwerem Gürtel und rundem Helm.

Die Szene ist montiert, natürlich: Sie steht auf einem Faltblatt der flämischen Verkehrsgesellschaft De Lijn. „Ihre Verbindung mit dem Großen Krieg“, heißt es dort. Naheliegend, dass man ihr den Namen „Linie 14“ gegeben hat.

In der hintersten Ecke Flanderns ist der Erste Weltkrieg in diesem Sommer allgegenwärtig. Bei den Schlachtfeldern der Westhoek hat der „Große Krieg“, wie er hier heißt, 100 Jahre nach seinem Ausbruch eine dringliche, räumliche Dimension. Spürbar ist er, sichtbar, schon während man auf der Zugreise aus dem Fenster schaut und den ersten von rund 150 Soldatenfriedhöfen in der Gegend um Ypern sieht. Einförmige Kreuze in langen Reihen gehören zur Szenerie genau wie die sanften Hügel und die Bauernhöfe.

Touristen, Touristen, Touristen

In diesem Jahr begeben sich mehr Menschen als je zuvor auf die Spuren dieses Krieges. „Das Interesse ist enorm“, sagt Peter Slosse, der Geschäftsführer des international bekannten Museums „In Flanders Fields“ ist. Die Besucherzahlen liegen doppelt so hoch wie vor wenigen Jahren. Tourveranstalter, Schulen und Vereinigungen geben sich die Klinke in die Hand, die meisten aus Belgien und England, aber auch Niederländer, Australier, Neuseeländer, Kanadier, US-Amerikaner, schließlich auch Franzosen und Deutsche.

Slosse hat nicht übertrieben. Es ist nicht einmal Wochenende, und trotzdem muss man im Museum Slalom laufen. Einzelne Besucher, kleine Gruppen und große mit Touristenführern drängen sich zwischen Kanonen, Uniformen und Schaukästen. Abgeholt werden sie ganz am Anfang, bei Belle Époque und Wettrüsten, dem Kampf um Rohstoffe und ungebremstem Nationalismus. Das Hintergrund-Wissen über den Ersten Weltkrieg ist noch immer viel rudimentärer als das über den Zweiten.

Große hölzerne Tafeln sind die thematischen Wegweiser, wie Kapitel eines Buchs. Der deutsche Einfall ins neutrale Belgien, der Schauplatz Westhoek, wo sich die Kämpfe nach dem Fall Antwerpens konzentrierten. Die Flandernschlachten, Schützengräben, die Befreiungsoffensive, Waffenstillstand, schließlich der Wiederaufbau. Ypern, Zentrum und Symbol von Blutvergießen und Zerstörung, sollte eigentlich für immer eine Ruinenstadt bleiben, ein ewiges Mahnmal. Doch bei der Abstimmung 1919 wollte eine Mehrheit die Stadt möglichst originalgetreu wieder errichten.

Auch im heutigen Zustand hat Ypern Symbolkraft. Wenn die Abendsonne über den Großen Markt fällt, wirkt es manchmal wie eins dieser pittoresken flämischen Städtchen, mit Kopfsteinpflaster, Stufengiebeln und voller Touristen. Nur, dass die Läden hier ein wenig anders sind. Zwischen belgischen Pralinen und Spezialbieren finden sich auf den paar Metern zwischen Markt und Menentor: The British Grenadier Bookshop, spezialisiert auf Weltkriegsliteratur und Gräbersuche, Souvenirladen Tommy mit militärischen Andenken, ein Stand mit Kriegszeichnungen und mehrere Anbieter von Battlefield Tours.

Wieder muss man an Peter Slosse denken, wenn die Besucher, mit einem Eis in der Hand, Richtung Menentor ziehen, der Gedenkstätte aus hellem Stein, die die niedrigen Häuser um ein vielfaches überragt. „Ein sensibles The­ma“, sagt Slosse zum Verhalten mancher Besucher, „aber trotzdem wollen die Leute auch schlafen, essen und ein Souvenir.“ Von allem gibt es in Ypern reichlich. Zeitig vor dem großen Ereignis um acht Uhr trifft man sich am Tor, wo jeden Abend vier Bläser den „Last Post“ intonieren, einen militärischen Salut an die gefallenen Commonwealth- Soldaten.

