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U-Bahn-Bau: Weitere Baustellenmängel und Verdacht bei ICE-Trasse

Von: dpa
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U-Bahn Köln
Noch mehr Pfusch beim U-Bahn-Bau: fünf der insgesamt acht neuentstehenden Bahnhöfe trifft mittlerweile der Vorwurf der Schlamperei. Foto: ddp

Köln. Der Skandal um Pfusch beim Bau der Kölner U-Bahn weitet sich aus. Am Freitagabend kündigte der in Köln federführende Baukonzern Bilfinger Berger an, nun auch seine Baustelle an der ICE-Trasse München-Nürnberg zu überprüfen.

Es habe Hinweise der Staatsanwaltschaft auf gefälschte Ankerprotokolle bei den Bauarbeiten an der Hochgeschwindigkeitstrasse gegeben, bestätigte ein Bilfinger Berger-Firmensprecher. Die Hinweise stammen nach einen Bericht des Kölner „Express” (Samstag) aus der staatsanwaltschaftlichen Vernehmung eines ehemaligen Bauleiters des Unternehmens.

Die Staatsanwaltschaft habe auch die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) auf die neuen Verdachtsmomente hingewiesen, sagte ein KVB-Sprecher und bestätigte damit den Bericht des „Express”. Nach dem Zeitungsbericht könnte es an der Station Heumarkt möglicherweise unsicher verankerte Schlitzwandlamellen geben. Der KVB-Sprecher betonte dazu, dass ein aktuelles TÜV-Gutachten von diesem Freitag definitiv Entwarnung für die Standsicherheit des Heumarktes gebe. Dies gelte selbst für den theoretisch angenommenen Fall, dass tatsächlich Stützanker fehlen und Ankerprotokolle gefälscht worden seien.

Am Freitagnachmittag hatte die Kölner Staatsanwaltschaft nach der Vernehmung des Zeugen Räume der Arbeitsgemeinschaft durchsucht, in der die am U-Bahn-Bau beteiligten Firmen zusammengeschlossen sind. Dabei seien umfangreiche Unterlagen sichergestellt worden. Es gebe den Verdacht, „dass Anker nicht oder falsch eingebaut worden sind”, sagte Oberstaatsanwalt Günther Feld.

Zudem wurde am Freitag bekannt, dass weitere Bauprotokolle für zwei unterirdische Baustellen manipuliert worden sein sollen. Das teilten die Staatsanwaltschaft und die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), Bauherrin des Milliarden-Projekts, mit. Damit betrifft der Vorwurf der Schlamperei und krimineller Machenschaften nun schon fünf der insgesamt acht neu entstehenden Bahnhöfe der Nord-Süd-Stadtbahn.

Theoretisch sicherheitsrelevant seien die Mängel aber allein bei der Station Heumarkt, betonte der KVB-Sprecher. Bei allen anderen Stationen sei der Innenausbau bereits soweit fortgeschritten, dass die Schlitzwände auch ohne die nur während der Bauphase nötige Verankerung ausreichend Stabilität hätten. Die Station Waidmarkt, in deren Nähe das Stadtarchiv eingestürzt war, sei weitgehend geflutet und damit stabilisiert worden.

Nach einem Bericht des Kölner „Stadtanzeiger” (Samstag) wurde der Bau am Waidmarkt kaum kontrolliert. Eine Bauaufsicht habe es dort „faktisch nicht gegeben”, hat nach Zeitungsangaben ein Monteur einer Brunnenbaufirma in seiner polizeilichen Vernehmung gesagt. Sein Vorgesetzter habe die Angaben bestätigt. Die Firma des Mannes aus Thüringen hatte mehrere Brunnen in der Baugrube installiert und gewartet. Ihren Angaben zufolge können sich die Brunnenbauer an keine einzige Überprüfung in der Zeit vor der Katastrophe erinnern. Probleme mit dem Grundwasser gelten als eine der möglichen Ursachen für den Archiveinsturz.

An der größten U-Bahn-Baustelle am Heumarkt werden als Folge der Mängel derzeit umfangreiche Sicherungsmaßnahmen getroffen, um die Baugrube vor drohendem Hochwasser zu schützen. Die Sorge der Anwohner wächst. Ab dem Wochenende soll der Pegel steigen.

Oberstaatsanwalt Feld sagte, auch wenn die Ermittlungen nun ausgeweitet worden seien, werde man „in Sachen Eisenbügel und Messdaten-Manipulation” relativ schnell zu einer Aufklärung kommen. Die zweifelhaften Protokolle sollen sich untereinander verdächtig ähneln oder nahezu identisch sein. Stabilisierende Eisenbügel in den Baugruben sollen in großem Umfang nicht eingebaut, sondern stattdessen zum illegalen Verkauf abgezweigt worden sein.

Ermittelt wird gegen etwa ein Dutzend Verdächtigte, auch Beschäftigte von Bilfinger Berger. Erst am Donnerstag hatte der Konzern offensive Aufklärung versprochen, nun sucht er laut „Financial Times Deutschland” bereits einen Nachfolger für seinen Chef Herbert Bodner. Ein Konzern-Sprecher sagte dazu auf Anfrage lediglich: „Wir werden uns an diesen Spekulationen sicherlich nicht beteiligen.” Bodners Vertrag läuft dem Bericht zufolge allerdings erst Mitte 2011 aus.

Angesichts der wachsenden Vorwürfe engagierte der Konzern den Frankfurter Juristen Hanns Feigen als Rechtsvertreter, wie ein Konzernsprecher bestätigte. Feigen hatte bereits den einstigen Infineon-Chef Ulrich Schumacher und Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel vertreten und ist auch Anwalt des früheren Porsche- Vorstandsvorsitzenden Wendelin Wiedeking.

Der Wirtschaftskriminalist Uwe Dolata meinte, der Kölner Fall sei ein Beleg für die immer drastischeren Auswirkungen von Korruption. „Einsturzgefahren, bröckelnder Beton, gesperrte Brücken - all das sind Folgen von Schmiergeld und Kungelei”, sagte der Würzburger Fachmann für Korruption der dpa. Die Baubranche sei über Jahrzehnte hinweg besonders anfällig für Korruption gewesen, weil dort das meiste Geld geflossen sei. „Da ist viel Geld unterwegs und die öffentliche Hand sehr häufig der Auftraggeber.” Unternehmen wie Bilfinger Berger gehe es vor allem um eines: „Aufträge heranklotzen um jeden Preis.”

An einem der U-Bahn-Schächte war das Stadtarchiv am 3. März 2009 eingestürzt. Hier ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung gegen unbekannt, da zwei Menschen ums Leben kamen. Am kommenden Montag sollen nach Verzögerungen die Böschungen an der Einsturzstelle mit Spritzbeton befestigt und gesichert werden, um an die letzten fünf bis zehn Prozent der noch nicht geborgenen Archivalien heranzukommen.

Eine einstündige WDR-Produktion befasst sich mit dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs vor knapp einem Jahr: Der WDR-Bericht von Peter Meisenberg wird in der neuen Reihe „ARD Radiofeature” gesendet und lässt auch viele unabhängige Experten zu Wort kommen. Zu hören sind auf WDR 5 - am 28.2. um 11.05 Uhr und am 1.3. um 20.05 Uhr - auch historische Tonbandaufnahmen des Kölner Autors und Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll, dessen Nachlass sich teilweise im eingestürzten Stadtarchiv befand.

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