Wenn das Eigenheim plötzlich illegal ist

Von: Claus Boelen-Theile
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Ihr Einfamilienhaus ist gar keins: Ingrid Kruspe aus einem Dorf bei Bergisch-Gladbach. Foto: Daub

Kürten. Eiserwarr 19, hier wohnt Ingrid Kruspe. Vor über 30 Jahren ist sie in das bei Bergisch-Gladbach gelegene Dörfchen gezogen und hat sich im Rathaus auch ordnungsgemäß unter ihrer neuen Adresse angemeldet. Eingezogen ist sie in ein Einfamilienwohnhaus - so glaubte sie.

Tatsächlich wohnt Ingrid Kruspe jedoch illegal in einem Wochenendhaus, und das von Anfang an. Das hat ihr vor vier Jahren das Bauamt des Rheinisch-Bergischen Kreises mit Brief und Siegel mitgeteilt.

„Ich werde hier nur geduldet”, sagt die 60-Jährige traurig. Diese Duldung hat Konsequenzen: Ingrid Kruspe darf ihr Eigentum weder verkaufen noch vermieten, nicht einmal an ihre Tochter. Zieht sie aus, erlischt jedoch die Duldung des Kreises. Eiserwarr gilt als planerischer Außenbereich, Einfamilienwohnhäuser sind hier nicht erlaubt.

Ausnahmen gibt es nicht, auch nicht nach drei Jahrzehnten. Könnte sie das Haus regulär veräußern, ließen sich laut Gutachten 185.000 Euro dafür verlangen.

Ins Rollen kam der Fall, nachdem sich 2005 der Eigentümer einer benachbarten Jagdhütte an den Kreis gewandt hatte. Ihm sei das dauerhafte Wohnen vom Kreis untersagt worden, seiner Nachbarin im „Wochenendhaus” aber nicht. „Wir waren deshalb zum Handeln gezwungen”, erläutert Kreis-Sprecherin Birgit Bär. Es gelte der Rechtsgrundsatz: „Keine Gleichheit im Unrecht.”

Der Brief des Kreises hat Ingrid Kruspe wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen. „Wir haben unser Haus 1978 in gutem Glauben gekauft”, sagt sie. Selbst im Notarvertrag habe damals das Wort „Einfamilienwohnhaus” gestanden, berichtet sie. „Warum sollten wir daran zweifeln?” Tatsächlich sei sie vom Verkäufer betrogen worden, denn dieser habe verschwiegen, dass im Bauschein von 1963 nur ein Wochenendhaus genehmigt worden sei.

„Warum hat uns der Kreis erst 2006 darüber informiert?”, ärgert sich Ingrid Kruspe. Dutzendfach seien in den Jahren zuvor die Mitarbeiter des Planungsamtes draußen bei ihr gewesen: für die nachträgliche Genehmigung des Dachausbaus 1987, zur Kontrolle der Sickeranlage und so weiter.

Niemals habe es Einwände gegeben, nicht ein Hinweis auf die Rechtslage sei gekommen. Wäre sie nur drei, vier Jahre früher informiert worden, hätte sie gegen den Verkäufer noch zivilrechtlich vorgehen können. „2006 war es dafür zu spät”, sagt sie. Der Verkäufer war tot.

Mittlerweile biegen sich die Aktenberge in ihrem Wohnzimmer. Ingrid Kruspe hat alles versucht, um die Duldungsverfügung aufzuheben. Sie hat vor dem Verwaltungsgericht gegen den Kreis geklagt - und verloren. Sie hat das Urteil vom Oberverwaltungsgericht prüfen lassen - und verloren.

Sie hat sich vergeblich an den Petitionsausschuss des Landtags gewandt. Sie hat Eingaben an den Kreis und an die Gemeinde geschrieben, sie hat mit den Kürtener Fraktionsvorsitzenden von CDU und SPD, Dietrich Quack und Hanno Filz, gesprochen. „Das hat alles nicht geholfen”, sagt die 60-Jährige verzweifelt.

Bei der Kreis-Sprecherin ist das Bedauern groß. „Das ist eine Gesetzeslücke, die Frau Kruspe zum Verhängnis geworden ist.” Im Kaufvertrag prüfe der Notar lediglich den Inhalt. Es wäre Sache des Käufers gewesen, sich über die Rechtssituation des Objekts zu erkundigen. „Dafür ist ein Gang zum Bauamt immer erforderlich.”

Mit der Duldung komme der Kreis der Eigentümerin sehr weit entgegen: „So lange, wie sie lebt, darf sie in dem Haus wohnen. Damit haben wir unseren Ermessensspielraum so weit wie möglich ausgeschöpft.” Der Kreis hätte auch Abriss oder Nutzungsverbot verfügen können.
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