Wohnung bei Archiv-Einsturz verloren: Wut über Bau-Pfusch

Von: Petra Albers, dpa
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Köln. Beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs hat Marco Schönecker seine Wohnung verloren. Heute, ein Jahr später, empfindet er vor allem eines: Wut. „Denn ich habe das Gefühl, dass nicht genug getan wird, damit so was nicht noch mal passiert.”

Die jüngsten Berichte über den Pfusch beim U-Bahn-Bau, zu dem fast täglich neue Einzelheiten ans Licht kommen, machen den 38-Jährigen fassungslos: „Mir scheint, dass das ökonomische Interesse nach wie vor höher gestellt wird als alles andere.”

Auch wenn die Ursache für den Einsturz des Stadtarchivs noch nicht geklärt ist: Ein Zusammenhang mit der geplanten neuen U-Bahn-Strecke gilt als sicher - unmittelbar vor dem Archivgebäude in der Severinstraße befand sich eine tiefe Baugrube. „Mein Eindruck ist, dass man bei dem gesamten U-Bahn-Projekt völlig die Kontrolle über die Sicherheit verloren hat”, sagt der Berufsschullehrer.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt, weil offenbar Bauprotokolle gefälscht und stabilisierende Eisenbügel nicht eingebaut worden sind. An der Baustelle Heumarkt in der Altstadt fehlen mehr als 80 Prozent dieser Bügel. Die Grube soll nun bei Hochwasser geflutet werden, damit sie nicht zusammenbricht. „Was muss das für ein Gefühl sein für die Menschen, die da wohnen?”, meint Schönecker nachdenklich. Bei ihm selbst weckt das Ganze schlimme Erinnerungen an den 3. März 2009.

Der Lehrer war noch in der Schule, als er in einer Unterrichtspause den aufgeregten Anruf einer Nachbarin erhielt: Das Archiv sei eingestürzt, die Gebäude daneben kaputt - auch das Haus Nummer 232, in dem sich Schöneckers Dachgeschosswohnung befand. Schnell radelte er los und sah schon von weitem das Heer von Rettungsfahrzeugen.

In einem Zelt hatte die Stadt eine Anlaufstelle für Anwohner eingerichtet. „Nach und nach kamen immer mehr Nachbarn - aber es war total schlimm, weil wir nicht wussten, ob jemand bei dem Unglück gestorben war.” Irgendwann waren alle Anwohner ausfindig gemacht - bis auf zwei junge Männer, die zum Zeitpunkt der Katastrophe zu Hause gewesen waren: Für sie kam jede Hilfe zu spät.

Nach einigen Tagen durften Schönecker und mehrere andere Nachbarn in Begleitung der Feuerwehr noch einmal in ihre Wohnungen, um wichtige Gegenstände herauszuholen. „Das war richtig unheimlich”, erinnert sich der 38-Jährige. Einige Möbelstücke und eine Reihe anderer Dinge konnte er aus der Wohnung retten. Einen Tag später wurde das Gebäude abgerissen.

Nach dem Unglück habe er zunächst kaum schlafen können, berichtet er. „Ein Notfallseelsorger hat mir erklärt: Wenn jemand seine Wohnung verliert, weckt das Existenzängste.” So sei das wohl auch bei ihm gewesen. Nach etwa zwei Wochen ging es ihm aber langsam besser. Schon am Tag nach dem Einsturz war er wieder zur Arbeit gegangen. Der berufliche Alltag und viele Gespräche mit Freunden und Kollegen hätten ihm bei der Verarbeitung des Unglücks geholfen, sagt Schönecker.

Heute wohnt er weit weg von der U-Bahn-Baustelle. Wie die anderen Betroffenen auch hatte er unmittelbar nach dem Unglück von den Kölner Verkehrsbetrieben (KVB) eine Vorleistung von 10.000 Euro erhalten. Aber die Frage der Entschädigung ist auch ein Jahr später noch nicht abschließend geklärt. Wenn er in der Nähe ist, geht Schönecker meistens an der Stelle vorbei, wo sich einst sein Haus befand. „Trotz allem: Ich sehe mich eigentlich nicht als Opfer, sondern als Glückskind”, sagt er. „Denn ich bin dankbar, dass mir nichts passiert ist.”
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