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Wenn eine Flucht die letzte Option ist

Von: Laura Beemelmanns
Letzte Aktualisierung:
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In Aachen-Lichtenbusch ist die Reise zu Ende: Fünf illegal Einreisende sind bei einer stichprobenartigen Kontrolle eines internationalen Reisebusses an der A 44 auf dem Weg von Portugal nach England von der Bundespolizei gestoppt worden. Foto: Laura Beemelmanns
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Sobald die Flüchtlinge sich bei der Kontrolle als solche entpuppt haben, müssen sie den Bus verlassen und unter Aufsicht ihr Gepäck aus dem Fahrzeug holen.
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Im Anschluss werden sie in einem gesicherten Wagen, der mit verschließbaren Zellen ausgestattet ist, zur Wache gebracht. Dadurch soll eine mögliche Flucht und somit Gefahr ausgeschlossen werden.
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Nach der Kontrolle setzt der internationale Reisebus seine Fahrt fort, ein vor ihm fahrender Bus wurde nicht kontrolliert. Die Busse werden stichprobenartig ausgewählt.
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In der Wache der Bundespolizei an der A 44 in der Nähe des Grenzübergangs zu Belgien werden die Flüchtlinge im Anschluss verhört und ihre Daten aufgenommen.

Aachen. Der weiße Lieferwagen ist nicht weiter auffällig, trotzdem entscheidet Axel Mohr, ihn anzuhalten. Ein Glücksgriff, wie sich herausstellen wird, denn im Wagen sitzen drei Westafrikaner ohne Papiere, ein Deutscher und der aus Spanien stammende Fahrer. Der Fahrer erklärt, die kleine Fahrgemeinschaft sei über ein Mitfahrgelegenheiten-Portal im Internet zustande gekommen, seine Fahrgäste beteiligten sich lediglich an den Benzinkosten.

Der Preis, den der Fahrer für die Mitnahme seiner Reisenden verlange, soll so gering sein, dass Mohr und die anderen Polizisten stutzig werden. Mohr sagt: „Damit hätte er die Tour nicht finanzieren können. Wir haben vermutlich einen Schleuser erwischt.“

Für Mohr ein ganz normaler Sonntag am deutsch-belgischen Grenzübergang Aachen-Lichtenbusch, einem der bundesweit bekanntesten Drehpunkte für illegale Einreisen.

25.670 illegale Einreisen

2012 hat die Bundespolizei in Deutschland insgesamt 25.670 illegal Eingereiste entdeckt, vor der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa sind allein in den vergangenen Wochen Hunderte Flüchtlinge bei dem Versuch ertrunken, in überfüllten Booten Europa zu erreichen. Seit 1988 sind nach offiziellen Statistiken mehr als 20.000 Menschen dabei gestorben, illegal in Europa einzuwandern, doch die Menschenrechtsorganisation „terre des hommes“ schätzt, dass die Dunkelziffer erheblich höher ist.

Nicht nur in Deutschland ist die Zahl der illegalen Einreiseversuche weiter steigend. In ganz Europa steigen die Zahlen. Bundespolizisten wie Axel Mohr haben in Deutschland die Aufgabe, illegale Einreisende aufzuhalten.

Bei Kon­trollen wie am Grenzübergang Aachen-Lichtenbusch werden Lieferwagen oder internationale Reisebusse stichprobenartig kontrolliert. Wer keinen gültigen oder einen gefälschten Pass dabei hat, kann Antrag auf Asyl stellen oder wird zurück in sein Heimatland geschickt.

Unmittelbar nachdem Mohr den weißen Lieferwagen gestoppt hat, halten seine Kollegen einen internationalen Reisebus an. Auch dort entsteht schnell der Verdacht, dass ein Schleuser versucht, Menschen ohne gültige Ausweise nach Deutschland zu bringen.

Die Polizisten treffen Vorkehrungen, um den Bus zu kontrollieren, Vorsicht ist geboten. Ein Beamter steigt in den Bus und bittet um die Pässe. Sofort fallen fünf Männer auf, die sich nicht ausweisen können. Später wird sich herausstellen, dass zwei der Männer aus der Republik Tschad stammen, einem Binnenstaat in Zentralafrika, zwei aus Westafrika und einer aus Marokko.

Einen Schleuser können die Polizisten dieses Mal nicht ausmachen. Mohr nimmt sein Funkgerät und fordert weitere Polizisten vom Aachener Hauptbahnhof an, er braucht Unterstützung am Grenzübergang.

