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Wie lange dürfen sie noch tanzen?

Von: Alexander Barth und Marlon Gego
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Noch tanzen sie im „B9” in A
Noch tanzen sie im „B9” in Aachen. Doch Betreiber Rudi Wesner glaubt nicht, dass auch nächstes Jahr noch getanzt werden kann, sollte die Gema ihre geplante Gebührenreform zum 1. Januar in die Tat umsetzen. Foto: Kambiz Javadi/imago, Lars Reimann

Aachen. Albert Spiertz ist bestimmt kein Choleriker, aber wenn er sich erst einmal in Rage geredet hat, dann ist es gar nicht so einfach, ihn zu bremsen. Spiertz sagt Worte wie „weltfremd”, „Monopol-Stellung” und „Abzock-Institution”, wenn er über die Gebührenreform der Gema spricht, die ihn und seine Disco in Übach-Palenberg bedrohen.

Seit den frühen Achtzigern betreibt er die „Rockfabrik”, und die Gema, die die Gebühren für die Urheberrechte von Bands, Sängern und anderen Musikschaffenden eintreibt, hat ihm noch immer Probleme gemacht. Spiertz sagt: „Die Erfahrung lehrt mich, dass bislang noch keine angekündigte Erleichterung praktisch eine solche gewesen ist. Die Gema ist eine reine Abzock-Institution, die sich auf ihrer Monopol-Stellung ausruhen kann.”

So wie Spiertz sprechen im Grunde alle Diskothekenbetreiber der Region. Wenn die Reform am 1. Januar 2013 tatsächlich inkrafttreten sollte, stehen im Grunde alle Discos vor dem Aus. Das sagen die Betreiber des „B9” und des „Starfish” in Aachen, des „Kleijbors” in Eschweiler, des „Club Indigo” in Düren-Merken, des „Haus Waldesruh” in Heinsberg-Himmerich, und Albert Spiertz sagt es sowieso. Zwischen 400 und 800 Prozent mehr als bislang sollen die Diskothekenbetreiber an die Gema dann entrichten.

Die Gema, die weltweit zwei Millionen Musikmacher vertritt, will ihre Gebühren künftig an vier Parametern ausrichten: Eintrittspreis, Veranstaltungsfläche, Veranstaltungsdauer und wöchentliche Frequenz der Veranstaltungen. Eine Sprecherin erklärte am Donnerstag auf Anfrage unserer Zeitung, die von Diskothekenbetreibern, Party- und anderen Veranstaltungsorganisatoren geforderten Gebühren seien „im europäischen Vergleich lächerlich”. Jeder Türsteher verdiene an einem Abend mehr, als Discos für die Musiknutzung ausgeben würden, von DJs ganz zu schweigen. „Alles soll nun gerechter werden, die Vergütung der Musiknutzung muss angemessen sein”, sagte die Sprecherin.

Die Bundesvereinigung der Musikveranstalter sieht das völlig anders und strebt ein vorgerichtliches Schlichtungsverfahren an. Die Aussicht auf Erfolg ist gering. Seit es die Gema gibt, hat den Musikveranstaltern noch keine Schlichtung einen Erfolg beschert. Bliebe noch der Gang vor ein Gericht. Doch ein Prozess gegen die Gema würde Jahre dauern, die Gebührenreform träte erst einmal inkraft - und eine wirkliche Überlebenschance hätten nur die wirklich großen, wirklich umsatzstarken Discos ab 5000 Quadratmeter Veranstaltungsfläche, von denen es in der Region keine einzige gibt.

Die Gebühren, die die Gema an ihre Mitglieder ausschüttet, sinken kontinuierlich, und das hat damit zu tun, dass die CD-Absätze in den vergangenen zehn Jahren dramatisch gesunken sind, große Internetplattformen wie Youtube keinen Cent für Musik-Nutzungsrechte bezahlen und die Zahl der illegalen Downloads nach wie vor immens groß ist. Die gesamte Musikindustrie hat auf die Erfindung und die Möglichkeiten des Internets noch immer keine Kompensation gefunden. Zwar bestreitet die Gema, dass es einen Zusammenhang mit der Gebührenreform gebe, da die Gebühren aus Tonträgern anders erhoben würden als aus Musikveranstaltungen; aber letztlich fließen beide Gebührenarten in denselben Topf, der immer leerer wird.

Marc Kleijbor, der das „Kleijbors” in Eschweiler betreibt, das früher mal „Octagon” hieß, will nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen, seine 140 Mitarbeiter hat er kürzlich erst einmal beruhigen müssen. Aber auch er sagt: „Bei der Reform geht es um Summen, die einen schütteln.”
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