Wie die Ermittler Micha K. auf die Spur gekommen sind

Von: Claudia Schweda
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„Wir gehen davon aus, dass die Dunkelziffer riesig ist“: Roland Küpper, Leiter der NRW-Ermittlungen.

Köln. Mit kriminalistischer Detailarbeit und ausgefuchster Ermittlungstaktik sind die Fahnder dem Lkw-Schützen Micha K. auf die Spur gekommen. Und Roland Küpper ist stolz darauf. Das sieht man dem Leiter der NRW-Ermittlungen an diesem Dienstag im Kölner Polizeipräsidium an.

Das mache schon Spaß, wenn am Ende eins zum anderen passe, sagt er. Die Schwierigkeit für die Ermittler lag darin, dass sie zwar eine Fülle von Fällen hatten – insgesamt 762 dokumentierte Treffer, 114 davon in NRW – aber es ergab sich kein Täterprofil. Die im vorigen Herbst verstärkte Öffentlichkeitsfahndung erbrachte zwar 450 Hinweise, aber keine heiße Spur. Und die nach Küppers Angaben etwa zur gleichen Zeit aufgestellten Kennzeichenlesegeräte entlang der in mühevoller Kleinarbeit erarbeiteten Routen des Fahrers brachten zunächst nichts: „Nach der Ausstrahlung von ‚Aktenzeichen XY‘ gab es keine Vorfälle mehr.“

Küpper erinnert sich an die Gänsehaut, die ihn zu dieser Zeit das ein oder andere Mal überkommen hat. Natürlich freute er sich, dass der Täter – offenbar eingeschüchtert durch die Fernsehausstrahlung – seine Serie vorerst beendet hatte. Aber wie lange würde das anhalten? „Da fährt jemand auf nordrhein-westfälischen Straßen und schießt nachgewiesene über 700 Mal – und wir haben nichts!“, erinnert sich Küpper. Eine frustrierende Sachlage.

Dann schlägt der Lkw-Schütze wieder zu. Vom 8. bis 11. März in Köln. Neunmal trifft er. Doch plötzlich schießt er auf parkende Autos. Die Ermittler sind irritiert und ein bisschen besorgt, weil das nicht zum bisherigen Muster passt. Gleichzeitig macht die ermittelnde Staatsanwaltschaft Würzburg Druck, die Kennzeichenlesegeräte abzubauen. Ohne Schüsse nutzen sie niemanden.

Am 15. April kommt die Wende. Ein Lkw-Fahrer, der einen Beschuss im Heck meldet, war zuvor auf der A61 unterwegs. Dort steht zu diesem Zeitpunkt zwischen Meckenheim und Bad Neuenahr ein Kennzeichenlesegerät. Die Fahnder berechnen rückwärts, wann der geschädigte Lkw mit dem Schützen hinter sich diese Stelle passiert haben muss. Auf 19 Minuten lässt sich die Zeitspanne beschränken. Um 3 Uhr nachts fahren dort nicht viele Laster vorbei. Es sind genau 50. Diese 50 werden mit Überwachungsvideos von Altfällen, etwa dem schweren Unfall bei Würzburg nachdem eine Frau getroffen worden war, verglichen. Ein Lkw ist auf beiden Videos drauf: Der von Hermanns & Kreutz aus Monschau. „Wir hatten die Spedition“, sagt Küpper. „In diesem Moment wusste ich, jetzt haben wir den Fuß in der Tür.“

Jetzt fehlt nur noch der Fahrer. Doch an die Spedition wollen die Fahnder nicht herantreten. Sie schauen in ihre eigene Daten: Treffer. 2012 war ein Fahrer wegen aggressiven Fahrverhaltens mit diesem Laster angezeigt und schließlich mit einem Bußgeld belegt worden: Micha K. aus Kall-Frohnrath. Ein Abgleich mit seinen Mobilfunkdaten räumt den letzten Zweifel aus. Nach der Festnahme ergibt die erkennungsdienstliche Behandlung der im Garten versteckten Waffen, dass sie eindeutig den Taten und den gefundenen Projektilen zugeordnet werden können. Das anfängliche Leugnen des Lkw-Schützen hilft ihm nichts. Es passt eben eins zum anderen.

Die Ermittlungen sind für Küpper und seine Leute noch nicht beendet. Nicht jeder müsse bemerkt haben, dass er beschossen worden sei. Und nicht jeder müsse ein Loch im Auto in Zusammenhang mit dem Lkw-Schützen gebracht haben. „Wir gehen davon aus, dass die Dunkelziffer riesig ist – vor allem in den Benelux-Ländern.“

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