„Von der Natur können wir viel lernen“

Von: Lukas Weinberger
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Chemiker, Maschinenbauer, Physiker, Biologen: Im Aachener Materialforschungsinstitut DWI wird Hand ind Hand gearbeitet. Zudem legt man dort großen Wert auf Kommunikation. Foto: Harald Krömer, Lukas Weinberger
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„Von der Natur können wir unglaublich viel lernen“: Martin Möller, Wissenschaftlicher Direktor des DWI.

Aachen. Nein, auf den ersten Blick haben Sonnenblumen und das Aachener Materialforschungsinstitut DWI nun wirklich nicht viel mitein­­­­ander zu tun. Wieso sollten sie auch? Moderne Forschung und die beliebten gelben Sommerblumen – wirklich schwer vorstellbar, oder? Ganz und gar nicht, sagt Martin Möller.

Und der weiß, wovon er spricht: Er ist Wissenschaftlicher Direktor des DWI, dort, wo an sogenannten interaktiven Materialien geforscht wird. Und das so erfolgreich, dass das An-Institut der RWTH zum 1. Januar das erste Aachener Leibniz-Institut wird.

Und das hat eben auch mit den Sonnenblumen zu tun: Jeder weiß um deren natürliche Eigenschaften, sie orientieren sich an der Sonne. „Und wir beschäftigen uns im DWI damit, wie man auch Materialien mit solchen Eigenschaften ausstatten kann“, erklärt Möller. Wie man tote Materie so gestalten könne, dass sie das leiste, was lebende Organismen von ganz alleine könnten. Intelligente Materialien zu erschaffen, das ist das Ziel. Natürlich, irgendwie ist das alles extrem vereinfacht ausgedrückt: Das, was dort im DWI passiert, ist hochkomplexe Chemie, Biologie, Physik und Verfahrenstechnik.

Nach dem Vorbild der Natur

„Wir liefern das Grundmaterial“, sagt Möller, „andere dann die fertigen Bauteile.“ Das Leitbild des Materialforschungsinstituts dabei sei klar: „Von der Natur können wir einfach unglaublich viel lernen“, sagt er. Nach ihrem Vorbild sollen sich die interaktiven Materialien äußeren Veränderungen anpassen, auf sie reagieren können. Eigenschaften wie eben das Zuwenden zur Sonne gehören dazu. „Wenn sich beispielsweise Solarzellen so ausstatten ließen, dass sie sich ebenfalls danach richten, dann wäre das höchst interessant“, nennt Möller ein Beispiel. Und auch an weiteren Materialeigenschaften wird geforscht: selbst organisierend, selbst heilend oder etwa selbst schmierend.

Wie muss der Belag eines Skis beschaffen sein, damit er sowohl im Pulver- als auch im Pappschnee perfekt gleitet? Wie kann ein Pflaster so ausgerüstet werden, dass es nicht mit der Wunde verklebt und gleichzeitig die Heilung fördert? Oder wie schafft es eigentlich eine Muschel, ihre Schale so zu strukturieren, dass sie selbst bei härteren Stößen nicht sofort zerspringt – und welche Alltagsmaterialien könnten von dieser Eigenschaft profitieren? Es sind solche Fragen, mit denen sich das DWI beschäftigt. Auch die Entwicklung biohybrider und wasserbasierter Hochleistungsmaterialien steht auf der Agenda. Zudem widmet man sich der Aufgabe, sich selbst bewegende Materialien zu schaffen, sagt Möller. Sie bräuchten dafür einen eigenen Antrieb. „Das hat viel mit wässriger Chemie zu tun“, erklärt er. Kompliziert – selbst für Wissenschaftler. „Weit sind wir noch nicht, aber die Herausforderung bleibt.“

