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Von Latte-Macchiato-Müttern und Komfortzonen

Von: Sarah Sillius
Letzte Aktualisierung:
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Angeregte Diskussion: Autorin Bascha Mika mit unserer Redakteurin Martina Rippholz im Zeitungsverlag Aachen. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Bascha Mika streitet gern. Das durfte sie am Dienstagabend im Zeitungsverlag Aachen. Mika, Autorin und bis 2009 langjährige Chefredakteurin der Berliner „tageszeitung” („taz”), hatte ihre Streitschrift „Die Feigheit der Frauen” im Gepäck.

Bascha Mika fragt darin, warum sich Frauen, die ursprünglich ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben führen wollten, in die Komfortzone locken lassen - „Frauen, die eigentlich die Hälfte des Himmels haben wollten.”

Mika hat für die Lesung das Kapitel mit den Latte-Macchiato-Müttern gewählt. Darin erzählt sie von Frauen, die in den Trendvierteln der Großstädte einen Kinderwagen für achthundert Euro vor sich herschieben - vom Café über den Spielplatz, in den Bioladen und zurück. „Man trifft sich mit den anderen Frauen zum Latte Macchiato und zu Gesprächen, bei denen all diese Mütter von ihrem außergewöhnlich begabten Nachwuchs schwärmen und von den Fortschritten, die er beim Baby-Yoga oder beim Early English macht”, las Mika, stoppte kurz und blickte ins Publikum: „Hier in Aachen gibt es doch auch so ein Viertel? Das Frankenberger?” Lacher im Publikum.

Die Zuhörerinnen - zu 98 Prozent Frauen - kennen das Phänomen offenbar. Widerworte zu Mikas gewagten Thesen tauchten in der Diskussion, die von unserer Redakteurin Martina Rippholz moderiert wurde, kaum auf. Es waren vor allem Frauen zur Lesung erschienen, die ohnehin ein selbstbestimmtes Leben führen - oder die es bereuen, in die Rollenfalle getappt zu sein.

Mut machen

Gibt es keine Latte-Macchiato-Mütter, die sich über das Buch aufregen? „Viele sagen: Verdammt, das ist genau mein Problem, ich bin in die Komfortzone gestolpert”, erzählte Mika, und betonte, dass sie mit ihrem Buch Mut machen will und es bewusst in der Wir-Form geschrieben hat. Mika schließt sich selbst nicht aus, sie will keine Feindbilder aufbauen - weder von Frauen in den Komfortzonen noch von Männern. „Männer sind ja eigentlich gar nicht so böse, sie wollen nur nicht zurückstecken.”

In diesen Worten steckte genug Zündstoff für die Podiumsdiskussion mit Erwin Palm, Personalleiter des Aachener Unternehmens Vygon, und Nina Mika-Helfmeier, Leiterin der Stabsstelle Kultur und Gleichstellung der Städteregion. Bascha Mika plädierte dafür, dass sich Deutschland vom Bild der Übermutter löst. Sie sprach sich deutlich für eine Frauenquote aus, genauso wie Nina Mika-Helfmeier: „Die Strukturen müssen sich ändern.”

Erwin Palm, Befürworter von Mikas Thesen, wurde dennoch zum stellvertretenden Verteidiger der Männerwelt: „Auch für Männer gibt es bestimmte Rahmenbedingungen. Sie können sich nicht so leicht aus dem Beruf verabschieden.” Mika nahm seiner Argumentation schnell den Wind aus den Segeln: Zunächst müsse sich auf der privaten Ebene etwas verändern.

Männer verteidigt

Protest wurde auch aus den Zuschauerreihen laut: „Der Mann muss mit den Rahmenbedingungen klar kommen. Er muss bereit sein, seine Karriere ruhen zu lassen”, meinte eine Zuschauerin. Eine emotionale Diskussion, die in ähnlicher Form schon vor 30 Jahren geführt wurde. Wird es sie auch in 50 Jahren noch geben? Mika: „Wenn wir es dann immer noch nicht geschafft haben, sollten wir den Begriff Selbstbestimmung nie wieder in den Mund nehmen.”
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