Von Schutzmännern und Schutzengeln

Von: Sarah Maria Berners
Letzte Aktualisierung:
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Nicht jedes Blaulicht dreht sich um die Terrorwarnung: Auf dem Weihnachtsmarkt in Aachen geben sich die Menschen gelassen. Foto: dpa

Aachen. „Dahinten steht ein verdächtiger Koffer”, grölt ein junger Mann über den Katschhof. Er steht mit seinen Kumpels an der Glühweinbude und hat schon den ein oder anderen Becher intus. Es ist früher Nachmittag. Auf dem Weihnachtsmarkt ist noch nicht viel los.

Reaktionen auf den Ruf gibt es kaum. Nur Polizist Wolfgang Kuck hört hin - von Berufs wegen. Er geht gerade Streife über den Aachener Weihnachtsmarkt.

Die Polizei zeigt Präsenz - auf dem Weihnachtsmarkt, am Bahnhof und auf dem Tivoli. Wie viele zusätzliche Polizisten in diesem Jahr aufgrund der Terror-Warnung im Dienst sind, verrät die Polizei nicht. Man sei verstärkt auf Plätzen mit hohem Publikumsaufkommen unterwegs, heißt es. Da seien Polizisten, die man sieht. Und welche, die man nicht sieht.

Glühwein und Gespräche

Vor der Glühweinbude sucht Wolfgang Kuck das Gespräch mit dem Störenfried. „Ich halte das ganze für Panikmache. Die Regierung sucht mit der Warnung doch nur Rechtfertigungsgründe für ihre Einsätze in Krisengebieten”, sagt er.

Auch wenn Sicherheitsexperten fürchten, dass Weihnachtsmärkte Ziel eines Anschlages sein könnten, hält sein Kumpel es für unwahrscheinlich, dass es ausgerechnet Aachen treffen soll. „Da gibt es aus Terroristensicht sicher attraktivere Ziele, die politisch mehr wiegen”, sagt er. Überhaupt könne verstärkte Polizeipräsenz einen Anschlag wohl kaum verhindern.

„Hundertprozentigen Schutz gibt es nicht”, sagt auch Polizist Kuck. Aber er und seine Kollegen würden alles tun, um ein höchst mögliches Maß an Sicherheit zu erreichen. Während seines Rundgangs zwischen den Buden lässt Kuck den Blick kaum merkbar schweifen.

Die Anwesenheit der Beamten soll Sicherheit vermitteln, keine Panik machen. Die Nischen zwischen den Buden, Mülleimer und natürlich auch die Menschen hat Kuck im Blick. „Niemandem steht auf der Stirn geschrieben, dass er Terrorist ist, kein Paket ist als Sprengsatz gekennzeichnet”, sagt er.

Mit geschultem Blick ließen sich aber Unregelmäßigkeiten erkennen. Ein Paket etwa, das nicht in den Kontext passe, eine Person, die nervös wirke. Eine gedankliche Liste zum Abhaken haben die Polizisten nicht. Sie sind auf äußere Signale angewiesen. Was, wenn sie nicht ausgesendet werden? Wie gesagt, absolute Sicherheit gibt es nicht.

Evangelos Demiris hat aus seinem Süßwarenstand freie Sicht auf die glühweintrinkenden Marktbesucher. „Hier ist es jeden Abend voll. Das zeigt doch, dass die Leute keine Angst haben. Sonst würden sie nicht kommen”, sagt er. Angst oder ein ungutes Gefühl haben auch die meisten Standbetreiber nicht.

„Ich habe einen Schutzengel”, sagt Bonbonmacher Hartmut Gerhards. „Aber wenn jemand vor hat, sich hier in die Luft zu sprengen, dann kann man sich wohl kaum davor schützen.”

Die Stimmung auf dem Markt ist sorgenfrei. Eigentlich wie immer. Mit einem Besuchereinbruch rechnet der Märkte- und Aktionskreises City, der den Aachener Weihnachtsmarkt ausrichtet, daher nicht.

Für Wolfgang Kuck geht es weiter zum Markt. Eine vorgegebene Route mit Zeitplan hat er nicht. Die Einsätze sind flexibel und damit nicht berechenbar. Trotzdem können weder uniformierte noch die Beamten in zivil immer und überall zur Stelle sein.

„Deswegen bitten wir die Menschen, stets wachsam zu sein”, sagt Kuck. „Lieber einmal zu viel anrufen, als das eine Mal zu wenig.” Niemand müsse Angst vor Bestrafung haben, wenn sich ein Verdacht nicht bestätige. Anders sehe das bei Anrufern aus, die die Polizei bewusst falsch informieren.

Der Bürger könne sich häufig auf sein Bauchgefühl verlassen, auf das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Die Gefahr, dass Menschen, die optisch erkennbar arabische Wurzeln haben, verstärkt in den Fokus rücken, vielleicht sogar stigmatisiert werden, sieht Kuck nicht.

Schon gar nicht bei der Polizei, und auch den Bürgern traut er zu, sich davon zu lösen und nicht die Hautfarbe, sondern das Verhalten zu bewerten.

„Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, wo die nächste Toilette ist?”, fragt eine britische Touristin. Das kann der Polizist natürlich. Auch die alltäglichen Aufgaben müssen erfüllt werden. Verdächtige Personen oder Objekte hat Kuck bei seinen Rundgängen bisher nicht gesehen.

Gefragt war er vielfach: Erst am Vortag hatte er mit Kollegen einen Dieb erwischt und Strafanzeige erstattet. „Vielleicht ist das ja ein positiver Nebeneffekt, wenn wir in diesem Jahr verstärkt auf dem Weihnachtsmarkt unterwegs sind.”
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