Aachen - Wladyslaw Bartoszewski: „Es hängt von Euch ab! Seid nicht gleichgültig!”

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Wladyslaw Bartoszewski: „Es hängt von Euch ab! Seid nicht gleichgültig!”

Von: Peter Pappert
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Engagiertes Gespräch, interess
Engagiertes Gespräch, interessierte Zuhörer: Wladyslaw Bartoszewski (rechts) unterhielt sich mit Vanessa Czoma (links), Simone Rothkegel und AZ-Chefredakteur Bernd Mathieu.

Aachen. Eine Schülerin aus dem Publikum nennt die Zahl: 4427. Und da ist es vollkommen ruhig in der Aula des Aachener Geschwister-Scholl-Gymnasiums. „Ja, das war meine Nummer in Auschwitz”, sagt Wladyslaw Bartoszewski, der 1940/41 politischer Häftling in dem Konzentrationslager war. Später schloss er sich dem polnischen Widerstand an und nahm am Warschauer Aufstand gegen die deutsche Terrorherrschaft teil.

Seit Ende des Zweiten Weltkrieges ist der frühere polnische Außenminister und heutige Berater von Premierminister Donald Tusk als Versöhner engagiert. Er setzt sich ein für historisches Verständnis und gegenseitige Verständigung in Europa. Wie dem heute 88-Jährigen das gelingt, davon sind die Schülerinnen und Schüler fasziniert. Sie lernten gestern einen polnischen Patrioten und überzeugten Europäer kennen, einen Regimegegner, der unter kommunistischer Herrschaft mehrmals interniert war, einen Journalisten und Schriftsteller, den Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels und Ehrenbürger Israels, einen Mann, der sagt, „dass es sich lohnt, anständig zu sein”. Und genau darüber zu sprechen, ist er nach Aachen gekommen.

Am Geschwister-Scholl-Gymnasium haben solche Diskussionsrunden - in Zusammenarbeit mit der Karlspreisstiftung - schon Tradition. Vanessa Czomba (16) und Simone Rothkegel (17) sprechen auf dem Podium - unterstützt von unserem Chefredakteur Bernd Mathieu - mit Bartoszewski. Die mehr als 70 Jahre, die zwischen den beiden und ihrem prominenten Gast liegen, schaffen keine Distanz. Denn dafür zeigen sich die zwei Schülerinnen zu interessiert und beeindruckt von einer zutiefst moralischen Persönlichkeit und deren Leben, dafür ist er zu temperamentvoll und zeitweise einfach auch zu schlitzohrig.

„Ich habe eine sehr persönliche Beziehung zu den Patronen Eurer Schule und denen, die mit der Studentengruppe Weiße Rose’ verbunden waren”, sagt Bartoszewski. „Wir alle, obwohl uns persönlich unbekannt, glaubten an die Zukunft Europas und zweifelten nicht an der Richtigkeit christlicher und einfach humaner Ideale.” Bartoszewski erzählt von seinem mutigen und oft gefährdeten Leben, von menschlichem Anstand, der für ihn viel weniger gutes Benehmen ist, sondern vor allem eine Geisteshaltung. Er selbst hat aber auch erlebt, wie Anstand instrumentalisiert und missbraucht wurde, wo missverstandener Anstand nichts mehr mit Menschlichkeit zu tun hatte, sondern nur noch eine Maske war, hinter der mit Verachtung und Hochmut auf angeblich Unanständige oder Unwürdige herabgeschaut wurde.

Bescheidenheit, Hilfsbereitschaft und Höflichkeit, Respekt und Toleranz, „kurzum die grundlegenden Werte des Christentums oder, wenn Sie so wollen, des Humanismus” machen für Bartoszewski Anstand aus. „Wer in diesem Sinne anständig sein will, wer in diesem Sinne anständig zu sein wagt, braucht nicht selten Mut und Standhaftigkeit.” Der Politiker steht nach diesem Verständnis vor der Anstandsfrage, „ob er sich von Gewinn und Ansehen oder vom Gemeinwohl leiten lässt”.

Im Eigentlichen geht es Bartoszewski aber um einen Appell an die jungen Leute, die vor ihm sitzen und ihm zuhören: „Ob Ihr, die Europäer von heute, das geistige Testament der Weißen Rose’ und all jener, die im Kampf gegen Diktaturen und totalitäre Systeme ihr Leben verloren, annehmt, hängt allein von Euch ab!” Er fordert aktive Teilnahme an gesellschaftlichen Fragen, Akzeptanz Andersdenkender, Bereitschaft zum Kompromiss und den Mut, „manchmal auch weniger populäre Meinungen zu vertreten”. Anstand bedeute, loyal, aber nicht unkritisch zum demokratischen Staat zu stehen. „Der Erfolg und die Integrität einer Demokratie hängen von jedem einzelnen ab”, sagt der polnische Historiker. So hätten sich auch damals die Geschwister Scholl gegen die allgemeine Apathie angesichts schlimmster Verbrechen gewandt, gegen die Unfähigkeit, Mitleid - geschweige denn Mitschuld - zu empfinden.

Was Anstand bedeutet

„Vergessen Sie niemals: Totalitäre Regime haben sich den Weg zur Machtergreifung auf den Rücken sogenannter braver Bürger gebahnt”, ruft Bartoszewski in die Aachener Schulaula. Und als Quelle vieler Übel sieht er die Gleichgültigkeit, „die Sünde der Gleichgültigkeit”, die dem Anstand widerspreche. Niemand dürfe sich abwenden, wenn Menschen Leid und Schmerz zugefügt werde. Der Gedanke an Rache und die Relativierung moralischer Werte widersprächen dem Anstand wie dem christlichen Glauben und der europäischen Kultur. Davon seien er und seine Freunde damals in seiner besetzten Heimatstadt Warschau schon überzeugt gewesen.

„Ich möchte Euch klarmachen”, sagt er den Schülerinnen und Schülern, dass Anstand sich nicht nur in gepflegtem Äußeren, kultivierten Umgangsformen und korrektem Auftreten zeige, „obwohl ich hier natürlich keinen Schüler ermutigen will, auf äußere Pflege zu verzichten”. Nein, für Bartoszewski meint Anstand „ein reines Herz und eine reines Gewissen”. Wege zum Anstand müsse jeder selber suchen. Solche Suche habe kein Ende und führe über holprige Pfade. Anständig zu sein, könne sogar lebensgefährlich werden. „Und bringt am Ende oft nicht viel - außer der Genugtuung, außer dem Respekt der Mitmenschen und außer der Feststellung, dass es sich trotz aller Strapazen doch gelohnt hat.”
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