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Vier Weltrekorde und ein ehrgeiziges Ziel

Von: Axel Borrenkott
Letzte Aktualisierung:
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Ehrgeiziges Ziel: Der Kelmiser Alain Vluggen will bei den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro dabei sein. Foto: Jutta Melchers
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Alain Vluggens Laufbahn als Schiedsrichter und Fußballtrainer dauerte nicht lange. Foto: Jutta Melchers

Eupen. An Alain Vluggen kommt man kaum vorbei, jedenfalls nicht in Ostbelgien. Schon der Umfang seines Oberkörpers dürfte jeden Möchtegern-Rowdy ruhigstellen, dem Vluggen in seinem Zweitjob als Security-Man bei Großveranstaltungen gegenübertritt. Dazu müsste er nicht einmal die Arme in Kampfkunst-Pose strecken und den Bruce Lee geben.

Vluggen ist Träger des vierten Dans in der von seinem großen Vorbild entwickelten Kampfkunst Jeet Kune Do. In einer eigenen Schule in Kelmis bringt er damit seinen Schülern Selbstverteidigung bei.

Es dürfte auch in der Region keinen weiteren Menschen geben, der sich mit gleich vier Weltrekorden ins Guinness-Buch der Rekorde geschuftet hat. Für den bislang letzten vor drei Jahren trieb Vluggen 33 Stunden Sport am Stück im Kelmiser Sportzentrum: Kugelstoßen, Badminton, Kampfsport.

Zwei Jahre zuvor hatte er für den kostenpflichtigen Eintrag ins Guinness-Buch 17 pausenlose Stunden als Schiedsrichter Hallenfußballspiele geleitet. Für einen caritativen Zweck, wie er betont, und lachend anfügt: „mein Samariter-Effekt“, ein Anflug von Selbstironie. Seine Laufbahn als Schiedsrichter und Fußballtrainer hat er allerdings nach einem „kleinen Herzinfarkt“ aufgegeben.

35 Mal war Alain Vluggen belgischer Landesmeister in Speer-, Diskus- und Hammerwerfen, die Zeitungen vermerken zudem zahllose Bestleistungen im Kugelstoßen. Einmal holte er sogar Gold bei den Nicht-Behinderten. Sein Facebook-Profil quillt über mit Fotos beim Training, bei Wettkämpfen, Pokale schwenkend, auf Siegerpodesten vor mehr oder weniger leeren Rängen.

Mehrfach hat ihn das ostbelgische Fernsehen eingeladen, um ihn über sein Leben und von seinem großen Ziel erzählen zu lassen: „Rio 2016“, Teilnahme an den Paralympics, den Olympischen Spielen für Sportler mit Behinderung. 44 Jahre alt wird er dann sein. Um nach Rio de Janeiro zu kommen, um die Normen zu erfüllen, muss er noch an mehreren Europa- und Weltmeisterschaften für Behindertensportler teilnehmen. Seine „Supporter“, die Unterstützer werden jeden Wurf auf Facebook dokumentieren und kommentieren.

Nach solchen TV-Sendungen schreiben Zuschauer Kommentare wie „Klasse, Herr Vluggen, Sie sind ein Vorbild“, oder „Er ist für mich der nächste Ostbelgier des Jahres, schon allein, was er alles für seine Mitmenschen macht“. Alain Vluggen hat nämlich auch eine Stiftung gegründet, die „Un sourire pour tous – Ein Lächeln für alle“ heißt und zum Beispiel Menschen unter die Arme greifen will, die ihre Heizöl-Rechnung nicht bezahlen können.

„Unser Verein hat auch eine Patin“, schreibt Vluggen auf der Homepage – auf der er auch einen weiteren Guinness-Rekord-Versuch für dieses Jahr ankündigt –„die niemand Geringeres ist als Sandra Kim, unsere bis jetzt einzige Gewinnerin des Eurovision de la Chanson im Jahre 1986.“ Kim heißt eigentlich Caldarone und gehört zur Familie, was aber nicht auf der Homepage steht.

Am 17. November 1996 hatte Alain Vluggen einen schrecklichen Autounfall. Das könnte all das erklären.

Alain, 1972 geboren, wächst in Kelmis als Sohn von Eltern auf, die im Nachbarort Montzen eine Gaststätte betreiben, die er vielleicht einmal übernehmen soll. Zunächst aber wird er Berufssoldat. Sein „Traumberuf“ wird nach zwei Jahren zum Trauma als er beim Blauhelm-Einsatz in Kroatien Kinder sterben sieht, „vor meinen Augen umgebracht“. Alain verlässt die Armee und sammelt in diversen Jobs Erfahrungen im Hotelfach, um sich auf die Führung der elterlichen Gaststätte vorzubereiten. Ein letzter Schritt als Direktionsassistent fehlt noch.

Am 15. November 1996 meldet sich ein Hotelier aus Luxemburg am Telefon und lädt Alain zur Vertragsunterzeichnung für den 18. November um 18 Uhr ein. „Nur bin ich da nie angekommen.“ Wie oft wird er diesen Satz schon genau so platziert haben ?

