Was hinter der Renaissance der Altkennzeichen steckt

Von: Udo Kals
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JÜL, MON & Co.: Die Altkennzeichen erleben eine Renaissance. Foto: Volker Uerlings

Aachen/Monschau/Heinsberg. Seit einigen Monaten fahren Tausende JÜL-Kennzeichen durch die Region – und täglich werden es mehr; ab Dienstag werden trotz des ursprünglichen Widerstands in der Städteregion Aachen auch MON-Nummernschilder ausgegeben; und im Kreis Heinsberg denkt die CDU-Mehrheit nun trotz der anfänglichen Ablehnung auch daran, ERK und GK an Autos, Lastwagen und Motorrädern wieder zuzulassen.

Ob Jülich, Monschau, Erkelenz oder Geilenkirchen – die Altkennzeichen-Welle hat die Region voll erfasst. Was diese Entwicklung mit lokaler Identität, Kommunalwahlen und Marketing zu tun hat, erklärt der Initiator dieser bundesweiten Bewegung, der Heilbronner Wirtschaftswissenschaftler Ralf Bochert, im Interview mit unserer Zeitung.

Sind Sie überrascht, dass es nach den großen Widerständen in der Städteregion Aachen und im Kreis Heinsberg nun auch dort Altkennzeichen geben wird oder kann?

Bochert: Das JÜL-Kennzeichen hat in Ihrer Region viel bewirkt. Da der Dürener Landrat Wolfgang Spelthahn ja aus dem Altkreis Jülich stammt, war das wohl auch kein so großes Problem. Jedenfalls war dieser Effekt in der Nachbarschaft relativ groß. Dann folgte Schleiden mit dem SLE-Kennzeichen – und ich glaube, dass die Entscheidung für MON auch davon beeinflusst war.

Hätten Sie das denn nach dem klaren Nein zuvor vermutet?

Bochert: Ich hätte nicht gedacht, dass dies in der Städteregion einfacher über die Bühne gehen würde als in Heinsberg.

Wieso? Städteregionsrat Helmut Etschenberg kommt doch auch aus Monschau.

Bochert: Es hängt immer auch davon ab, was ich für eine Kreismarke habe. Und da muss sich die erst junge Städteregion Aachen ja erst noch positionieren. Zudem gibt es zwei unterschiedliche Arten von starken Landkreis-Marken: Zum einen die mit einer historisch verankerten Region wie etwa Lippe, wo es einen gewissen Sinn ergibt, den Kreis als Einheit zu vermarkten. Zum anderen gibt es Kreise, die ein ganz starkes Zentrum haben wie etwa Hannover. Und da hatte ich gedacht, dass sich die Städteregion Aachen etwas schwerer tut, dass das AC eine Alternative bekommt. Doch Monschau ist wohl eine ganz eigene Ecke.

Heinsberg auch?

Bochert: Da halte ich die Einsicht, dass die Kreisbezeichnung eigentlich relativ schwach ist, für sinnvoll. Denn die Erkelenzer oder Geilenkirchener fühlen sich kaum mit Heinsberg als Kreisstadt verbunden. Sie müssen ja auch sehen, dass die Stadt Erkelenz größer ist als Heinsberg. Das hat eine Bedeutung, weil die Logik für die Bürger nicht stimmt. Wieso müssen wir als Bewohner der größeren Stadt mit dem HS-Kennzeichen rumfahren. Das war eine politische, eine administrative Entscheidung, die das Lebensgefühl auch heute, mehr als 40 Jahre später, nicht trifft. Wir sind ERK oder wir sind GK, nicht HS. Die Identifikation bezieht sich stärker auf die eigene Stadt.

Schauen wir auf die Politik: Im Städteregionstag hat die CDU mit den Grünen für einen Schwenk zum MON-Kennzeichen gesorgt, im Heinsberger Kreistag denken die Christdemokraten über neue Altkennzeichen nach – spielen wahltaktische Überlegungen eine Rolle, schließlich finden im Frühjahr Kommunalwahlen statt?

Bochert: Das kann sein, doch die Situation in der Aachener Region kann ich nicht genau beurteilen. Aber wir haben folgendes gesehen. In Bayern und Baden-Württemberg wurde es wie in Nordrhein-Westfalen den Landkreisen überlassen, über die Kennzeichen zu entscheiden. Der Unterschied war, in Baden-Württemberg standen keine Kommunalwahlen vor der Tür – die Folge: Vier von 28 Kreisen machen es. In Bayern wurde das Ganze unter dem Einfluss der Kommunal- und Landtagswahl entschieden, dort werden jetzt über 50 Kennzeichen wieder eingeführt.

Bestimmt kein Zufall.

