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Wolfgang „BAP” Niedecken: Herz „op dr Zung” und am rechten Fleck

Von: Stephan Vallata
Letzte Aktualisierung:
BAP / Wolfgang Niedecken
Aktion für unsere Leser: Mehr als 650 Einsendungen erhielt die Redaktion nach der Ankündigung, dass Wolfgang Niedecken kommt und sich den Fragen unseres Redakteurs Bernd Büttgens (links) stellt. Nach der Auslosung verfolgten 120 interessierte Gäste den informativen Talk.

Aachen. Es gibt drei Fragen, die man Wolfgang Niedecken lieber nicht stellen sollte. Die hat er mindestens einmal zu oft beantworten müssen. Die will er nicht mehr hören. Erstens: Was heißt eigentlich BAP? Zweitens: Spielt die Band auch außerhalb von Köln? Drittens: Wenn ja, versteht das denn überhaupt jemand?

Gott sei Dank gibt es so viele andere Fragen, die man Wolfgang Niedecken stellen kann. Niedecken, 58 Jahre alt, grau melierte Löwenmähne, versonnener Blick, ist nämlich einer, der das Herz auf der Zunge trägt. Oder wie der Kölner sagt: „op dr Zung”.

Davon überzeugen konnten sich am Montagabend rund 120 treue Leser unserer Zeitung im Aachener Das Da Theater. Sie waren als Gewinner einer Verlosung hautnah dran am Frontmann der bundesweit populären kölschen Mundartband BAP.

Im Gespräch mit Bernd Büttgens, stellvertretender Chefredakteur dieser Zeitung, gelang der zugegeben nicht ganz einfache Spagat zwischen bittersüßen Anekdoten aus dem Leben eines Vollblutmusikers und dessen dramatischen Erlebnissen im humanitären Einsatz für den afrikanischen Krisenherd Norduganda spielend leicht. Vielleicht ja auch deshalb, weil Komik und Tragik ohne einander kaum denkbar wären.

Niedecken weiß darum. Und seine Lieder handeln davon. Auch davon konnten sich die Zuhörer überzeugen. Nach dem mehr als zweistündigen Wortwechsel griff Niedecken zu Mundharmonika und Gitarre.

Der Mann versteht es, klare Worte zu finden: Wenn er seine Begegnungen mit ehemaligen Kindersoldaten in Uganda schildert, lenkt er die Aufmerksamkeit ohne Umschweife auf eine unglaubliche Realität, die andere viel lieber aus ihrem täglichen Leben ausblenden. „Afrika ist kein Thema in Deutschland”, findet er.

Niedecken will beileibe kein „Spendenaufrufonkel” sein, sagt er. Mit Geld allein sei es ohnehin nicht getan. „Ich möchte, dass die Leute das alles einbinden in ihr Denken und Fühlen”, fordert er.

Zum ersten Mal ist Niedecken 2004 in den ostafrikanischen Staat gereist, in dem seit 20 Jahren Bürgerkrieg herrscht und Rebellenführer Joseph Kony mit seiner „Lords Resistance Army” für eine ungewisse Existenz in Angst und Schrecken sorgt. Seitdem ist er regelmäßig dort, ab kommendem Mittwoch abermals für zehn Tage.

Mit dem Chef des Outdoor-Ausrüsters Jack Wolfskin, Manfred Hell, hatte Niedecken im Februar vergangenen Jahres das humanitäre Hilfsprojekt „Rebound” ins Leben gerufen. Es widmet sich der Resozialisierung von ehemaligen Kindersoldaten in der Region Pader und ist in enger Zusammenarbeit mit der internationalen Hilfsorganisation World Vision entstanden.

„Im Kopf dieser Kinder herrscht noch immer Krieg”, macht Niedecken deutlich, wie schwer vielen die Rückkehr in eine zivile Gesellschaft fällt. Befriedet ist sie eigentlich auch gar nicht: „Da kommt man in Gegenden, in denen das einzig florierende Geschäft das des Sargtischlers ist.”

In kurzen Filmsequenzen, die Teil einer auf DVD erschienenen Reportage sind und Niedeckens Reise in den Krieg dokumentieren, wird der Horror greifbar: Zu sehen ist eine junge Frau, die von den Rebellen grausam verstümmelt wurde. Zu sehen ist ein ungefähr 14-jähriger Junge, der Kindersoldat war und gezwungen wurde, seinem besten Freund den Kopf zu spalten. Der ganz „normale Wahnsinn” in Uganda. Ende nicht in Sicht.

Das Projekt „Rebound” setzt am unmittelbaren Alltag dieser Kriegsopfer an. Dazu gehört, Schulen zu bauen oder zu renovieren, Jugendlichen eine einfache Ausbildung als Maurer, Tischler oder Fahrradtechniker zu ermöglichen. Einen Ausweg aus der Misere sieht Niedecken in „der Zertifizierung der afrikanischen Bodenschätze”. Diese würden bisher unkontrolliert abgebaut.

Wolfgang Niedecken wird auch weiterhin bleiben, was er seit beinahe 33 Jahren ist: der Sänger einer Band. Und er wird sich auch weiterhin Dinge von der Seele schreiben und zu Liedern verarbeiten, die Tausende bewegen.

„Manchmal”, sagt er, „bin ich mein eigener Psychiater.” Wenn er erklären möchte, was ihm die Musik bedeutet, zitiert er aus Bob Dylans Biografie: „Songs sind wie Träume, die man wahrzumachen versucht, wie fremde Länder, die man bereist.” Ach ja: BAP leitet sich von Bapp = Vater ab. Die Band spielt tatsächlich auch außerhalb von Köln. Und viele verstehen Kölsch. Was mehr als 15 Millionen verkaufte Tonträger und zehn Nummer-1-Alben eindrucksvoll beweisen.
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