Gegliedert ist das DWI in drei Kompetenzfelder: makromolekulare Chemie, Biotechnologie und chemische Verfahrenstechnik. Es gibt fünf unterschiedliche Forschungsprogramme. „Damit haben wir eine einzigartige Stellung“, sagt Möller. Diese Kombination habe so kein anderes Institut zusammengebracht. Und sie sei ideal für den Standort Aachen: „Die Kombination passt nach Aachen, gehört nach Aachen und funktioniert in Aachen“, ist Möller überzeugt. Grenzen zwischen Disziplinen wie Materialwissenschaften, Biologie, Chemie und Physik verschwänden im DWI. Chemiker, Maschinenbauer, Physiker, Biologen – im DWI wird Hand in Hand gearbeitet. „Wir legen Wert darauf, dass Mitarbeiter verstehen, was Kollegen aus anderen Fachbereichen tun“, erklärt Möller. Kommunikation werde im Haus groß geschrieben. Große Räume, große Fenster, ein großer Innenhof als Treffpunkt. „Die Mitarbeiter sollen sich sehen, sich kennen.“

Gründungsjahr 1952

Auf diese Karte hat das DWI jedoch nicht immer gesetzt, gegründet wurde es im Jahr 1952 – als Deutsches Wollforschungsinstitut. 1962 fanden die Wissenschaftler dort den Schlüssel zur synthetischen Herstellung von Insulin. Nur auf die Wollforschung hat sich das DWI nie konzentriert. Und doch musste 2003, als Möller die Leitung übernahm, ein völlig neuer Weg her. „Wir mussten vorankommen“, sagt er heute. Vieles hatte sich verändert, alles beim Alten belassen, „das wäre nicht gut gegangen.“ Das DWI richtete sich vollkommen neu aus: Der Namenszusatz „Interactive Materials Research“ kam hinzu, nun stand die Forschung an Interaktiven Materialien im Fokus.

„Ab 2006 haben wir dann zudem sehr intensiv versucht, das DWI weiter umzugestalten, damit es ein Leibniz-Institut werden kann“, sagt Möller. Neues Gebäude, neue Infrastruktur. Neue Organisation, neues Team. Ein langer Weg, sechs Jahre hat die komplette Umstrukturierung insgesamt gedauert, sagt Möller. Doch sie war ein Erfolg: Nach dem Aufnahmeverfahren herrschte im Sommer Gewissheit: Das DWI wird Leibniz-Institut, es wird ab dem 1. Januar „DWI – Leibniz-Institut für Interaktive Materialien“ heißen. DWI bleibt also im Namen erhalten – aus einem bestimmten Grund: „Wir haben eine Geschichte – und von der wollen wir uns auch nicht trennen“, sagt Möller. Leibniz sei für das mit 170 Mitarbeitern relativ kleine Materialforschungsinstitut da der perfekte Partner. „Wir betreiben anwendungsorientierte Grundlagenforschung – das passt in die Leibniz-Gemeinschaft.“ Zudem habe man eine relativ große Freiheit, könne sich die Forschungsprogramme selbst geben. Der Name Leibniz allein öffne zahlreiche Türen, die Gemeinschaft würde mit ihrem Stimmgewicht für ihre Institute eintreten. Nicht zu verachten sei auch der finanzielle Aspekt, sagt Möller. Der Etat habe sich verdoppelt, die Grundfördersumme betrage sicher fünf Millionen Euro.

Der wissenschaftliche Direktor legt aber noch auf etwas ganz anderes großen Wert: die große Nähe zur RWTH Aachen, die auch als Leibniz-Institut weiter möglich ist. „Ohne die Hochschule hätten wir das alles nicht geschafft“, sagt er. Jeder der sechs Professoren, die die wissenschaftliche Leitung des DWI bilden, hat gleichzeitig eine Professur an der Uni inne, RWTH-Studenten schreiben Forschungsarbeiten am DWI. Das „anspruchsvolle Programm“ könne man nur bestreiten, wenn man eng mit der Hochschule kooperiere.

Mit der Ernennung ist das DWI nicht ewig Leibniz-Institut, im Jahr 2020 wird’s eine Evaluierung geben, es muss sich immer wieder neu beweisen. Und wie ginge das besser, als mit erfolgreicher Forschung?

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