Vom Geist des Dienens: Pfarrer oder Manager?

Von: Anna Petra Thomas
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„Ja, ich leite, aber doch nicht für mich, sondern aus dem Geist des Dienens heraus“: Franz Xaver Huu Duc Tran, Pfarrer von St. Martin in Wegberg. Foto: Anna Petra Thomas
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Immer im Gespräch, auch mit den ganz jungen „Schäfchen“, wie hier im Kindergarten mitten in Wegberg: Das ist der Hirte Franz Xaver Huu Duc Tran. Foto: Anna Petra Thomas

Region. In der Weihnachtsgeschichte spielen Hirten eine besondere Rolle. Franz Xaver Huu Duc Tran ist auch einer – im übertragenen Sinne. Er ist Pfarrer von St. Martin in Wegberg – und muss für 18.000 „Schäfchen“ sorgen.

Zuerst befand sich der heutige Pfarrer selbst in einer speziellen Herde Gottes, erlebte er die ersten neun Jahre seines Lebens doch in einer Diaspora. Am 4. August 1971 hineingeboren in das kommunistische Vietnam, gab dem jungen Huu Duc Tran mit dem Taufnamen Phanxicô Xaviê seine katholische Familie ersten und sicheren Halt. Schon in seinen jungen Jahren wurde er fest in seinem Glauben an Gott, der früh zu seinem Hirten wurde und es bis heute geblieben ist.

Schwieriger Anfang

Fest an die Hand nahm ihn dann ein Onkel, dem es gelang, mit ihm auf einem Boot zu fliehen bis in ein Flüchtlingslager auf einer malaysischen Insel. Zwei Jahre später kam er nach Deutschland, nach Stolberg. Seinen Eltern war mit seiner Schwester zwischenzeitlich auch die Flucht gelungen. Erst im Alter von elf Jahren kam Franz Xaver, so jetzt sein deutscher Taufname, hier in Deutschland in die dritte Klasse. „Alt, aber klein war ich“, sagt er und blickt auf den schwierigen Anfang in Deutschland zurück. Zeitgleich sollte er sich in einer ganz anderen Kultur mit einer neuen Sprache zurechtfinden. „Aber dank unseres Glaubens und der gleichen Liturgie haben wir hier schnell eine Heimat gefunden. Gott war mein guter Hirte“, sagt Tran heute im Rückblick.

Von Gott und seinem Glauben ließ er sich führen, von der Hauptschule aufs Gymnasium und weiter zum Theologiestudium in Bonn. „In der pubertären Auseinandersetzung mit den Grundfragen des Lebens war ich mir ganz sicher, dass der Glaube meine eigentliche Heimat ist“, sagt er. Sein praktisches Jahr absolvierte er in Krefeld-Hüls, besuchte dann das Priesterseminar in Aachen mit Anbindung an die Pfarrei in Burtscheid. In seiner Stolberger Heimatpfarrei St. Franziskus wurde er zusammen mit sieben weiteren Weggefährten im Advent 1999 zum Diakon geweiht. Ein Jahr später folgte die Priesterweihe. Zehn Jahre lang war Tran Kaplan in St. Sebastian in Würselen, bevor er 2010 die Gemeinschaft der Gemeinden (GdG) in Wegberg übernahm.

„Das war zunächst eine ganz haarige Geschichte“, erzählt er. Die vom Bistum 2007 angedachte Fusion von Wegberg und Beeck, zwei damals noch selbstständigen Pfarreien, war gescheitert. Sie wur- de verschoben, sollte aber dann 2013 in die Fusion aller zehn bisher selbstständigen Pfarreien im Stadtgebiet Wegberg münden. Zehn kleine Schafherden, die zu einer großen vereint werden sollten. Und ein ganz neuer Hirte, der seine „Schäfchen“ noch gar nicht kannte. „Wir haben viel miteinander geredet“, erinnert sich der Pfarrer heute. „Das war eine ganz intensive Zeit mit einer Woche, die bei 40 Stunden lange nicht endete.“ So aber habe er erfahren, was dem Einzelnen wichtig war. „Ich konnte nicht allen alles ermöglichen. Aber ich versuche auch weiterhin, vielen vieles zu ermöglichen.“

