Bonn - Wir lassen‘s Komplimente schneien

Wir lassen‘s Komplimente schneien

Von: Madeleine Gullert
Letzte Aktualisierung:

Bonn. „Ich wollte Dir nur mal eben sagen, dass Du das Größte für mich bist“ – diese netten Worte singen die Sportfreunde Stiller in ihrem Lied „Ein Kompliment“. Aber wann hat man eigentlich selbst zuletzt gesagt „Du bist wunderschön“ oder „Du bist ein toller Typ“ oder „Du lächelst aber schön“? Über diese Frage müssen viele Menschen wohl etwas länger grübeln. Rosa Stark nicht.

Die Studentin hat in Bonn ein Projekt gestartet. Sie macht jeden Tag einem – oft fremden – Menschen ein Kompliment, auf der Straße, in der Uni, im Café, im Park, in der Straßenbahn. Seit Juni veröffentlicht die Psychologiestudentin die gesammelten Komplimente in ihrem Blog „A compliment a day“. Kürzlich sagte sie etwa ihrem Kommilitonen Tilo, dass er eine fantastische Handschrift habe. „Der guckte daraufhin etwas ungläubig“, erinnert sich Stark. Das Beweisfoto, das Stark ins Netz stellt, zeigt tatsächlich eine akribische Handschrift. Wie gedruckt sehen die Notizen aus der Vorlesung aus.

Wie die 24-Jährige überhaupt auf die Idee gekommen ist, anderen Menschen nette Dinge zu sagen? „Da gab es mehrere Ereignisse.“ Am Pariser Nordbahnhof erlebte sie, wie Polizisten fünf bettelnde Frauen unfreundlich rauswarfen. Kurz nach dem für sie traurigen Erlebnis sah sie vor dem Bahnhof eine schöne Frau, der sie ein Kompliment machte. Die Frau war gerührt, bedankte sich, das gab Stark ein gutes Gefühl.

Ein anderes Mal fuhr sie mit einem Freund U-Bahn und machte auch dort einem Fremden ein Kompliment. „Du hast diesem Menschen gerade den Tag versüßt“, sagte ihr Freund daraufhin. Diese Erlebnisse zeigten Stark, dass „Komplimente die Welt leichter“ und schöner machen. Und als sie einige Tage krank im Bett lag, reifte in ihr der Entschluss, ganz professionell Komplimente zu machen, ein Jahr lang.

Ziel: 365 Komlimente

Die Bedingungen, die sie sich selbst auferlegt hat: Jeden Tag macht sie einem Menschen ein Kompliment, das ernst gemeint sein muss. Festgehalten wird das Kompliment inklusive Foto des Angesprochenen – oder auch mal einer Zeichnung, schließlich will sich nicht jeder fotografieren lassen. Stark beantwortet in ihrem Blog außerdem die Fragen: Wer? Wo? Was? Wie haben die Angesprochenen reagiert? Wie hat sie sich gefühlt? Beenden will sie das Projekt, wenn sie 365 Komplimente im Internet veröffentlicht hat. Nicht jeden Tag schafft sie es, eins zu veröffentlichen – aber beinahe.

Los ging es im Juni, inzwischen ist Halbzeit und die Studentin der schönen Worte noch nicht überdrüssig. „Natürlich denke ich manchmal: Oh, jetzt musst Du auch noch ein Kompliment in den Tagesablauf reinpacken. Aber jedes Kompliment ist ein Moment der Verbundenheit“, sagt Stark. Der Blog füllt auch eine Lücke in ihrem Leben. Als sie eine Fernbeziehung führte, machte sie für ihren damaligen Freund ein „Schöne-Momente-Tagebuch“. Jeden Tag ein Video oder ein Bild. Als die beiden sich trennten, fehlt ihr etwas. Nun macht sie Fremden eine Freude.

Keine blöden Reaktionen

Richtig planen kann sie das nicht. Oft geht Stark gedankenverloren die Straße entlang – und „plötzlich spüre ich dieses Gefühl“ und dann spricht sie eben den Menschen an, an dem ihr etwas Besonderes aufgefallen ist: Sommersprossen, Street-Art, die Haare, das Verhalten – all das hat Stark schon an Menschen gefallen.