Bochert: Genau, das kann kein Zufall sein. Natürlich denken etwa die in Bayern direkt gewählten Land- und Kreisräte, dass sie das Thema nicht mehr loskriegen, wenn sie die Einführung der Autoschilder blockieren. So ist das. Wie etwa in Coesfeld, wo der Kreistag gerade zum zweiten Mal Nein gesagt hat. Aber die Leute lassen nicht locker, die sehen die Altkennzeichen in Castrop-Rauxel, in Bocholt und fragen sich: Alle um uns herum haben die Kennzeichen zurück – wieso wir nicht? Die meisten Kreise, die das Thema nach einer ersten negativen Entscheidung erneut aufnehmen, beschließen daher die Wiedereinführung.

Sie haben ganz schön viel Macht, oder?

Bochert: Ich?

Ja sicher, als Vater der Kennzeichen-Liberalisierung.

Bochert: Nein, es ist doch die Frage, um was es eigentlich geht. Ich habe doch nichts gemacht, nur den Vorschlag, die Kennzeichen wieder zu reaktivieren. Politisch habe ich, haben wir, ja gar keinen Einfluss.

Aber Sie bringen mit Ihrer Bewegung Landräte und Politiker dazu, ihre Meinung zu ändern.

Bochert: Das sehe ich nicht so. Auch wenn Sie das mit den Wahlen verbinden, dann bewegen die sich ja nicht meinetwegen, sondern weil sie die Wahl gewinnen wollen. Sie bewegen sich, weil sie das Gefühl haben, es gibt zig tausend Erkelenzer, Geilenkirchener oder Monschauer, für die das The­ma eine gewisse Bedeutung hat.

Das Thema hat landesweit große Bedeutung – sind Sie überrascht von der Resonanz?

Bochert: Die Altkennzeichen haben Relevanz, weil das Thema Identität mit verschiedenen Produkten, wenn man eine Stadt als ein solches sehen möchte, dahintersteckt. Da ist Monschau ja ein sehr gutes Beispiel, weil die Stadt ja auch ein touristisches Produkt ist. Doch ich hatte ursprünglich gedacht, dass tendenziell weniger Kreise auf den Zug aufspringen. Denn man muss sehen: Mit einem Kreistag entscheiden genau die Politiker über die Einführung etwa der GK- und ERK-Kennzeichen, die kreisweit das größte Kreisbewusstsein haben. Das sind genau die, die sagen: Wir im Kreis Heinsberg sind eine Einheit und haben ein Interesse daran, dass dies symbolisiert wird. Ich dachte daher, dass gerade die Kreistage immer Nein sagen müssten.

Es kam vielfach anders, weil das Bedürfnis der Bürger nach lokaler Identität so groß ist?

Bochert: Ja, ganz klar. Die Tatsache, dass so viele Kreistage gegen diese gerade beschriebene Logik votieren, zeigt eine Einsicht, dass dieses Bedürfnis vorhanden ist. Es spielen immer lokale Gegebenheiten eine Rolle. Doch generell muss man sehen, dass es in Zeiten der Globalisierung einen klaren Trend zur lokalen Verortung gibt. Dabei zeigen unsere Befragungen, dass dies kein Nostalgie-Ding ist. Denn auch viele jüngere Befragte befürworten die Rückkehr zu den alten Kennzeichen. Da kommt Politik dann auch nicht daran vorbei. Begeisterung sieht jedoch anders aus. Die Kreisgremien wollen es eigentlich oft nicht, müssen es vielfach aber machen.

Mehr als 12.000 JÜL-Reservierungen allein in den ersten zwei Monaten, für MON gibt es bislang fast 3000 – das sind eindeutige Zahlen.

Bochert: Das sind beides schon bemerkenswerte Zahlen, weil im Altkreis Monschau zur Zeit der Auflösung weniger als die Hälfte der Menschen lebte als im Kreis Jülich. Zudem wird das MON wie auch das HS bei Heinsberg im Wesentlichen auf die Stadt bezogen. Der Altkreisbezug ist wohl nicht so stark wie in Jülich. Und das ist bei MON ja auch der Hintergrund des Projekts: MON ist ein Stadtsymbol, auch wenn es formal nicht stimmt.

Um Tourismus-Marketing zu betreiben?!

Bochert: Genau. Und daher geht es auch nicht unbedingt um die Mengen der Menschen, die sich jetzt sofort ein neues Kennzeichen zulegen. Das Projekt läuft nun an und wird immer präsenter – das ist das Ziel: Mit der Zeit werden es immer mehr. Und mit dem MON gibt es nun ein Symbol, mit dem hintergründig verbunden wird: Uns gibt‘s wieder, wir sind wieder wichtig, wir sind wieder etwas wert. Das ist total positiv für eine innere Wahrnehmung mit vielen Zwischentönen, die nett sind. Mehr aber auch nicht.

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