Wie „unbedeutende Arbeiten” in Köln doch bedeutende Folgen hatten

Von: Christoph Driessen, dpa
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Köln / Stadtarchiv / Einsturz
Bergungsarbeiten rund um die Uhr: Zur Sicherung und Unterstützung der Feuerwehr (Foto) am eingestürzten Kölner Stadtarchiv wurde auch das THW Stolberg angefordert. Foto: dpa

Köln. Über der Südstadt lag noch eine riesige Staubwolke, als die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) am Nachmittag des 3. März ihren ersten Kommentar zum Einsturz des Stadtarchivs abgaben. Ja, es stimme, dass sich gleich daneben eine U-Bahn-Baustelle befinde, sagte Projektleiter Rolf Papst.

Aber die Tunnelarbeiten am Unglücksort seien schon seit über einem Jahr beendet, und zurzeit fänden dort nur noch „eher unbedeutende Arbeiten” statt. Eine bemerkenswerte Stellungnahme aus heutiger Sicht. Denn inzwischen weiß man, dass sich tief in dieser Grube schon seit langem die Erde bewegte.

Seit Monaten stand das Archiv wohl nicht mehr auf sicherem Boden. Schon im September, ein halbes Jahr vor dem Einsturz, kam es zu einem sogenannten hydraulischen Grundbruch: Große Mengen Wasser brachen in die Baugrube ein. In den nachfolgenden Monaten sackte das Archivgebäude bereits ab, nach Recherchen des „Kölner Stadt- Anzeigers” allein sieben Millimeter vom 4. auf den 5. Februar. Es bildeten sich neue Risse, und in die Grube sickerte weiter das Wasser. Am Unglückstag brach erneut Wasser ein - der Boden rutschte nach, und das Archiv stürzte samt Nachbarhäusern zusammen. Zwei Menschen starben, einer davon während des Mittagsschlafs: Seine Wohnung versank einfach in der Erde.

Die KVB jedoch sind sich bisher keiner Schuld bewusst. Es waren auch nicht sie, die die Öffentlichkeit oder auch nur den Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) über den ersten Wassereinbruch im September informierten. Es war ein einzelner Mitarbeiter einer Vermessungsabteilung. „Da muss ich schon sagen, das ist starker Tobak”, sagte Schramma am Samstag der dpa. War es bewusste Vertuschung oder Inkompetenz? Das müsse sich noch zeigen, meint er, in jedem Fall sei er „not amused”.

Doch Schramma steht auch selbst in der Kritik. Ein Grund dafür ist seine unermüdlich wiederholte Beteuerung, er habe mit dem U-Bahn-Bau rein gar nichts zu tun, das falle nicht in seine Verantwortung, die wesentlichen Entscheidungen seien auch lange vor seiner Zeit getroffen worden, und nachher seien dann nun mal alle Parteien dafür gewesen. Die KVB - über zwei Ecken eine Tochter der Stadt - erinnern ihrerseits gern daran, dass die Arbeiten komplett in der Hand mehrerer Bauunternehmen lagen. Und diese Bauunternehmen schweigen, schließlich stehen noch Gutachten aus.

Unklare Zuständigkeiten gelten seit langem als eines der Hauptkennzeichen Kölner Regierungsweise. Wenn etwas schief geht, ist es niemand gewesen, und da alle mit drinhängen, muss man wenig befürchten. Vom Hörensagen kennt auch Schramma die legendären Arbeitsfrühstücke, bei denen zumindest früher die dicken Aufträge untereinander verteilt wurden. In mehreren Fällen muss die hoch verschuldete Stadt noch heute horrende Summen für überteuerte Großprojekte abstottern.

Schramma hat angekündigt, dass er nun hart durchgreifen wolle. Aber bisher agieren die KVB allem Anschein nach weitgehend unabhängig von den Bitten, Appellen oder auch Forderungen des Oberbürgermeisters. Es dauerte allein eine Woche, bis sie seinem Wunsch nach einem vorübergehenden Baustopp auch nur teilweise entsprachen. Bei Pressekonferenzen beklagte sich Schramma zeitweise bitter darüber, dass tief in der Erde wohl immer noch gebohrt werde. Sein Schreibtisch im Rathaus wackle jedenfalls weiter.
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