Ein Ritual, seit 1928

Seit 1928 lebt dieses Ritual in Ypern, aufrecht erhalten durch die „Last Post Association“. Zehn Verwaltungsmitglieder und acht Hornbläser, von denen jeweils vier im wöchentlichen Wechsel den Toten die Ehre erweisen, deren Namen die hohen Wände vollständig bedecken. Benoit Mottrie ist der Vorsitzende der Freiwilligen- Organisation, sein Urgroßvater war einst einer der Gründer. Nur im Zweiten Weltkrieg wurde der Last Post ausgesetzt. Im Juli 2015, sagt Mottrie, wird er zum 30 000 Mal erklingen.

800 Menschen drängen sich an diesem Abend um das Tor. Klar und feierlich durchschneiden die Bläsertöne die andächtige Stille. Das Museum und The Last Post sind das Pflichtprogramm, das kein Besucher auslässt. Den Rest stellt man sich selbst zusammen, oder man bucht eine Tour zu Schützengräben, Schlachtfeldern, Friedhöfen. Einer der berühmtesten ist der „Essex Farm Cemetery“, der ein paar Kilometer vor der Stadt an einem Kanal liegt. Lange Reihen niedriger Grabsteine, mit Inschriften, die erschüttern. Wie die von Ltn. F.L. Pusch, Irish Guards. Gefallen am 27. Juni 1916. Alter 20: „Es ist, als sei die Sonne ausgegangen.“

Vielen hier geht es so wie den beiden englischen Schwestern um die 50. „Sehr bewegend und ernüchternd“, findet die eine den Besuch im Weltkriegsgebiet. „Ehrfürchtig“ ist die andere angesichts dessen, was sie an den vergangenen drei Tagen sahen. Sie kamen mit ihren beiden Brüdern, und dem 80-jährigen Vater, der gerne die Kriegsschauplätze besuchen wollte. Auf dem „Essex Farm Cemetery“ wird auch John McCrae gedacht, dem kanadischen Militärarzt, der nach der zweiten Flandernschlachte bei Ypern sein weltbekanntes Gedicht „In Flanders Fields“ schrieb. Die Mohnblumen, die er dort beschreibt, finden sich heute überall in der Gegend – auf Kränzen, an Holzkreuzen, als Symbol des Großen Kriegs.

Auch Poperinge, ein Städtchen zehn Kilometer westlich, steht im Zeichen des Jubiläums. Im Zen­trum liegen das „Hotel de la Paix“ und Cafés wie „Britannia“ oder „Saint George“. Neben aktuellen Zeitungen verkauft die Buchhandlung auch regelmäßige Nachdrucke gesammelter Zeitungsartikel von vor 100 Jahren, und im Hotel „Palace“ findet wöchentlich ein Abend mit Mehr-Gänge-Menu und Musik aus der Zeit des Ersten Weltkriegs statt. Titel: „Soundtrack 1914 – 1918“. Damals war es eine englischsprachige Stadt, kurz hinter der Front. Soldaten kamen nach ihren Einsätzen hierher, zurück ins Leben. Wenn „Wipers“ (Ypres) die Hölle war, war „Pop“ die Aussicht auf Linderung.

„Komm in den Garten, vergess den Krieg“ – dieses Schild, das wie eine Verheißung geklungen haben muss, hängt noch heute im „Talbot House“. 1915 hatte der britische Militärkaplan Reverend Philipp „Tubby“ Clayton den „Every Man’s Club“ gegründet. Pension, Bibliothek, Garten, Gemeinschaftszentrum für Soldaten aller Ränge, oben unter dem Dach eine einfache Kapelle: Talbot House hatte viele Funktionen und wurde eine Legende.

Heute ist das hellgestrichene Herrenhaus ein gut besuchtes Museum. An dessen Eingang begrüßt eine Statue von „Tubby“, mit Pfeife im Mund, ganz wie er damals Ankömmlinge von der Front willkommen hieß. Über das Leben in Talbot House und Poperinge gibt es dort reichhaltige Zeugnisse: den Horror eines Verwundetentransports, aber auch Zerstreuung, frisch gebackener Kuchen, provisorisch gebrautes Bier, amouröse Geschichten, Musik.

Apropos: Just als draußen ein Schauer niedergeht, wird es drückend voll im Talbot House. Mehr als hundert Senioren kommen herein. Die Herren tragen rote Polos, es sind die Mitglieder des „South Wales Male Choir“, der am Abend in einer Kirche von Poperinge ein Konzert geben wird, zum 100-jährigen Gedenken an den Großen Krieg.

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