War der Geisterfahrer von der A4 schuldfähig?

Von: Marlon Gego
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Wie nach einer Explosion: So sah der vordere Teil von Charles T.s Auto aus, nachdem es am 20. Januar 2017 mit einem Lkw, einem Bully und einem Audi kollidiert war. Zwei Menschen, die kurz davor waren, in den Urlaub zu fahren, starben, mehrere andere wurden traumatisiert. Charles T., der sich als Geisterfahrer das Leben hatte nehmen wollen, überlebte. Nun steht er wegen Mordes vor Gericht. Foto: Archiv/Markus Gerres
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Charles T. (48) auf dem Weg zur Anklagebank: Am Dienstag könnte am Landgericht das Urteil über ihn gesprochen werden. Foto: Ralf Roeger

Aachen/Merzenich. Die Koffer waren schon gepackt, als Heinz H. und Gertrud L. sich an diesem Morgen auf den Weg nach Merzenich machten, Gertrud L. wollte nur schnell noch mal nach ihrem Haus sehen. Den Briefkasten leeren, das Wasser abstellen, schauen, ob die Rollos heruntergelassen waren. Gleich danach sollte ein längerer Urlaub beginnen.

Also setzten sich Heinz H. und Gertrud L. an diesem Morgen in Königswinter ins Auto und machten sich schnell noch mal auf den Weg nach Merzenich, doch sie kamen niemals dort an. Kurz vor der Abfahrt Merzenich kam ihnen ein Geisterfahrer auf der A4 entgegen, sein Ford kollidierte mit Heinz H.s Audi. Heinz H. starb noch an der Unfallstelle, Gertrud L. drei Wochen später im Aachener Klinikum. Der Geisterfahrer überlebte.

Ein Dreiviertel Jahr später kommt dieser Geisterfahrer in Saal A 0.009 des Aachener Landgerichts, er heißt Charles T., Niederländer, 48 Jahre alt. Er geht auf einen Rollator gestützt, seine Stimme ist dünn, er sieht älter aus, als er ist. Bis heute liegt er im Krankenhaus. Dass überhaupt gegen ihn verhandelt werden kann, grenzt an ein Wunder. Sein Auto wurde bei dem Unfall am 20. Januar auf der A4 in drei Teile gerissen, auf den Fotos sahen die Reste seines Fords aus, als wäre er explodiert. Charles T. hatte im Gegensatz zu seinen Opfern unfassbares Glück, den Unfall zu überleben. Dabei hatte er eigentlich sich selbst töten wollen.

Nun steht er wegen zweifachen Mordes und sechsfachen versuchten Mordes vor Gericht, ihm droht eine lebenslange Haftstrafe. Es sei denn, es würde sich herausstellen, dass er an diesem Morgen in Januar nicht zurechnungsfähig gewesen ist, nicht schuldfähig, wie die Juristen sagen. Charles T. kann zur Wahrheitsfindung nicht viel beitragen, er kann sich an die Zeit vor seinem Selbstmordversuch nicht erinnern.

Das Leben von Charles T.

Um begreifen zu können, was an diesem Morgen vergangenen Januar passierte, hat das Aachener Landgericht sich große Mühe gegeben, die Ereignisse zu rekonstruieren, auch das Leben von Charles T. in groben Zügen nachzuzeichnen. Der Vorsitzende Richter Roland Klösgen hat an drei Verhandlungstagen 26 Zeugen und fünf Sachverständige vernommen, und wenn man alles angehört hat, ergibt sich das Bild eines Menschen, dessen Leben über Jahre, vielleicht über Jahrzehnte auf eine Ausnahmesituation hinauslief.

Charles T. hat zwei ältere Schwestern, seine beiden Brüder starben noch im Kindesalter. Seine Eltern führten einen Elektroinstallationsbetrieb in einem kleinen Ort zwischen Heerlen und Maastricht. Mit vier Jahren wäre Charles T. fast an einem Infekt gestorben, die erste Klasse musste er zwei Mal wiederholen, er leidet bis heute unter einer Lese-Rechtschreib-Schwäche. Seine Eltern dachten, das Problem löse sich auf einem Internat von allein, und schickten ihn von zu Hause fort.