Blöde Reaktionen hat es noch nie gegeben. Trotzdem kostet es sie auch nach sechs Monaten immer noch Überwindung, Menschen auf der Straße anzusprechen. „Hallo, ich bin Rosa Stark und mache ein Projekt. Heute möchte ich Ihnen ein Kompliment machen.“ Das sagt die 24-Jährige zur Einleitung, damit die Menschen sich nicht komisch von der Seite angequatscht fühlen. Sie versucht den Angesprochenen zu vermitteln, dass sie ihre Worte ernst meint. Besonders schwer fällt es ihr, jemandem zu sagen, dass sie ihn attraktiv findet. „Ich weiß auch nicht genau, warum.“

Bis jetzt kam nur ein einziges Mal ein Kompliment gar nicht an. Nicht weil der Gelobte verärgert war – er und Stark fanden schlichtweg keine gemeinsame Sprache, um zu kommunizieren. Englisch, Französisch, Spanisch, Deutsch – Fehlanzeige. „Aber er hat gemerkt, dass ich ihm etwas Positives vermitteln wollte“, ist sie sich sicher.

In Deutschland reagieren die Menschen besonders zurückhaltend, erzählt Stark, die viel reist und auch dann Komplimente verteilt. Manche Menschen hätten das Gefühl, etwas Nettes erwidern zu müssen. „Aber darum geht es gar nicht.“ Andere sind irritiert, überfordert, gerührt. Diese Scheu, Komplimente anzunehmen, beschrieb schon der Autor Mark Twain: „Ein Dutzend direkter Tadel ist leichter zu ertragen als ein dahergeschenktes Kompliment.“ Nicht jeder kann mit netten Worten umgehen, das spürt auch Stark.

Eine Aldi-Kassiererin hatte Tränen in den Augen, als die junge Frau ihr sagte, wie toll sie ihren stressigen Job macht – dazu noch mit einem Lächeln auf den Lippen. Den „Aldi Engel“, nennt sie die Frau in ihrem Blog. „Es ist toll, was man mit ein paar Worten bewirken kann.“ Komplimente sieht Stark als einen Gewinn für beide Beteiligten. Eine klare Win-Win-Situation. Der Angesprochene kann sich über die netten Worte freuen, Stark erfreut sich an der Reaktion, an der Begegnung. „Die Person und ich kreieren einen besonderen Moment.“ Und sie gibt jeder Begegnung die Chance, mehr zu werden. Wenn es „funkt“, unterhält sich die junge Frau auch mal eine Stunde mit dem Angesprochenen.

Es entstehen Freundschaften

Joachim etwa lobte sie kürzlich für die entspannte Art, wie er in der Mensa der Universität seine Zeitung liest – und erfuhr daraufhin, dass er seine Zeit auf dem Campus verbringt, weil er seine Tochter, die im Rollstuhl sitzt, zu den Seminaren bringt. Joachim erzählte von den Herausforderungen für die Familie, von Problemen mit der Krankenkasse. Es ist einer dieser Momente der Verbundenheit, die Stark erlebt. Manchmal werden aus Angesprochenen Bekannte oder gar Freunde. „Ich habe schon viele neue Facebook-Bekanntschaften, seit ich das Projekt mache“, sagt sie lachend.

Eine ihrer Lieblingsbegegnungen, so erzählt sie, ist die mit einem älteren Ehepaar in San Francisco. Ein Mann und eine Frau, die schick gekleidet ganz behutsam Arm in Arm die Straße entlangspazierten. „Ich habe ihnen gesagt, dass sie ein tolles Paar sind“, sagt Stark. Die beiden verrieten ihr daraufhin, dass sie seit 56 Jahren verheiratet sind. „Wahnsinn. Das will ich auch einmal haben“ – denkt Stark, die aus einer Patchwork-Familie kommt, nach der Begegnung. „Die beiden waren wie zu einem verschmolzen“, sagt sie noch immer ganz berührt von diesem Treffen.

Für Stark sind Komplimente Hingabe, ein Feiern, eine Form von Liebe, und so ist das schönste Kompliment für sie ganz eindeutig: „Ich liebe Dich“, weil „es alles miteinschließt und nicht nur einen Aspekt eines Menschen“.

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