Heinsberg/Aachen - Vor 20 Jahren: Die Nacht, in der die Erde bebte

Vor 20 Jahren: Die Nacht, in der die Erde bebte

Von: Anne Grein
Letzte Aktualisierung:
Heinz Willi Jansen aus Heinsbe
Heinz Willi Jansen aus Heinsberg- Oberbruch, beim Erdbeben vor 20 Jahren Löschgruppenführer.

Heinsberg/Aachen. Als Heinz Willi Jansen um ziemlich genau 3 Uhr 20 aufwachte und sah, wie ihm die Schubladen aus seiner Kommode im Schlafzimmer entgegen kamen, da hat er zunächst überhaupt nicht an ein Erdbeben gedacht.

Die Erde bebte, sein Haus zitterte, aber Heinz Willi Jansen dachte, im Industriepark Oberbruch habe es einen Unfall gegeben. Obwohl Jansen zu dieser Zeit die Löschgruppe Heinsberg-Oberbruch geleitet hat, war es seine Frau, die als erste die Situation erfasste. Intuitiv lief sie zu den Kindern und brachte sie in Sicherheit. „Heinz Willi”, sagte seine Frau, „das ist ein Erdbeben.”

Es gibt Tage, die verbindet jeder mit einer persönlichen Geschichte. Der 11. September 2001 ist so ein Tag, fast jeder kann genau sagen, was er gerade gemacht hat, als die Flugzeuge im World Trade Center in New York einschlugen. Heinz Willi Jansens 11. September ist der 13. April 1992: Heute vor 20 Jahren bebte die Erde zwischen Aachen und Heinsberg so stark, dass die Stöße auch noch in London und München zu spüren waren. Heinsberg war besonders betroffen, das Epizentrum lag kurz hinter der Grenze bei Roermond. Die Richterskala zeigte eine Stärke von 5,9 an.

So wie Heinz Willi Jansen ging es vielen Menschen in der Region, die an diesem 13. April 1992, einem Montag, frühmorgens aus dem Schlaf gerissen wurden. Viele liefen auf die Straße, weil sie sich im Haus nicht mehr sicher fühlten. Doch in der Nacht selbst bemerkten die meisten Menschen gar nicht, welchen Schaden das Erdbeben angerichtet hatte.

So fuhr auch Heinz Willi Jansen, der Löschgruppenführer, morgens zunächst zur Arbeit. Es dauerte ein bisschen, bis ihn sein Stellvertreter zum Einsatz rief: „Erst das Tageslicht hat gezeigt, welche Schäden das Erdbeben angerichtet hat”, sagt Jansen. Weil Heinsberg nahe am Epizentrum lag, hat es die Stadt und besonders die Stadtteile Oberbruch und Dremmen hart getroffen. Alleine in Oberbruch waren 35 Feuerwehrkräfte den ganzen Tag im Einsatz und entfernten zumeist lose Dachziegel oder Kamine. Einige Gebäude mussten sogar abgerissen werden, auch das Obergeschoss des damaligen Jugendlokals „Die Kiste”: „Der Giebel des Lokals war ein ganzes Stück nach vorne gerutscht. Das Dachgeschoss musste abgerissen werden”, sagt Jansen.

Mit am schlimmsten betroffen war das Marienkloster in Dremmen, ein Altenheim. „Auf der ersten Etage gab es kein Zimmer ohne Risse in den Wänden”, erinnert sich der damalige Heimleiter Karlheinz Stoffels-Fiegen. Weil Teile des Daches und das Treppenhaus eingestürzt waren, war erst nicht klar, ob man das Treppenhaus überhaupt wieder betreten durfte. Wenige Stunden später war dann aber klar, dass das Gebäude nicht einstürzen würde.

Glück hatte eine damals 84-jährige Bewohnerin des Altenheims. Während schon der erste Putz auf ihrer Bettdecke landete, fanden die Pfleger die alte Dame schlafend vor. „Die Frau hat seelenruhig weitergeschlafen und nichts vom Erdbeben bemerkt”, sagt Stoffels-Fiegen und lacht.

Insgesamt entstand in der Region ein Schaden in Höhe von umgerechnet bis zu 130 Millionen Euro, ganz genau ließ sich die Schadenshöhe nicht ermitteln. Das Beben war bis heute das stärkste Beben in Mitteleuropa seit 1756. 30 Menschen wurden zum Beispiel durch herabfallende Dachziegel verletzt, 15 mussten ins Krankenhaus gebracht werden.

Auch in Aachen waren die Spuren des Bebens sichtbar. Das am stärksten betroffene historische Gebäude war der Lange Turm zwischen Turm- und Junkerstraße: 80 Quadratmeter Steine fielen von der zwei Meter dicken Fassade. Studenten, die in dem Bauwerk aus dem 15. Jahrhundert lebten, mussten sich neue Wohnungen suchen. Einige Fialen an der Rathausfassade mussten abmontiert werden, da sie nicht mehr sicher standen.

Auf alten Fotos sieht man, dass viele Autos beschädigt wurden, oft von abgebrochenen Teilen der Hausfassaden. In der Nacht gingen knapp 2000 Anrufe bei Polizei und Feuerwehr ein, Häuser wurden vorsorglich evakuiert, viele Menschen gerieten in Panik. Einige, die aus ihren Häusern ins Freie gelaufen waren, trauten sich bis zum Tagesanbruch aus lauter Angst vor neuen Erdbeben nicht mehr zurück. Die 91-jährige Martha Tober sagte damals unserer Zeitung: „Es war wie im Krieg.” Der Aachener Dom, wenigstens das, blieb weitgehend unbeschädigt.

„Wir sind glimpflich davongekommen”, sagt Heinz Willi Jansen, während er in einem alten Ordner durch die Fotos von damals blättert. „Es hätte schlimmer kommen können.” Denn zum Zeitpunkt des Geschehens lagen die meisten Menschen in ihren Betten und waren nicht auf den Straßen unterwegs, wo sie von herabfallenden Ziegeln getroffen worden wären. Ein Satz ist Jansen bis heute in Erinnerung geblieben: Jemand soll gesagt haben: „Jetzt haben wir für die nächsten 20 Jahre Ruhe.” Die Prognose war, wie die Erdbeben in Alsdorf im Juli 2002 oder das auch in der Region wahrnehmbare Beben in Goch am 8. September 2011 belegen, leider falsch.
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