Im Internat hatte Charles, der ein zurückhaltender, ruhiger, weicher Mann mit vielen eher weiblichen Attributen ist, wie ein Psychologe vor Gericht erklärte, oft Heimweh. Seine Schulkameraden hänselten ihn wegen seiner Lese-Rechtschreib-Schwäche, er litt. Es muss in dieser Zeit gewesen sein, als Charles T. begann, eine Mauer um sich zu bauen, sein einzigen Freunde im Internat waren drei Kuscheltiere, die ihm Trost waren und sein Heimweh linderten.

Versierter, perfektionistischer Techniker

In seinem Elternhaus wurde nicht über Gefühle gesprochen, im Mittelpunkt des Familienlebens stand die Arbeit und der elterliche Betrieb. Wenn T. am Wochenende nach Hause kam, wurde erwartet, dass er im Betrieb half, nicht, dass er über seine Probleme im Internat sprach. Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Elektroinstallateur, die er mit Bravour abschloss. Mehrere Zeugen berichteten dem Gericht, was für ein versierter, perfektionistischer Techniker Charles T. war, bevor sein Leben aus den Fugen geriet.

Er zeigte kaum Interesse an Disco- oder Kneipenbesuchen, auch nicht an Frauen. Seine erste Freundin hatte er mit Ende 20. Heidi hieß sie, Charles und sie führten eine geschwisterliche Beziehung, die Heidi nach wenigen Monaten beendete.

1997 wurde Charles T. Zeuge, wie sein Schwager Paul, der zu einer wichtige Bezugsperson in seinem Leben geworden war, im Haus von Charles T.s Eltern Geld aus der Familienkasse stahl. Obwohl T. diesen Vorfall nie ansprach, tötete sich der Schwager kurze Zeit später selbst. Bis heute gibt sich Charles T. eine Mitschuld am Tod des Schwagers, wie eine psychiatrische Sachverständige dem Gericht sagte.

Wenige Jahre später, 2001, stellte der Hausarzt erstmals eine depressive Störung bei Charles T. fest und verschrieb ihm ein Medikament, das T. nicht gern nahm, schon gar nicht über längere Zeit. 2002 übernahm er den elterlichen Betrieb, 2005 starb sein Vater. In dieser Zeit lernte Charles T. seine heutige Frau kennen, Chantal, mit der er bald zusammenzog.

Ruhig, hilfsbereit und freundlich

Als Chantal 2010 schwer erkrankte, verschlimmerte sich T.s Depression. Er war unruhig, schlief schlecht und hatte Konzentrationsstörungen, seine Stimmung außerhalb der Arbeit schwankte. Der Hausarzt überwies ihn an einen Psychologen, und Charles T. unternahm alles, damit niemand außer seiner Frau mitbekam, dass es ihm nicht gut ging. Menschen, die sich als Freunde von Charles T. bezeichnen, erklärten dem Gericht, dass sie nie auch nur geahnt hätten, dass Charles unter psychischen Problemen leidet. Auch seine Mitarbeiter im Betrieb wollen nie etwas gemerkt haben. Charles T. sei immer ruhig, hilfsbereit und freundlich gewesen, mit anderen Worten: ein guter Mensch, ein guter Chef. Wann immer ein Zeuge etwas Freundliches über Charles T. sagte, begann er, vor lauter Rührung zu weinen.

Privat hatte sich allerdings keiner seiner Freunde oder Mitarbeiter je mit T. getroffen, soziale Kontakte fanden nur in Zusammenhang mit der Arbeit statt. Und im Schießverein, dem T. Anfang des Jahrtausends beigetreten war.

