Wann wird aus Bad Münstereifel ein Outlet-Center?

Von: Marlon Gego
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Blick vom Fuß der Festung auf die Bad Münstereifeler Innenstadt: Aus einem Teil des so schönen wie verschlafenen Ortes soll ein Outlet-Center werden, vor allem soll darin um mindestens 30 Prozent reduzierte Markenbekleidung angeboten werden. Foto: M. Gego
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Ein anderes Outlet: Weil Bad Münstereifel die Gäste weglaufen, müssen die Einzelhändler neue Reizpunkte setzen, etwa durch Sonderangebote. Foto: M. Gego
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„Bad Münstereifel wird anziehend“: Nur wann? Die Stadt wartet darauf, dass das Outlet-Center eröffnet und endlich wieder Kunden kommen. Foto: M. Gego

Bad Münstereifel. Wenn man mit Wolfram Erber an der Erft entlang läuft, teilt sich Bad Münstereifel in zwei Hälften. Die eine Hälfte grüßt Erber freundlich und wünscht ihm einen schönen Tag. Die andere Hälfte schaut demonstrativ weg, obwohl sie Erber kennt.

Als Erber an einem kalten Tag vergangene Woche an der Erft entlang läuft und kleine weiße Wölkchen in den Mittag atmet, kommt ihm einer der Vermarkter entgegen, die aus der Stadt ein Outlet-Center machen sollen. Erber nickt und lächelt, der Vermarkter nickt nicht. Er lächelt auch nicht. Der Vermarkter kneift die Augen zu Schlitzen zusammen und schaut, als wünsche er Erber die Pest an den Hals, und möglicherweise tut er das sogar. Wünschen ist ja nicht verboten.

Kleinkriegszustände

Es wäre übertrieben, von Kriegszuständen in Bad Münstereifel zu sprechen, aber das Wort „Kleinkriegszustände“ trifft die Lage schon eher. Die Stadt entzweit sich an der Frage, ob es gut ist, dass drei Investoren aus diesem herzerwärmenden Fachwerkidyll einen Outlet-Center machen wollen. Vor allem entzweit sich die Stadt an der Frage, ob es gut ist, wie die Investoren das machen: im Geheimen, mit eilfertiger Unterstützung einer offenbar überforderten Stadtverwaltung, die in allen das Outlet-Center betreffenden Fragen wie ein marionettenhafter Erfüllungsgehilfe der Investoren wirkt, allen voran der Bürgermeister.

Obwohl das Outlet-Center eigentlich schon vergangenen Herbst eröffnen sollte, haben viele Münstereifeler erst Mitte Februar von den Plänen erfahren, die ihre kleine Stadt in ein Tollhaus verwandeln sollen. Der WDR zeigte am 18. Februar eine 45 Minuten lange Dokumentation über die Outlet-Pläne, denen zufolge eine Million Kunden pro Jahr zum Einkaufen nach Bad Münstereifel im entlegensten Winkel des Kreises Euskirchen kommen sollen. Erst nach der Ausstrahlung organisierte sich in der Stadt Protest, und Wolfram Erber, der schon in der WDR-Doku seine Sorge über das Outlet-Projekt geäußert hatte, gibt diesem Protest nun ein Gesicht.

Geplant ist dies: Die Investoren sind dabei, bis zu 20 Häuser in der kleinen Innenstadt zu kaufen, die zusammen die eine Hälfte des Outlet-Centers bilden. Die andere Hälfte entsteht gerade vor dem Stadttor am südlichen Ende der Innenstadt, dort wird eine Art Kaufhaus gebaut, in dem die anderen etwa 20 Geschäfte untergebracht werden sollen. Bad Münstereifel bekäme, wenn alles so läuft, wie die Investoren das offenbar planen, einen über die Stadt verteilten Outlet-Center, in dessen 40 Läden überwiegend reduzierte Klamotten verkauft werden. Weil Köln, Bonn, Aachen und das Ruhrgebiet in der Nähe sind, haben die Investoren ausgerechnet, dass eine Million Kunden pro Jahr ins Münstereifeler Outlet-Center kommen werden. Ob so ein Projekt in einer 18.000-Einwohner-Stadt funktioniert, ist die Frage. In ganz Europa gibt es keine andere zum Outlet-Center umgebaute Innenstadt.

