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„Was ist uns die Pflege wirklich wert?“

Von: Sabine Rother
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Zeit für den Menschen haben: Im Mittelpunkt der stationären Hospizversorgung stehen die schwerstkranken Patienten. Foto: epd

Aachen. Gibt es Probleme bei der hospizlichen Versorgung und der palliativen Begleitung Sterbender in unserer Region? Die Antwort lautet „Nein“ und „Ja“ zugleich. In Aachen entsteht neben Haus Hörn eine neue Einrichtung, in Erkelenz wird die Zahl der Betreuungsplätze erhöht, es gibt Wartelisten, aber die sind nicht sehr lang.

Ein engagiertes Ärztenetzwerk, dessen Mitglieder sich fachliche Kompetenz angeeignet haben, um Menschen in der letzen Lebensphase zu betreuen, ist aktiv. Nur in der Eifel ist die Versorgung noch nicht optimal.

Dennoch sind sich alle einig: Die unterschiedlichen Formen der Versorgung wie Altenheim, Hospiz oder Palliativstation können auf Dauer nicht streng getrennt voneinander bestehen. Und: Die Personalschlüssel der 90er Jahre funktionieren nicht mehr.

„Wir brauchen das neue Hospiz, dringend!“ Veronika Schönhofer-Nellessen, Leiterin der Servicestelle Hospiz und Geschäftsführerin des Vereins Palliatives Netzwerk für die Region Aachen bringt es auf den Punkt: Kostendruck, Personalknappheit und Fachkräftemangel machen es zunehmend schwerer, dem gesetzlichen Anspruch auf fachlich hochwertige und menschenwürdige Versorgung von Menschen zu genügen, die am Ende ihres Lebens hospizliche und/oder palliative Betreuung benötigen.

Wenn in einem Altenheim rund 80 Pflegebedürftige von nur zwei Nachtwachen versorgt werden, ist keine individuelle Hinwendung zum Sterbenden mehr möglich. Alle wissen das und bestätigen diese Situation – doch niemand mag es offen sagen.

Das in Aachen entstehende „Hospiz am Iterbach“, getragen von der neu gegründeten Hospizstiftung und von Home Care Städteregion, will ab Frühjahr 2015 Menschen in der letzten Lebensphase anbieten, was sie brauchen – optimale Betreuung, Ruhe, eine schöne Landschaft, Eingehen auf persönliche Bedürfnisse.

Das kann tageweise oder stundenweise sein. Ambulante und stationäre Angebote sollen eng verzahnt werden. Es wird die Möglichkeit geben, im betreuten Wohnen so lange wie möglich Selbstständigkeit zu findet.

„Wir wollen zudem verstärkt auf die spirituellen Bedürfnisse der Menschen aller Glaubensgruppen eingehen“, sagt die zukünftige Leiterin des Hauses, Beatrix Hillermann. Eine Konkurrenzsituation zwischen Haus Hörn und dem Hospiz am Iterbach wird es nicht geben. Beide sind für alle Patienten offen, doch im Zuge der demografischen Entwicklung wird man sich auf der Hörn in Zukunft mehr um Demenzkranke kümmern, wie Schönhofer-Nellessen berichtet.

Die Zahl der stationären Hospize in der Region ist begrenzt – und es geht den Verantwortlichen längst nicht mehr darum, lediglich mehr Betreuungsplätze zu schaffen: „Wir pflegen da unser ganz eigenes Konzept“, betont Gerda Graf, Geschäftsführerin der Wohnanlage Sophienhof in Niederzier und stellvertretende Vorsitzende der Hospizbewegung Düren-Jülich.

Was ist anders? Im Sophienhof trennt man die unterschiedlichen Formen einer Versorgung nicht mehr. Hier werden Menschen – wenn es notwendig wird – hospizlich umsorgt. Man arbeitet eng mit spezialisierten Diensten zusammen.

Die Übergänge sind also fließend, die Sterbenden bleiben so in ihrer vertrauten Umgebung, und das Team um Gerda Graf ist darauf eingestellt. Im Erkelenzer Hospiz der Hermann-Josef-Stiftung setzt man auf eine natürliche Verbindung von Alt und Jung, von Versorgung, Pflege und palliativer Hilfe. „Wir sorgen dafür, dass regelmäßig Schulen bei uns zu Gast sind“, erzählt Leiterin Ulrike Clahsen. An einem Buchprojekt zum Thema Hospiz haben zwölf Schulen der Region teilgenommen.

Doch das ist es nicht allein. Leben im Haus – das ist es, was Ulrike Clahsen und ihr Team fördern. Selbst Hunde, Kaninchen und Katzen sind für sie kein Problem. „Was uns fehlt, ist mehr Unterstützung bei der Lebensbegleitung, also bei der Realisierung von Wünschen, die Sterbende haben, und so etwas kostet eben Zeit“, meint die Hospizleiterin. Das könne ein Silvesterfeuerwerk sein, die Teilnahme an der Goldhochzeit von Freunden oder das Essen in einem Lieblingsrestaurant.

Und die ambulante Versorgung in der Region? „Sie ist zur Zeit gut“, so die Einschätzung von Veronika Schönhofer-Nellessen, denn zwischen Hausärzten und Diensten wie Home Care gibt es ein Ärztenetzwerk mit Medizinern, die sich im Bereich Palliativmedizin qualifiziert haben. „Ärztinnen und Ärzte findet man in Würselen, in Eschweiler, Stolberg und in der Stadt Aachen“, versichert Schönhofer-Nellessen.

In der Eifel wird es allerdings schwieriger, und eine auf Kinder spezialisierte Palliativpflege muss in Zukunft noch organisiert werden. Versorgungsangebote durch Palliativ-Pflegedienste und ambulante Hospizdienste gibt es gleichfalls in den Kreisen Heinsberg und Düren. Grundsätzlich müssten dringend die Rahmenbedingungen der Altenhilfe verändert werden, sagt Manfred Vieweg, Geschäftsführer des Hospizes „Haus Hörn“ in Aachen, zu dem ein Seniorenheim und eine Abteilung für Langzeitpflege gehören. Das Zusammenwirken von hospizlicher Begleitung und palliativer Versorgung müsse selbstverständlich werden.

Eine Warteliste existiert, aber sie ist nicht lang. In Haus Hörn gibt es jährlich 40 bis 50 Sterbefälle. Doch seit Ende der 90er Jahre (Anfang der Pflegeversicherung 1995) haben sich die Orientierungswerte zur Personaldecke nicht verändert. Eine Schieflage ist entstanden.

Gleichzeitig haben sich die Erwartungen an die Pflege geändert, wie Vieweg bestätigt. „Von minimalem Aufwand können wir jedoch keine maximale Leistung erwarten“, sagt er mit Blick nicht nur auf die Palliativversorgung, sondern auch auf eine steigende Zahl dementer pflegebedürftiger Menschen. „Was ist uns die Pflege wert? Das müssen wir uns dringend fragen, alles andere wäre verlogen“, konstatiert Vieweg.

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