Als seine Frau Charles T. vor Gericht charakterisieren sollte, also den Mann, mit dem sie seit mehr als zehn Jahren zusammenlebt, sagte sie: „lieb und freundlich“. Mehr fiel ihr nicht ein. Warum er regelmäßig zum Psychologen ging? Wusste sie nicht. Die ständigen Kopfschmerzen? Wurden nie thematisiert. Es klang, als wären zwei Fremde miteinander verheiratet. Der psychologische Sachverständige wird später gegenüber unserer Zeitung sagen, das sei keineswegs eine Ausnahme.

Im Herbst 2014 nahm sich ein Freund aus dem Schießverein das Leben, T. fand den Toten gemeinsam mit dessen Frau. Die Bilder, sagte T. der psychiatrischen Sachverständigen, gingen ihm bis heute nach. Zeit zum Trauern blieb T. jedoch nicht, der Betrieb lief ja weiter. Sein Arbeitspensum betrug nun bis zu 60 Stunden in der Woche. In einem Dossier seine Hausarztes steht, dass T.s Leben aus Arbeiten und Schlafen bestehe.

Im Frühjahr 2016 verschlechtere sich T.s Gesundheitszustand weiter. Er verlor den Appetit, zeigte Symptome von Überlastung, er fühlte sich leer. Der Psychologe sagte dem Gericht, dass Charles T. seine psychische Krankheit verdrängte, seine Furchtsamkeit und seine Ängste, wie er auch alles andere im Leben gelernt hatte zu verdrängen. Über Gefühle wird nicht gesprochen, man hat zu funktionieren. So hatten es seine Eltern ihm vorgelebt. Noch mit fast 90 Jahren hatte T.s Mutter trotz beginnender Demenz im Betrieb mitgearbeitet, jeden Tag.

Hilfsbereitschaft als Verdrängungsstrategie

Ein Teil von Charles T.s rigider Verdrängungsstrategie sei die ständige Verfügbarkeit für andere Menschen gewesen, die von vielen Zeugen als Hilfsbereitschaft beschrieben worden war. Wer nur an andere denkt, hat keine Zeit, über sich selbst nachzudenken. Überdies zeige T. ein auffallendes, fast naives Bedürfnis nach Zuneigung, das durch die Dankbarkeit derer befriedigt wurde, für die Charles T. vor, nach oder während der Arbeit wieder mal dagewesen war, stellte der Psychologe weiter fest.

Im Sommer 2016 erhielt T.s Betrieb zwei Großaufträge, einen in Heerlen, einen in Heinsberg. Am 2. August heiratete er Chantal, danach fühlte er sich mehr denn je „depressiv und kaputt wie ein Hund“, erklärte die psychiatrische Sachverständige. Verkrampfungen in den Fingern, Konzentrationsverlust, Kopf- und Nackenschmerzen. T. musste unvorstellbar viel Energie aufbringen, um das vor dem Rest der Welt zu verbergen.

Am 7. Oktober 2016 begann T.s Lage, sich zuzuspitzen. Seine Frau sagte vor Gericht, seit diesem Tag sei ihr Mann „nicht mehr der alte gewesen“. Er wachte morgens auf und hatte starke Kopfschmerzen, Wortfindungs- und Wahrnehmungsstörungen. Mit Verdacht auf einen Schlaganfall wurde er in ein Heerlener Krankenhaus eingeliefert. Fünf Tage blieb er dort, doch die Ärzte fanden keine Ursache für seine Probleme. Ein Schlaganfall wurde ausgeschlossen, seine Probleme waren psychischer Natur. Er bekam neue Medikamente verschrieben und wurde aus dem Krankenhaus entlassen.

Zwar halfen die Medikamente, aber T. war an einem Punkt angelangt, an dem er seine Probleme auf der Arbeit nicht mehr verbergen konnte. Nach zwei Stunden war er regelmäßig so ermattet, dass er sich hinlegen musste, seine Fingerfertigkeit hatte nachgelassen, er musste seine Mitarbeiter bei Arbeiten um Hilfe bitten, die ihm bis dahin leichtgefallen waren.

