Düren - Wegen Brückenabriss: Bahn sperrt Hauptstrecke

Wegen Brückenabriss: Bahn sperrt Hauptstrecke

Von: Udo Kals
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Großbaustelle am Dürener Eingangstor: Die vierspurige Schoellerbrücke wird zwischen dem 14. und 22. April abgerissen. Foto: Flyingeye
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Ernst Gombert
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Vorboten: Während im Hintergrund über die Behelfsbrücke der Verkehr rollt, sind bereits Vorarbeiten zum Brückenabriss geleistet worden. Foto: Udo Kals

Düren. Jede Minute ist kostbar – selten ist dieser Satz so wahr wie bei der Großbaustelle des Landesbetriebs Straßen.NRW in Düren. Genau 192 Stunden gibt die Deutsche Bahn den Straßenbauern, die marode Schoellerbrücke über der Eisenbahnlinie Köln-Aachen, die als nördliches Einfallstor die Dürener Innenstadt auf der B 56 mit der Autobahn 4 verbindet, abzureißen.

Dafür rollt über die Hauptgleise rund um den Dürener Hauptbahnhof acht Tage lang kein Zug – weder Thalys, noch ICE, noch Regional- oder S-Bahn, noch Güterzug. Für jede Minute vom Landesbetrieb verschuldeter Verspätung, da ist die Bahn ganz genau, schlagen laut Vertragswerk 170 Euro zu Buche. Macht bei 60 Minuten schon mehr als 10 000 Euro. Kein schlechter Stundensatz.

Einen Plan B, den gibt es nicht!

Doch Projektleiter Ernst Gombert vom Landesbetrieb ist zuversichtlich, dass sein Team keine zusätzlichen Kosten für das mit 10,5 Millionen Euro kalkulierte Vorhaben verursachen wird. „Es ist eng. Aber wir schaffen das.“ Einen Plan B? Den gibt es nicht! Das B steht für bezahlen. Um 0.40 Uhr beginnt am frühen Montagmorgen, 14. April, das Rennen gegen die Uhr; nach Ostern soll am Dienstag, 22. April, um 3.40 Uhr der erste Zug fahrplanmäßig rollen. Was in der Zwischenzeit gemacht werden muss, umreißt Gombert in groben Zügen: Oberleitungen demontieren, Gleisbett schützen, Brücke abreißen, Schutt wegbringen, Oberleitungen montieren.

Aber vorwärts geht es langsam, nur Zug um Zug. Insgesamt 72 Arbeitsschritte, die während der minutiösen Vorbereitungszeit akribisch mit Stundenkontingenten versehen worden sind und in einer Liste an Gomberts Bürowand hängen, sind vorgesehen – Beispiel Schutz der Gleise vor herabfallenden Brückenteilen: Drei Stunden sind für das Verlegen der Holzplanken für die Schienen eingeplant, eine Stunde für das Aufbringen einer Vliesfolie, auf die wiederum in vier Stunden eine ein Meter starke Kiesschicht abgeladen werden soll.

Erst danach kann die Brücke abgeknabbert, zertrümmert und pulverisiert werden. Immerhin: Für das „Baggerballett“, das Gombert auf und neben der Brücke mit sechs großen Maschinen verspricht, sind die Planer großzügig. Fünf Tage haben die Bagger ab 15. April, Punkt Mitternacht, Zeit, um sich mit großen Betonscheren, gewaltigen Hämmern und riesigen Schaufeln an der Brücke aus dem Jahr 1959 abzuarbeiten.

„Ein anspruchsvolles Projekt“, sagt Gombert: „Aber wir haben keine andere Möglichkeit.“ 2008 wurden bei einer Routineuntersuchung erhebliche Mängel im Sockel der rund 56 Meter langen und mehr als 25 Meter breiten Brücke festgestellt, über die täglich 30.000 Fahrzeuge rollen. „Zwar konnten wir die Brücke vorübergehend sanieren. Doch wir mussten schleunigst ein neues Konzept erarbeiten.“ Denn eins war klar: 2014 ist spätestens Schluss. „Der Gutachter hatte uns dringend zu einem Neubau geraten“, sagt Gombert. Der Verkehr soll möglichst im ersten Quartal 2015 über die neue blaue Stahlbogenbrücke rollen. Doch jetzt steht zunächst der Abriss an.

„Seit drei Jahren habe ich wöchentlich mindestens ein Treffen zum Thema Schoellerbrücke“, sagt Gombert. Am gestrigen Dienstag saßen die Fachleute von Landesbetrieb, Bahn, anderen Behörden und Firmen in Köln ein letztes Mal vor dem Startschuss zusammen, sind alles durchgegangen, stellten ein letztes Mal alle wichtigen Fragen. „Die Spannung steigt. So etwas habe ich noch nie gemacht“, sagt der 60-jährige Gombert. Auch für seine Kollegen in der Landesbetrieb-Zentrale in Gelsenkirchen ist das Projekt kein Alltagsgeschäft. Peter Ernst vergleicht es mit der Sperrung der Autobahn 40 bei Duisburg. „Das ist schon eine Besonderheit. Das machen wir sicherlich nicht alle Tage.“

Bei der Deutschen Bahn ist dies kaum anders: „Schließlich sind von der Sperrung täglich weit mehr als 100 Züge betroffen“, sagt ein Sprecher. Denn es rollen neben den Personen- auch viele Güterzüge über die Hauptstrecke, vor allem von oder zu den belgischen Nordseehäfen. Gerade die großräumige Umleitung der internationalen Verbindungen über das Ruhrgebiet erfordert eine lange Vorbereitung, damit der Fahrplan nicht ganz aus dem Takt gerät. „Das ist eine durchaus schwierige Situation, eine große Herausforderung. Das müssen wir zwei Jahre vorher planen“, sagt der Sprecher.

Im April 2012 beantragte der Landesbetrieb bei der Bahn die komplette Sperrung der Haupt- und Hochgeschwindigkeitsstrecke, die vorher und nachher genauestens vermessen wird. Aus sicherheitstechnischen Gründen. Schließlich rauschen Thalys und ICE mit beachtlichem Tempo durch den Dürener Bahnhof. Maximal sind 160 Sachen erlaubt.

Eine Änderung des Termins, der im Mai 2013 bestätigt wurde, war nicht mehr möglich. Seitdem wird konsequent auf den 14. April 2014 hingearbeitet – der beinahe dennoch nicht gehalten werden konnte. „Das Bauunternehmen ist in finanzielle Schieflage geraten und hat in Abstimmung mit uns das Projekt kurz vor Weihnachten abgegeben“, erzählt Gombert, inzwischen entspannter. Denn: „Wir haben ein neues Unternehmen gefunden, das wichtige Mitarbeiter übernommen hat, die die Baustelle kennen.“

Und so ist die Baustelle wieder im Fahrplan und – ungewöhnlich für viele Bahnreisende – auf die Minute pünktlich. Denn darauf legt die Bahn in diesem Fall großen Wert. Jede Minute ist kostbar.

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