Kurstadt ohne Kurgäste

Erber läuft die Erft entlang und zu den Stellen, an denen die Spaltung der Stadt sichtbar wird, zu den leerstehenden Ladenlokalen. Erst machte der Drogeriemarkt zu, dann der Metzger, dann der Supermarkt, zwischendurch auch andere Läden. Es ist, als würde die ungewisse Zukunft die Stadt lähmen und die Besucher fernhalten. Die Häuser, die die Investoren gekauft haben, werden nicht fertig, die Eröffnung des Outlet-Centers wurde schon zwei Mal verschoben. Und ob der nun geplante Eröffnungstermin im September zu halten sein wird, ist angesichts der großen Langsamkeit, mit der die Bauarbeiten voranschleichen, ziemlich fraglich.

Die Mieter der Häuser, die die Investoren kauften, mussten ihre Wohnungen oder Ladenlokale räumen. Geradezu dramatisch wurde es, als auch das Haus verkauft wurde, in dem der Schlagerbarde Heino sein Café hatte, zu dem jeden Tag Hunderte Menschen pilgerten. Heino musste sein Café vergangenes Jahr räumen und eröffnete es im Kurhaus oberhalb der Stadt neu. Die Fans lassen sich nach wie vor busseweise vor Heinos Eingangstür ausschütten, aber in die Innenstadt kommen sie von dort aus nicht mehr, was die Geschäfte in der Innenstadt schnell zu spüren bekamen. Weitere Einzelhändler mussten schließen. Bad Münstereifel verkommt zur Ruine seiner früheren Kuscheligkeit.

Erber sagt: „Jeder ist über den Zustand der Stadt beunruhigt.“

Das sieht der Bürgermeister völlig anders. Alexander Büttner heißt er, und obwohl er aus Pforzheim in Baden ist, hat die CDU ihn 2004 mangels personeller Alternativen mal zur Wahl aufgestellt. Bad Münstereifel ist eine konservative Stadt, die CDU stellt hier fast gewohnheitsmäßig den Bürgermeister, und so gewann auch Büttner die Wahlen 2004 und 2009. Büttners Problem ist, dass seine Stadt zwar Kurstadt ist, aber keine Kurgäste mehr hat, weil Kuren auch aus Kostengründen ein bisschen aus der Mode gekommen sind und die Krankenkassen die teuren Kuren nicht mehr gar so gern bewilligen wie noch in den 70er und 80er Jahren. Und weil vom Tagestourismus allein keine Stadt mehr leben kann, ist Münstereifel hoch verschuldet und im Haushaltssicherungskonzept.

Büttner ist wie seinen Vorgängern im Laufe der Jahre nichts eingefallen, das die Stadt aus ihrer wirtschaftlichen Not hätte befreien können. Man kann sich seine Begeisterung lebhaft vorstellen, als die Investoren ihm erstmals von ihrer Idee erzählten und ihm vorrechneten, wie viel Gewerbesteuer eine Million Outlet-Center-Kunden pro Jahr in die Stadt tragen würden.

„Eine Jahrhundertchance“

Rainer Waasem hat bis 2004 fast 25 Jahre lang für die SPD im Stadtrat gesessen, er hat die Zeit von Bad Münstereifels wirtschaftlichem Niedergang aus nächster Nähe miterlebt. Waasem, 61 Jahre alter Rechtsanwalt, erzählt, wie Münstereifel es nach dem Zweiten Weltkrieg schaffte, sich einen Ruf als Kurstadt für Zehntausende Versehrte zu schaffen. Die räumliche Nähe zu der damaligen Bundeshauptstadt Bonn war dabei sicher nicht von Nachteil. Auch Politgrößen wie Willy Brandt oder Konrad Adenauer waren oft zu Gast und verschafften der Stadt einen Ruf, schnell wurde sie zum Kurzurlaubsziel. Wie zuvor schon einmal in ihrer Geschichte, brachte die Stadt es zu Ansehen und einigem Wohlstand, schaffte es aber dann nicht, ihn zu halten.

Waasem sagt, dass die Stadt es zum Beispiel versäumt habe, in den 90ern, als die Zahl der Kurgäste schon merklich zurückging, den sich schnell abzeichnenden Wellness-Trend aufzugreifen. Auf der ganzen Welt begannen Hotels, mit Spas, Saunas und anderem Wohlfühlbrimborium das touristische Angebot zu erweitern und so zahlungskräftige Kundschaft zu binden. Münstereifel habe diesen Trend einfach verschlafen, sagt Waasem.

