Wenn das Überleben auf Sand gebaut wird

Von: Marion Wingen
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„Lebensgefährliches Terrain
„Lebensgefährliches Terrain - Treibsand”: Am Strand von Domburg werden derzeit 250000 Kubikmeter Sand mit Beggerschiffen, Pipelines und Bulldozern erneuert. Gleich nebenan sonnen sich die Touristen und bestaunen das Schauspiel, das dem Hochwasserschutz dient. Foto: Marion Wingen

Domburg. Es ist eine Attraktion für hunderte Möwen - und vor allem für jene in diesen Osterferientagen etlichen schaulustigen Touristen: Wenn das Baggerschiff an das Rohrsystem vor dem Strandpavillon „De Oase” in Domburg andockt, sammeln sie sich rund um die Pipeline, durch die eine Fontäne aus Wasser und Sand aus den Tiefen der Nordsee direkt auf den Strand von Domburg gepumpt wird.

Die einen, um sich die „mitgelieferten” Meeresfrüchte zu Gemüte zu führen. Die anderen, um sich das außergewöhnliche Schauspiel nicht entgehen zu lassen.

Mammutprojekt bis 30. Juni

Und ein Schauspiel ist es, wenn der Sand gleich kubikmeterweise mit Hochdruck aus dem Röhrensystem schießt. Bis zum 30. Juni dauert das Mammutprojekt der niederländischen Straßen- und Wasserbaubehörde Rijkswaterstaat, in dessen Verlauf der Strand zwischen Golfplatz und Wasserturm des ältesten Badeortes in Zeeland mit insgesamt rund 250.000 Kubikmetern Sand aufgefüllt wird. Ein gigantisches Vorhaben - insbesondere mit Blick auf die nächste Großaktion in Sachen Sandauffüllung, die den etwa 1500 Domburgern ebenso wie tausenden Feriengästen schon zwischen 2014 und 2015 wieder ins Haus steht.

„Zonder Zand geen Nederland - Ohne Sand keine Niederlande” - besser als es die Werbefachleute von Rijkswaterstaat auf den Informationstafeln auf den Domburger Dünen beschreiben, kann man die Problematik kaum zusammenfassen. Denn das Meer spült Jahr für Jahr und vor allem bei Sturm Tonne für Tonne Sand hinaus in die Nordsee. Und der Sandstrand, die größte Attraktion des heißgeliebten und vielbesuchten Urlaubszieles quasi vor den Toren der Aachener Region, schrumpft.

Das ist nicht nur wegen der touristischen Attraktivität problematisch. Denn was für Badegäste ein ganzjähriges Strandparadies ist, hat für die Niederländer existenzielle Bedeutung: Die Küste mit den breiten Sandstränden schützt die Niederlande vor Überflutung. Wenn der Sandpegel sinkt, steigt der Meeresspiegel. Wird nichts unternommen, verschiebt sich die Küste langsam, aber sicher landeinwärts. Insgesamt zwölf Millionen Kubikmeter Sand bewegen die Niederländer jedes Jahr aufs Neue, um die Küstenlinie an ihrem Platz zu halten. Das sind umgerechnet sage und schreibe mehr als eine Million Lastwagenladungen.

Und das kommt nicht von Ungefähr: Etwa die Hälfte des Landes liegt weniger als einen Meter über, rund ein Viertel des Landes unterhalb des Meeresspiegels. Die flachen Gebiete werden in der Regel durch Deiche vor Sturmfluten geschützt, die insgesamt eine Länge von etwa 3000 Kilometern haben. Polder nennen unsere Nachbarn das Land, das durch harte Arbeit dem Meer abgerungen wird. Immer und immer wieder. Kein Wunder, dass die Niederländer in Sachen Küstenschutz Weltmeister sind.

Urlauber nehmens gelassen

Und so arbeiten sich routiniert und zügig die Spezialisten in Domburg Meter um Meter auf dem Strand voran. Von Tag zu Tag wächst das Pipelinesystem. Ein Baggerschiff fährt permanent hinaus aufs Meer und bringt etwa drei bis vier Ladungen, rund 950 Kubikmeter Sand, pro Tag in Küstennähe. Die Schiffe saugen den Sand vom Meeresboden auf, der dann über die Druckleitung auf den Strand sprudelt, wo ihn Bulldozer verteilen. Der Strand wird höher und breiter. Während der Arbeiten ist der jeweilige Strandbereich gesperrt. Vor „Lebensgefahr durch Treibsand” warnen die aufgestellten Schilder.

Doch der Strand von Domburg ist weit, gerade jetzt im Frühjahr ist Platz genug für Arbeiter und Urlauber. Die nehmen die Sache ohnehin gelassen. Manch einer breitet sein Handtuch sogar im Windschatten der Pipeline aus, während der Nachwuchs darauf balanciert. Das ist sicher Geschmackssache. Es gibt auch noch andere Verfahren: Ist der Strand noch nicht so arg ramponiert, fährt das Schiff nahe an die Küste und öffnet Luken. Der Sandspiegel wird im Meer erhöht. Ist es zu flach für die Luken, wird der Sand mit „Kanonen” gen Land gespritzt.

Ab Mai steht in Domburg ein Kurswechsel auf dem Programm: Dann wandert die Pipeline ab „De Oase” Richtung Westkapelle. Zuletzt wurde die Küstenlinie im Bereich Domburg 2008 verstärkt. Wer diese Jahr nach Zoutelande oder Dishoek fährt, kann sich schon auf frisch aufgefüllte Strände freuen. In Zoutelande wurden bereits rund 750.000 Kubikmeter Sand verfüllt, in Dishoek 650.000 Kubikmeter. Die Arbeiten dort sind abgeschlossen. Bis zum nächsten Mal - und das heißt für Domburg und Westkapelle 2014 bis 2015, für die Strecke Westkapelle bis Zoutelande 2015 bis 2016. Je nach Bedarf - und falls heftige Stürme den Planern keinen Strich durch die Rechnung machen. Das würde höchstens den Möwen Freude bereiten.
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