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Wie viel Geld ist ein Mensch eigentlich wert?

Von: Thomas Vogel
Letzte Aktualisierung:
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32 Todesopfer forderte das Unglück der Costa Concordia: Wie viel Entschädigung Hinterbliebene bekommen, ist unterschiedlich. Im Dokumentarfilm „Was bin ich wert?“ geht Regisseur Peter Scharf der Frage nach, wie sich der Geldwert eines Menschen berechnet. Interviewt hat er etwa den Mann, der die Entschädigungen für die Hinterbliebenen des Anschlags auf das World Trade Center berechnet hat. Foto: stock/Milestone Media
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„Was bin ich wert?“: Regisseur Peter Scharf denkt in seiner gleichnamigen Dokumentation nicht nur über diese Frage nach, sondern begibt sich auf die Suche nach einer Antwort. Foto: W-film/Bildersturm Filmproduktion

Aachen. Unbezahlbar ist kein Mensch – zumindest, wenn es nach Versicherungen, Behörden und Unternehmen geht. Experten rund um den Erdball ermitteln für jeden Menschen nach bestimmten Berechnungsmodellen einen Preis. Meist passiert das im Verborgenen.

Wie viel Entschädigung bekommen die Hinterbliebenen von Opfern des Costa-Concordia-Unglücks, wie viel die von 9/11-Opfern. Nicht jeder bekommt das Gleiche. Für einige Menschen wird mehr, für andere viel weniger gezahlt.

Regisseur Peter Scharf wollte es genau wissen, wollte wissen, wie der Wert eines Menschen berechnet wird, und schließlich, was er selbst wert ist. In seinem Dokumentarfilm „Was bin ich wert?“ hat er sich auf die Suche nach einer Antwort gemacht. Der Film läuft heute Abend in einem Preview in Aachen.

Der Titel des Films stellt die Frage: „Was bin ich wert?“ Sind Sie im Laufe der Recherche zu einer Antwort gekommen?

Scharf: Zu keiner seriösen. Auf der Ebene des Spiels, wenn ich die Suche nach meinem Wert mal so nennen darf, ist die Antwort 2,4 Millionen Euro. Die Zahl errechnet sich dadurch, dass ich verschiedene Berechnungsmethoden für den Wert eines Menschen aufaddiert und dann durch die Zahl der Methoden geteilt habe. Das ist natürlich total unseriös. Die Antwort ist aber im Prinzip nicht falsch, weil für Männer meines Alters – Mitteleuropäer – sehr oft Zahlen zwischen ein und zwei Millionen rauskommen. Im übertragenen philosophischen Sinn weiß ich natürlich auch nicht mehr, als am Anfang. Eigentlich würde ich sogar sagen, dass mein Wert gelitten hat. Mir ist klar geworden, wie wenig ich wert bin, wenn ich ein gewisses Alter überschreite, einen gewissen Gesundheitszustand nicht mehr erreiche und so weiter. Vor diesem Hintergrund bin ich weniger wert, als ich vorher gedacht hätte.

Hatten Sie eine Zahl im Kopf, bevor Sie begonnen haben, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen?

Scharf: Ich habe mich mit dem Thema natürlich befasst, bevor ich mit Experten gesprochen habe. Eine Zahl zwischen eins und fünf Millionen wäre wahrscheinlich gewesen, nach dem, was ich wusste. Ganz ohne Recherche hätte ich wahrscheinlich geglaubt, dass eine wesentlich geringere Zahl herauskommt. Aber natürlich hat es ex-trem etwas damit zu tun, aus welchem ökonomischen Zusammenhang sich eine solche Zahl errechnet. Die Entschädigungszahlung zum Beispiel aus dem, was man noch verdient hätte: Ein Verdienst von 50 000 Euro Brutto im Jahr ergibt bei 20 Jahren eine Million Euro. Da wird unter Umständen schnell eine gewisse Höhe erreicht.

Sie sagten, ab einem gewissen Alter sinkt der Wert eines Menschen rapide. Was sind denn die neuralgischen Punkte, von denen der Wert abhängt?