Die Politik habe sich darüber hinaus zu wenig um die weitgehend denkmalgeschützte Innenstadt gekümmert, zu wenig um die Bedürfnisse sowohl der Bewohner als auch des Einzelhandels. Irgendwann war aus der Kurstadt ein Ausflugsziel für vorwiegend alte Menschen geworden, was dazu führte, dass einer der Investoren das Outlet-Projekt unwidersprochen als alternativlos für die Stadt bezeichnen durfte. Der Bürgermeister sprach gar von „einer Jahrhundertchance“, wie so viele Politiker, wenn sie entweder keine Lust oder keine Argumente haben, um sich mit Kritik auseinanderzusetzen.

Einer der wenigen, die sich öffentlich für das Outlet-Center aussprechen, ist der Münstereifeler Optiker Alex Schlierff. Schlierff, der gelegentlich mit Heino Schach spielt, sagt, er wisse nicht, ob das mit dem Outlet-Center wirklich klappt, er kennt sich zu wenig damit aus. Aber mit Geld, da kennt er sich aus, deswegen sagt er: „Die 40 Millionen Euro, die in dieses Projekt investiert werden, die bleiben in Bad Münstereifel.“ Dass es mit dem Projekt nicht richtig vorangehe, hänge wohl damit zusammen, dass die Investoren den Aufwand für die Renovierung all der denkmalgeschützten Häuser „stark unterschätzt haben“.

Viele Fragen, keine Antworten

Mittlerweile wird in einigen der gekauften Häuser zwar gebaut und renoviert, aber wer durch Bad Münstereifel läuft, gewinnt nicht den Eindruck, dass schon in fünf Monaten, im September, alles fertig sein kann. Und die Stadtverwaltung verzettelte sich bei der Parkhausplanung so sehr, dass bis heute kein zusätzlicher Parkraum geschaffen ist. Ob der zögerliche Fortschritt des Outlet-Projektes nun an der Stadt liegt oder an den Investoren, ist nicht klar. Denkbar ist auch, dass die Investoren noch immer keine großen Marken gewinnen konnten. Ohne namhafte Marken als Zugpferde würde es schwierig, alle 40 Ladenlokale zu verpachten und Kundschaft in das Outlet-Center zu locken.

Viele Fragen, keine Antworten, und die Ungewissheit ist es, die der Stadt zu schaffen macht. Als vorerst Letzter schloss Rudolf Becker seinen Laden, seit dem 6. April ist die Innenstadt ohne Supermarkt. Die Menschen, die dort noch wohnen, müssen jetzt mit dem Auto in andere Supermärkte fahren, und wenn sie einmal unterwegs sind, können sie die restlichen Einkäufe auch gleich woanders erledigen. Für den übriggebliebenen Einzelhandel in der Innenstadt ist das eine Katastrophe. Rudolf Becker beklagt sich über mangelnde Unterstützung der Politik. „Und glauben Sie, der Bürgermeister hätte je auch nur ein Glas Marmelade bei mir gekauft?“

Erber läuft die Erft entlang, rechts über eine Brücke und zur alten Schlossruine hoch. Auf halbem Weg, kurz unterhalb des Felsenkellers, macht er halt, dreht sich nach rechts und sagt: „Ist das nicht schön?“ Vor ihm liegt die Innenstadt, von hier oben aus sind die Narben nicht mehr zu sehen, die das Outlet-Center schon hinterlassen hat, obwohl es noch gar nicht eröffnet ist. Erber spricht davon, dass die Stadt ihre Seele verliert. „Das Schlimme“, sagt Erber, „ist trotzdem nicht, dass hier ein Outlet hinkommt. Das Schlimme ist, dass die Bürger nicht miteinbezogen werden und niemand weiß, wie es weitergeht.“ Alles bewege sich im Ungefähren, bleibe vage, und weil keiner weiß, was wann kommen wird, gebe es auch keine richtige Diskussionsgrundlage. Erber erlebt im Bekanntenkreis, wie Freundschaften dabei sind, an der Frage nach der Sinnhaftigkeit des Outlet-Centers zu zerbrechen.

Kleinkriegszustände. Vielleicht kann man es tatsächlich so nennen.

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