Wie eine neue Niere einer Stolbergerin das Leben rettete

Von: Ottmar Hansen
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Dialysepatienten müssen drei Mal die Woche jeweils für fünf Stunden zur Blutwäsche. Sonst würden sie sterben. Sie warten deshalb händeringend auf ein Spender-Organ. Foto: imago/Bildwerk
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Dr. Bernhard Holschbach freut sich mit seiner Patientin Catherine Hoffmann-Schoenen. Foto: O. Hansen

Stolberg. Wenn Catherine Hoffmann-Schoenen an den 24. August 2012 zurück denkt, schießen ihr immer noch die Tränen in die Augen. Es war genau 22.20 Uhr, als ihr zweites Leben begann. Die vierstündige Operation im Aachener Klinikum war noch nicht ganz beendet, da begann ihre neue Niere zu arbeiten.

„Diesen Zeitpunkt werde ich nie vergessen. Das war mein zweiter Geburtstag“, sagt die Diplom-Ingenieurin aus Stolberg heute. „Auf diesen Augenblick hatte ich nur ein Jahr und 21 Tage gewartet“, sagt Catherine Hoffmann-Schoenen. Ein Jahr lang hatte sie zuvor das Stolberger KfH-Nierenzentrum besucht. Ohne die fünfstündige Blutwäsche in der Dialyse drei Mal die Woche hätte sie nicht überlebt. Ihre Nieren waren von Zysten übersät. Eine Krankheit, die Catherine Hoffmann-Schoenen von ihrem Großvater geerbt hatte. Mit 30 Jahren traten die ersten Symptome auf: Ständige Müdigkeit, fehlende Belastbarkeit, Eisenmangel. Der Großvater war im Alter von 59 Jahren daran verstorben. Im gleichen Alter kam die Enkelin an die rettende Dialyse. Und auf die Warteliste für ein Spenderorgan.

Das langsame Versagen der Nieren spürt man zunächst nicht. Vielleicht, dass die körperliche Belastbarkeit nachlässt. Erst die Blutuntersuchung bringt Gewissheit. In der Regel sind dann beide Nieren betroffen. Jetzt kommt es darauf an, die Nierenpatienten möglichst früh, unter anderem medikamentös, durch einen Nierenarzt zu behandeln, so lässt sich der Gang zur Dialyse oft noch hinaus zögern. Doch irgendwann bleibt nur noch der Gang zur Blutwäsche oder einem alternativen Dialyseverfahren. (Es gibt neben der Blutwäsche noch die Bauchfelldialyseverfahren)

„Wenn die Nierenfunktion am Ende nur noch bei circa zehn Prozent liegt, sammeln sich Giftstoffe zunehmend im Körper an, und die Symptome werden lebensbedrohlich“, erläutert Dr. med. Bernhard Holschbach vom KfH Nierenzentrum in Stolberg das Problem. Damit wird der Patient alleine nicht mehr fertig. Er muss an die Dialyse, aber auch die kann niemals eine eigene Niere ersetzen. Hoffmann-Schoenen: „Trotzdem rettet die Dialyse das Leben und erlaubt es, relativ gut warten zu können - mit Einschränkungen - aber mit einer annehmbaren Lebensqualität. Die große Rettung und Freiheit bringt aber langfristig doch nur ein Spenderorgan“.

Nur damit können die Betroffenen wieder ein normales Leben führen. Doch auf eine Organspende müssen die Patienten inzwischen immer länger warten. Nach dem Lebertransplantations-Skandal in den Jahren 2010 und 2011, bei dem Empfänger von Organen gegen Schwarzgeldzahlungen anderen vorgezogen wurden, ist die Zahl der Organspenden in Deutschland insgesamt zurückgegangen. Leidtragende sind heute alle die Patienten, die auf ein Spenderorgan warten, darunter viele Dialysepatienten. Im ersten Quartal 2010 gab es noch 343 Organspender, im ersten Quartal 2014 waren es nur noch 204. Vergangenes Jahr warteten rund 8000 Patienten auf eine neue Niere, nur 2272 Patientinnen und Patienten wurden transplantiert.

Manche Patienten in Stolberg warten inzwischen mehr als zehn Jahre auf eine Spenderniere und sind auf die Dialyse angewiesen. Jedes gespendete Organ kann ein Leben retten. „Es war wie ein Sechser im Lotto“, erinnert sich Catherine Hoffmann-Schoenen noch genau an den Tag, als sie die Nachricht vom Transplantationszentrum der Aachener Uniklinik erreichte, dass eine Spenderniere von der zentralen, europäischen Vermittlungsstelle „Eurotransplant“ in Leiden für sie gefunden worden sei. Das Organ stammt von einer 64-jährigen Verstorbenen aus Amsterdam.

Entscheidend dabei: Nicht nur die Blutgruppe und die genetischen Eigenschaften, auch alle weiteren Kriterien passten sehr genau auf die Vorgaben der Stolbergerin. „Es passiert extrem selten, dass es so schnell geht“, freute sich Dr. Holschbach mit seiner Patientin. Die Spender bleiben in der Regel anonym. Es handelt sich um Patienten, die auf der Intensivstation eines Krankenhauses den Hirntod erlitten haben. Organe können nur dann entnommen werden, wenn der Hirntod zweifelsfrei feststeht und durch zwei entsprechend qualifizierte Fachärzte unabhängig voneinander festgestellt wurde.

„Ich bin am Tag der Operation morgens um 7 Uhr im Klinikum angekommen. Und jeder schüttelte mir die Hand und hat mir gratuliert“, sagt Catherine Hoffmann-Schoenen. Auch im Stolberger KfH-Dialysezentrum, in dem die heute 62-Jährige schließlich viele Stunden mit Gleichbetroffenen zugebracht hatte und auch heute nach der Transplantation weiterhin ambulant betreut wird, hieß es nur: „Mensch, hast du ein Glück!“ Hoffmann-Schoenen: „Alle freuten sich mit.“ Nicht zuletzt natürlich auch ihr Mann, drei Stiefkinder und acht Enkel.

Die Operation verlief komplikationslos. Jetzt muss Catherine Hoffmann-Schoenen alle zwölf Stunden Medikamente einnehmen, damit ihr Körper die neue Niere nicht abstößt. „Aber das ist mir völlig egal“, so die Stolbergerin. Während sie als Dialysepatientin täglich nur maximal einen halben Liter Flüssigkeit trinken durfte, sind ihr da jetzt keine Grenzen mehr gesetzt. Und sie kann wieder verreisen. Ohne sich vorher Gedanken machen zu müssen, wo die nächst erreichbare Dialyse-Station ist. Die ständig um ein Nierenversagen kreisenden Gedanken sind einem neuen Leben gewichen. Catherine Hoffmann-Schoenen: „Ist das nicht fantastisch?“

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