Kurz hinter St. Vith, schon auf Luxemburger Gebiet prallt Alain am 17. November gegen 19 Uhr mit seinem Renault 5 frontal mit einem Pkw zusammen, der einen Lkw überholen wollte. Der Fahrer, der viel zu schnell war, stirbt sofort. Zwei Stunden braucht die Feuerwehr, um Alain von dem Motorblock zu befreien, der ihn unter sich begraben hat. Für vier Wochen schicken ihn die Ärzte ins künstliche Koma, in dem er, ein einziger Trümmerhaufen, dutzende Male operiert wird. „Jeden Tag saß meine Mutter von zehn bis zehn Uhr an meinem Bett und führte Tagebuch.“ Hat er sie wahrgenommen? „Ja, ihre Präsenz habe ich gefühlt, da bin ich mir 100-prozentig sicher.“

Als Alain zum ersten Mal wieder seinen Kopf anheben kann sieht er, dass die Bettdecke links unten flach liegt.

Drei Jahre lang erlebt sich Alain als Pflegefall, abhängig von anderen, in einer „Hölle von Schmerzen“, und kann seine Behinderung nicht akzeptieren. Alles aber habe sich geändert, als ihn in der Rehabilitation in Verviers sein Physiotherapeut Marcel mit einem Satz „wie mit einer Schleuder“ trifft: „Sieh‘, was du gewonnen hast, und nicht, was du verloren hast.“

„Da kam mein Wille zurück, mein Wille zu kämpfen.“ Ende 1999 versucht er sich mit einer neuen Unterschenkel-Prothese auf einer Behindertensport-Messe im Kugelstoßen – und schrappt ganze zehn Zentimeter am belgischen Rekord vorbei. „Die haben tagelang bei mir angerufen, um mich für Kugelstoß-Wettkämpfe zu gewinnen.“

Seither kämpft Alain Vluggen ununterbrochen – wahrscheinlich um Anerkennung. „Kämpfen, an sich glauben. Das ist meine Botschaft an andere Behinderte: Nichts ist unmöglich!“ Egal, was Schlimmes passiert sei, „es hat etwas Gutes“. Ohne den Unfall hätte er nicht in der Reha seine spätere Frau Isabelle getroffen und ohne den Unfall hätte er nicht seinen heute elfjährigen Sohn Julian, mit dem er so viel wie irgend möglich zusammen Sport macht.

Seinen Schwiegervater, italienischer Einwanderer in Lüttich, hat Alain mit der Bitte um die Hand seiner Tochter auf Italienisch beeindruckt. Auch das will erzählt sein. „Perfekt auswendig gelernt.“ Längst spricht er tatsächlich perfekt Italienisch, unter anderem. Sein Sprachtalent weiß man im Ministerium der Deutschsprachigen Gemeinschaft zu schätzen, wo er, nach einer Umschulung, neben seinem Hauptberuf in der Schulverwaltung auch am Empfang Dienst tut.

Alain Vluggen will eigentlich nicht mit seinem Schicksal hadern, und doch dreht sich alles um seine Behinderung, deren Dimension er noch nicht gefunden zu haben scheint. Darf man den Grad von Behinderungen von außen beurteilen? Wann kann ein Mensch mit einer Behinderung das Leben ohne die Perspektive seiner Behinderung betrachten? Vluggen schwankt zwischen Sätzen wie: „Es stand so geschrieben“, „Ein neues Kapitel, nicht ein neues Leben“, „Aber das Bein wächst ja nicht mehr dran“.

Die Fragen von damals haben ihn auf jeden Fall noch nicht losgelassen. „Hätte der nicht angerufen, oder wäre ich auf dem Klo gewesen, wäre ich einen Moment früher oder später losgefahren …“. Jedes Jahr vom 15. November an, dem Tag des Anrufs, geht das wieder los, „da kann ich mich auch nicht ablenken“. Und es hört erst um am 17. November um 19 Uhr wieder auf.

Eigentlich hatte Alain Vluggen im Sommer 2006 seine Sportlerlaufbahn beendet. „Das Alter ist erreicht. Ich ziehe es vor, auf dem Höhepunkt meiner Karriere abzutreten“, erklärte er öffentlich. Doch dann habe es ihn angesichts der Paralympics in London im vergangenen Jahr so „gekitzelt“, dass er nun unbedingt wissen will, „was er noch drauf hat“. Auf die Paralympics 2000 und 2004 hatte er sich verbissen vorbereitet und war auch qualifiziert, musste aber beide Male kurz vorher absagen.

„Fünf bis sechsmal pro Woche“

Nun trainiert er wieder, „fünf bis sechsmal pro Woche“, für „Rio 2016. Danach ist endgültig basta“, das musste er seiner Frau versprechen. „Es sieht gut aus, ich gehöre schon wieder zu den Weltbesten in meiner Klasse. Und die Angst zu versagen ist nicht mehr so groß.“ Er müsse sich ja auch „nichts mehr beweisen“. Ein Satz, der wahrscheinlich nie stimmt. Und ist es nicht einfach normal, sich in seinen Vierzigern noch etwas beweisen zu wollen?

Ein Blogger kommentiert Vluggens Comeback so: „Ich zolle dem Behindertensport Respekt, aber das Ganze immer wieder mit HOCH-Leistungssport in Verbindung zu bringen bei zwölf Stunden Training in der Woche, ist einfach nur lächerlich und unglaubwürdig.“ Ein anderer schreibt: „Ich finde es immer bewundernswert, wenn Leute nach einem schweren Schicksalsschlag, der ihr Leben von heute auf morgen komplett auf den Kopf stellt, sich wieder aufraffen und positiv denken.“

Ob Alain Vluggen ganz anders wäre, wenn er diesen Unfall nicht gehabt hätte, glaubt er selber nicht. Es geht um Anerkennung. Nur ist der Aufwand viel größer mit der Behinderung.

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