Von Anfang an habe er eine ganz klare Vorstellung von den Strukturen gehabt, die es ihm möglich machen sollten, der Hirte für eine solch große Herde von insgesamt 18.000 Katholiken zu sein und nicht nur der Manager für ein mittelständisches Unternehmen mit rund 100 hauptamtlichen Mitarbeitern, mit zehn Gemeinden, zehn Kirchen, zehn Kapellen, sechs Kindertagesstätten und einem Jugendzentrum. Strukturen aber nicht für ein Gefühl, irgendwo hineingezwungen worden zu sein, sondern im Sinne einer Grundordnung, die den vielen in der großen Herde auch Orientierung geben sollte und heute gibt. Er nennt das: „Rahmenbedingungen, die es mir ermöglichen, weiterhin ein Seelsorger zu sein.“

„Ja, ich leite“, sagt Tran, „aber doch nicht für mich, sondern aus dem Geist des Dienens heraus.“ Sein großes Vorbild ist der heilige Augustinus, Ordensvater, Bischof, Kirchenlehrer (354 bis 430) und der Satz aus einer von ihm überlieferten Predigt: „Mit Euch bin ich Christ. Für Euch bin ich Bischof.“ Vor allem aber setzt Tran auf ein starkes Team, nicht nur auf hauptamtliche, sondern auch auf ehrenamtliche Unterstützung. „Ich stecke im Gespräch mit ihnen die Ziele ab“, sagt er. „Und es gibt viele Ehrenamtler in unserer Pfarrei, die eine hohe Verantwortung tragen. Darauf bin ich stolz.“

Ein Beispiel dafür sind die sogenannten Kindergarten-Kümmerer, die ehrenamtlich alle Aufgaben des Trägers für jeweils eine Kindertagesstätte innehaben. „Sie alle ermöglichen mir, auch heute Hirte sein zu können, immer auf der Suche nach dem Kind in der Krippe, nach Jesus Christus, um den es eigentlich in unserem Glauben geht. Und damit auch um eine der Grundfragen: Warum nennen wir uns Christen?“

Tran ist es wichtig, in diesen Zeiten vielfältiger Veränderungen und Unsicherheiten für „seine Schäfchen“ einerseits eine verbindliche und zuverlässige Gottesdienstordnung zu schaffen und andererseits die Menschen in ihrer Verantwortung für den Glauben ernst zu nehmen.

So ist zum Beispiel das Konzept für die Kommunion ein freiheitliches Konzept, „quasi mit Pflichtgrund- und freiwilligem Erweiterungskurs“, sagt Tran. An vier Sonntagen gibt es an vier Orten eine „KommMa!-Messe“, eine Namenskombination aus „Komm-union“ und „Ma-rtin“ und phonetisch gedacht als „Komm mal her!“ Eine davon muss jedes Kind besuchen. Hinzu kommen der Beichtkurs und zwei diakonische Aktivitäten.

Diese Struktur habe eine ganz ungeahnte Kreativität hervorgebracht, neben von vielen engagierten Eltern geleiteten Gruppenstunden etwa die Gründung eines Kinderchores oder Kurse im Knüpfen von Rosenkränzen. „Religiöse Erziehung beginnt mit der Taufe. Das nehmen die Gläubigen in unserer Pfarrei sehr ernst“, freut er sich.

Über den Glauben reden

Nur bei Beerdigungen ist der Rahmen größer, weniger fixiert. „Die Menschen sterben nicht nach Termin“, sagt der Seelsorger. Deshalb steht er mit seinen priesterlichen Mitbrüdern von montags bis freitags jeden Vormittag für eine Beerdigung zur Verfügung. Zusätzlich übernehmen nachmittags weitere haupt- und ehrenamtliche Beauftragte die Beerdigungen. „Und keine davon geht ohne ein vorheriges Gespräch mit den Angehörigen“, sagt Tran. Das gilt selbstredend auch für Taufe und Hochzeit.

Tran will keine Messe lesen, sondern sie feiern, jedes Mal neu. „Wir alle müssen heute neu lernen, unsere Spiritualität zu leben. Wir müssen lernen, über unseren Glauben überhaupt zu reden, ihn in die Mitte unseres Lebens zu stellen.“ Sinkende Katholikenzahlen stimmen ihn traurig, aber: „Ich habe keine Angst vor der Diaspora. Da komme ich her.“

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