Am 11. November 2016 erlitt Charles T. einen Rückfall und konnte nun nicht mehr ohne Weiteres ausdrücken, was er sagen wollte. An Nikolaus sprach ihn seine Mutter an und fragte, ob etwas nicht in Ordnung sei. Das war ihm peinlich. Am 15. Dezember verlor seine Frau ihre Stellung. Charles T.s Angebot, doch im Betrieb mitzuarbeiten, lehnte sie ab. Sie interessiere sich nicht für seinen Betrieb.

Am 23. Dezember gab es ein Gespräch zwischen Charles, seiner Mutter und seinem Neffen, das ihn tief verstörte. Worum es in dem Gespräch gegangen war, hat Chantal ihren Mann Charles nie gefragt. Und Charles selbst kann sich heute an den Inhalt des Gesprächs nicht mehr erinnern, ab diesem Tag, dem 23. Dezember 2016, beginnt sein bis heute andauernder Gedächtnisverlust.

Am 11. Januar 2017 war er noch einmal beim Hausarzt und erzählt ihm, dass es Streit in der Familie gebe. T. bat seinen Arzt aber darum, dies nicht in seine Krankenakte zu schreiben, es war ihm peinlich. Charles T. war sich der Tatsache bewusst, dass er den Betrieb in seinem Zustand nicht würde weiterführen können. Er diskutierte mit einem Mitarbeiter über den Verkauf des Betriebes.

Am Morgen des 20. Januar stand Charles T. auf, ging ins Bad und riss den Deckel der Toilette aus der Verankerung. Er stieß eine Falsche Shampoo um, deren Inhalt sich über die Kacheln ergoss. Chantal sagte: „Ich habe meinen Mann nicht mehr erkannt.“ Er ging zum Frühstückstisch und bat seine Frau, ein unangenehmes Gespräch mit einem der Mitarbeiter zu führen, er selbst sehe sich dazu außer stande. Chantal lehnte ab. Charles T. stieß seine Teetasse um, ging zu seinem Auto und fuhr weg.

Die entscheidende Frage

Gegen 11.30 Uhr fuhr Charles T. über die Abfahrt Merzenich falsch auf die A4 auf, fuhr etwa 3,5 Kilometer auf dem Standstreifen und zog dann auf die rechte Spur in den entgegenkommenden Verkehr. Er kollidierte mit einem Lkw, mit einem VW Bully und schließlich mit dem Audi A3 von Heinz H. und Gertrud L. In seinem Auto fand die Polizei später einen Abschiedsbrief und die drei Kuscheltiere, die Charles T. geholfen hatten, das Heimweh im Internat zu unterdrücken.

Im Abschiedsbrief stand, dass es ihm leid tut, dass er aber keinen Ausweg mehr sieht als sich das Leben zu nehmen. Sein Kopf funktioniere einfach nicht mehr richtig.

Und nun die entscheidende Frage: War Charles T. an diesem Morgen schuldfähig? Kann er verurteilt werden?

Die Antwort: vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Selbst die erfahrene psychiatrische Sachverständige, Konstanze Jankowski, kann sich der Wahrheit nur annähern. Nach dem Unfall hatte Charles T. wochenlang im Koma gelegen und konnte nicht vernommen werden, heute kann er sich an nichts mehr erinnern. Letzte Gewissheit wird es wohl nicht geben. Und jetzt?

In der Rechtsprechung gilt der Grundsatz: Im Zweifel für den Angeklagten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Richter Klösgen zur Auffassung gelangt, diesen Grundsatz anwenden zu müssen. Dann verließe Charles T. das Gericht als freier Mann. Es kann aber auch sein, dass das Gericht die Sache völlig anders sieht.

Das Urteil könnte bereits am Dienstag gesprochen werden.

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