Scharf: Es gibt in jedem Berechnungsmodell Parameter, die total wichtig sind, vor allem im Rahmen des sogenannten Humankapitals. Da sind Alter ebenso wie Bildung, Verdienst und Familiensituation ganz entscheidend. Der Verdienst spielt eine große Rolle, weil der Restverdienst auf das Leben gerechnet mit zunehmendem Alter kontinuierlich abnimmt.

Vom Wert eines Menschen zum Selbstwert scheint der Weg nicht sonderlich weit. Welche Rolle hat der Selbstwert bei der Entscheidung, diesen Film zu machen, gespielt und hat sich Ihr Selbstwertgefühl mit der Recherche und Produktion des Films verändert?

Scharf: Die Entscheidung, diesen Film zu machen, hat ihren Ursprung einerseits darin, dass ich das Thema generell interessant fand, als ich in Büchern darüber gelesen habe. Andererseits hatte ich eine Operation, die nichts geworden ist. Deswegen konnte ich vorübergehend nicht mehr arbeiten und habe mich selbst infrage gestellt. Insofern ist der Film aus einem sehr stark in Mitleidenschaft gezogenen Selbstwertgefühls heraus gestartet worden. Es ist der etwas vereinfachte Versuch zu sagen: Wenn ich mein Selbstwertgefühl als besonders niedrig empfinde, dann will ich doch mal wissen, wie viel ich wert bin. Das war also irgendwie auch ein Spiel. Ich würde aber nicht sagen, dass der Film mein Selbstwertgefühl wiederhergestellt hat. Er hat mich eher darin bestärkt, dass dieses niedrige Selbstwertgefühl nicht nur eine persönliche Empfindung ist, sondern durch ganz harte Faktoren in der Gesellschaft festgemacht und verankert wird.

Menschen einen Geldwert zuzuordnen hört sich sehr kalt und hart an. Können Sie dem Thema nach der intensiven Beschäftigung damit auch etwas Positives abgewinnen?

Scharf: Das erschreckende ist ja eher, dass dieses Berechnen auf so vielen Ebenen einsetzt und über das Rechnen die Moral verschwindet. Mit dem Rechnen hat man eine vordergründige Transparenz, den Glauben, das Ergebnis der Rechnung sei auch richtig. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass dieses Berechnen des Wertes von Menschen eine sehr gefährliche neokapitalistische, neoliberale Haltung ist. Aber ich präjudiziere Moral nicht. Wenn der Anwalt von 9/11 die Leute durchberechnet und sagt, der Bankangestellte bekommt sieben Millionen Dollar und der Tellerwäscher bekommt 300 000 Dollar aus den und den Gründen, dann lasse_SSRq ich das so stehen. Das kann man auch so machen. Aber diese Tendenzen sind meiner Meinung nach sehr gefährlich, weil sie so unhinterfragt dastehen. Man kann sie nur an bestimmten Punkten wahrnehmen, in vielen anderen Bereichen aber nicht, es sei denn, man ist in der Lage, wirklich hinter die Kulissen zu blicken. Das können aber die Allerwenigsten.

Da passiert also viel im Verborgenen, das sich Ihnen im Zuge der Filmproduktion aber offenbart hat. An welche Information erinnern Sie sich, über die Sie gedacht haben: „Das ist doch absurd, das kann doch nicht sein“?

Scharf: Das war der „Value of statistical life“, also Wert des statistischen Lebens, eines der Berechnungsmodelle. Demnach wird der Mensch danach bewertet, was er selbst glaubt, wert zu sein. Das funktioniert über Risikofragen. Im Film wird das anhand folgender Risikofrage verdeutlicht: „Sie sind mit 10 000 Menschen in einem Fußballstadion, von denen einer sterben muss. Was wären Sie bereit zu geben, um nicht dieser eine zu sein?“ Im Normalfall würde jeder erstmal sagen „Alles“. Dann lässt man das aber sacken und überlegt: Wenn ich morgens Auto fahre, gibt es eine Chance von 1 zu 1 000 000 dass ich sterbe, wenn ich rauche und so weiter. Irgendwann wird man vielleicht sagen: „Ich zahle 2000 Euro“ oder so. Das wird dann mit der Zahl der Stadionbesucher multipliziert und man hat den Wert des Menschen. Mit solchen Zahlen rechnen fast alle großen amerikanischen Behörden.

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