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Wie viele Quadratmeter lassen sich in einer Stunde putzen?

Von: Udo Kals
Letzte Aktualisierung:
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Bildnummer: 52040909 Datum: 09.02.2007 Copyright: imago/imagebroker/Stefan Klein
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Düren/Heinsberg. Butterbrotreste vom Teppich saugen, Spielzeug unter den Regalen wegräumen, Abdrücke der Schmierfinger von den Scheiben wischen: Wer sich zu Hause schon einmal mit der Tagesproduktion von Kindern beschäftigt hat, kann sich vorstellen, was Putzkräfte in Kindergärten zu leisten haben - eine ganze Menge.

Das meint auch Heinz Tollhausen, der als langjähriger Geschäftsführer eines Dürener Reinigungsunternehmens zudem einräumt, dass seine Mitarbeiter „trotz des Anspruchs auf einen gesetzlichen Mindestlohn keine Reichtümer verdienen” könnten.

Aber dass jetzt bei der Klage über die Arbeitsbedingungen für Reinigungskräfte gerade über die Städteregion Aachen mit der Kritik „hergefallen” werde, dort würde „eine Lohnkürzung durch die Hintertür” betrieben, hält er für überzogen.

In besagtem Fall haben die Putzkräfte für die Reinigung einer 250 Quadratmeter großen Kita in Simmerath nur noch zweieinhalb statt wie bisher dreieinhalb Stunden Zeit. „Ich habe Verständnis dafür, dass die Reinigungskräfte murren. Sie müssen in der Tat am Ende des Tages mit weniger Zeit denselben Reinigungsumfang bewältigen und haben dennoch weniger Geld in der Tasche.” Aber, so fügt er an: „Die von der Städteregion verlangten Zustände sind paradiesisch.”

Tollhausen muss es wissen. Schließlich hat er an der Ausschreibung teilgenommen und kennt den Markt. Er habe seinen Augen nicht getraut, als er von den maximal anzubietenden Leistungsmaßen - also der Quadratmeterzahl pro Stunde, die eine Reinigungskraft maximal leisten darf - erfuhr.

„Es war gestattet, höchstens 160 Quadratmeter pro Stunde anzubieten. Wer soll das nicht schaffen? Ausschreibungen mit Vorgaben von 250 Quadratmeter sind keine Seltenheit.” Die Vorgaben liegen also üblicherweise rund 50 Prozent höher als bei der jüngsten Ausschreibung der Städteregion.

Bei solchen Angaben schüttelt Güngör Özkul nur den Kopf. „Natürlich ist jedes Gebäude anders. Doch gerade bei Kindergärten sind solche Werte überhaupt nicht zu schaffen”, sagt der Fachsekretär der Aachener IG Bau. Doch er weiß: „Selbstredend geben Unternehmen Angebote ab. Jeder will Aufträge, dabei unterbieten sie sich, wo sie nur können.” Das heißt für ihn: „Der Preiskampf wird auf dem Rücken der Mitarbeiter ausgetragen - mit teils großen Belastungen für die Menschen. Zudem leidet die Qualität.”

Zumindest letzteres sieht auch Tollhausen so: „Die Auftraggeber sind oft unzufrieden. Wir merken das daran, dass oftmals Objekte recht schnell wieder ausgeschrieben werden, obwohl sie etwa auf vier Jahre vergeben werden sollten.” Dabei müsste „den Auftraggebern doch klar sein, dass die Arbeit nicht zu schaffen ist”, meinen der Gewerkschafter und der Arbeitgeber unisono.

Und Özkul fügt an: „So drehen die beteiligten Unternehmen an der Preisspirale.” Warum, das weiß Heinz Tollhausen, der bei seiner Firma Zahorka rund 700 Mitarbeiter beschäftigt und in ganz NRW tätig ist: „Die wollen einen Fuß in die Tür bekommen. Ganz einfach. Und die Kommunen haben auch ein Interesse daran, möglichst preiswert die Aufträge vergeben zu können.”

Dabei sieht das Vergaberecht unter anderem vor, dass möglichst das wirtschaftlichste Angebot zum Zug kommen sollte. Das kann, muss aber nicht das preiswerteste sein. Die Stadt Heinsberg etwa hat in die Entscheidung auch einbezogen, wie viele Reinigungsstunden tatsächlich real in den Objekten geleistet werden. Sie ist nur eine von vielen Kommunen, die in ihren Kitas bis zu 250 Quadratmeter pro Stunde gereinigt haben will.

Als problematisch sehen das die Verantwortlichen nicht an. „Wir halten uns an die Vorgaben des Bundesinnungsverbandes der Gebäudereiniger”, sagt Karsten Knoben vom Amt für Gebäudewirtschaft. So würde etwa für Toilettenanlagen die Vorgabe gemacht, maximal 60 Quadratmeter pro Stunde zu reinigen. Nur bei Turnhallen oder Fluren, in denen wenig wegzuräumen ist, werde die Quadratmeterzahl von 250 pro Stunde verlangt: „Wir sind bemüht, für beide Seiten erträgliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Was wir in den Ausschreibungen fordern, ist machbar.”

Das sieht auch manches Unternehmen so. Schließlich hatten sich genügend Firmen an der Heinsberger Ausschreibung beteiligt. Auch Tollhausen hat sich beworben, aber die Mitteilung erhalten, dass die „Aufträge an preiswertere Bieter vergeben” worden sind.

So putzen nach den Herbstferien Mitarbeiter der Firma Aktiv aus Kamp-Lintfort in Heinsberg. Und schon wieder muss Gewerkschafter Özkul den Kopf schütteln. „Jetzt kommt auch in Heinsberg ein Unternehmen zum Zug, mit dem wir als Gewerkschaft keine guten Erfahrungen gemacht haben. Wir bedauern diese Entwicklung außerordentlich.”
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