Erntehelfer, Bauarbeiter

Wer versucht, illegal in Europa einzureisen, will meist ein neues Leben beginnen, der möchte einen Teil des Reichtums in Europa abbekommen. „Sie versuchen hier Fuß zu fassen, um dann im Anschluss die Familie nachzuholen“, sagt Bundespolizist Bernd Küppers.

Sie helfen bei der Ernte oder auf Baustellen, sind oft mittleren Alters und reisen meist allein. „Ihr Ziel sind häufig ethnische Zentren“, sagt Knut Paul, Sprecher der Bundespolizei Aachen. Im Fall der Westafrikaner sind es Zentren, in denen viele andere Westafrikaner leben. Dort fällt es kaum auf, wenn einige Menschen mehr untergebracht werden.

Dabei muss es sich nicht um ganze Stadtviertel oder Straßenzüge handeln. In Aachen ist eines dieser ethnischen Zentren für westafrikanische Bürger zum Beispiel das Hochhaus am Europaplatz.

Nach Angaben der Bundespolizisten wissen Flüchtlinge, die versuchen, nach Europa zu gelangen, sehr genau, in welchem Land welche Leistungen gezahlt werden. Dazu gehören unter anderem Kindergeld und auch eine Krankenversicherung – wenn erst der Asylantrag gestellt und bewilligt wurde.

Kinder werden zu Waisen

Die Menschenrechtsorganisation „terre des hommes“ glaubt nicht, dass die in Aachen-Lichtenbusch gestellten Flüchtlinge oder die zahllosen Toten auf dem Mittelmeer in erster Linie das Ergebnis der Praktiken skrupelloser Schleuser sind.

Vor allem sei die aktuelle Flüchtlingsproblematik, die sich in Lampedusa zeitweise zur humanitären Katastrophe auswächst, „das Resultat einer europäischen Flüchtlingspolitik, die auf eine rigide Abschottung ausgerichtet ist“, sagt „terre des hommes“-Sprecher Christian Ramm.

„Die militärische Sicherung der europäischen Außengrenzen zwingt die Flüchtlinge, zunehmend gefährlichere Routen nach Europa zu wählen: Menschen verlieren ihr Leben, Familien werden auseinandergerissen, Kinder bleiben als unbegleitete Flüchtlinge zurück.“

In den vergangenen Wochen wurden die Stimmen derer lauter, die schon lange fordern, Europa müsse seine Grenzen für Flüchtlinge öffnen, wenigstens ein bisschen. Die Flüchtlingsproblematik in Europa ist nicht ein Problem der italienischen Wasserpolizei vor Lampedusa oder der Bundespolizei am Grenzübergang Aachen-Lichtenbusch: Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, auf das die Politik wird reagieren müssen.

Die Polizeibeamten beobachten die Männer im Reisebus, der eben in Lichtenbusch angehalten worden ist. Doch die Männer sind ruhig, steigen aus, holen ihr Gepäck.

Die Polizisten versuchen derweil, sie in verschiedenen Sprachen anzusprechen und ihre Nationalität herauszufinden, um gegebenenfalls einen Dolmetscher hinzuzuziehen und die Männer so zu beruhigen. „Auch wenn die Situation harmlos wirkt, kann das ganz schnell umschlagen“, sagt Knut Paul. Die Männer steigen in einen Polizeiwagen, der mit kleinen Zellen ausgestattet ist.

Sie werden zur Dienststelle gefahren. „Wir haben nun die Verantwortung für die Flüchtlinge. Um zu verhindern, dass einer flieht und vielleicht auf die Autobahn läuft und einen Unfall hat, werden sie das kurze Stück mit dem Wagen gefahren“, sagt Knut Paul.

Drinnen, in der Dienststelle, warten die Flüchtlinge und der Schleuser aus dem weißen Lieferwagen auf ihre Vernehmung, dann kommen die fünf Männer aus dem Reisebus an. Die Polizisten kon­trollieren, ob die Flüchtlinge schon vorbestraft sind oder bereits einen Asylantrag in einem anderen Land gestellt haben. Es werden Fingerabdrücke genommen, sie werden gemessen und genauestens beschrieben. Das wird einige Stunden dauern.

Alle fünf Männer, seit Tagen mit nichts als einem kleinen Koffer unterwegs, haben einen Asylantrag bei der Bundespolizei gestellt. Sie werden aufgefordert, sich beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Dortmund zu melden. Die Chance, dass ihnen tatsächlich Asyl gewährt wird, liegt nach Angaben des Bundesamtes bei nicht einmal 28 Prozent.

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