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Tod am Gleis: Die unterschätzte Gefahr

Von: Ulrich Simons
Letzte Aktualisierung:
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Lebensgefährlicher Leichtsinn: Vor allem bei Jugendlichen sei es eine beliebte Mutprobe, noch schnell vor dem herannahenden Zug die Schienen zu überqueren, sagt die Bundespolizei. Foto: stock/biky

Aachen. Zwischen Leben und Tod liegt manchmal weniger als eine Sekunde. Auch im Fall einer Familie aus der Städteregion. 20 Meter vor ihnen hatte am Pfingstmontag ein Lokführer seine Regionalbahn mit einer Notbremsung zum Stehen gebracht.

Vater, Mutter und zwei Kinder spielten am Nirmer Tunnel im Aachener Stadtteil Eilendorf auf den Gleisen Schnitzeljagd, als der Zug mit Tempo 90 heranrauschte. Das sind 25 Meter pro Sekunde. Hätte der Lokführer die Gruppe auf den Gleisen nur eine Sekunde später erkannt, wären wahrscheinlich alle tot gewesen.

Knut Paul ist Sprecher, sein Kollege Hans Kamerseder der Präventionsbeauftragte der Bundespolizeiinspektion Aachen. Beide haben ihre Büros im gerade neu eröffneten Dienstgebäude am Aachener Hauptbahnhof.

Knut Paul hat auf seinem Computer eine schockierende Sammlung von Fotos. Es sind Bilder von Menschen, die weniger Glück hatten als die Schnitzeljäger am Tunnel in Aachen, oder die ihrem Leben vorsätzlich ein Ende gemacht haben. Dass es Menschen sind, erkennt man auf manchen Fotos erst bei genauem Hinsehen. Abgetrennte Gliedmaßen, auf einem anderen Bild liegt ein Mann im Gleisbett. Der Hals ist ein blutiger Stumpf, der Kopf fehlt.

Aus Steinen werden Geschosse

„Es gibt Leichen, die sind auf einer Strecke von 250 Metern verteilt“, sagt Knut Paul. Auch er war oft bei solchen Unfällen. Bis es irgendwann nicht mehr ging. Denn es gebe meist nicht nur ein Opfer, wenn es bei der Bahn heißt: „Unfall mit Personenschaden“, sagt Hans Kamerseder. Viele Lokführer steigen traumatisiert aus dem Führerstand, manche bleiben dauerhaft dienstunfähig. Früher bot der Beamtenstatus noch eine gewisse Sicherheit, heute steht am Ende nicht selten die Arbeitslosigkeit und der Absturz auf Hartz-IV-Niveau. Polizisten, Feuerwehrleute – selbst an den Bestattern, die am Ende die Leichenteile aufsammeln müssen, geht das nicht spurlos vorbei, vor allem, wenn Kinder die Betroffenen sind.

Was geht in Menschen vor, wenn sie offenbar jedes Bewusstsein für die Gefahren verlieren, die am Bahndamm lauern? Manchmal sei es einfach nur fehlgeleitete Neugier, sagt Hans Kamerseder. Oder Langeweile. Ähnlich wie bei Steinewerfern auf Autobahnbrücken. „Mal gucken, was passiert.“ So wie bei den Zeitgenossen, die vor einiger Zeit bei Erkelenz von einer Brücke Zeitungspakete auf Züge warfen. Es sind Vermutungen. Die meisten sind beim Eintreffen der Bundespolizei längst weg. Oder tot.

Hans Kamerseders Tätigkeitsfeld als Präventionsbeamter sind vor allem Schulen in der Nähe von Bahnanlagen, „weil es so ab der dritten Klasse losgeht“. Und weil die Häufigkeit der Zwischenfälle am Gleis mit der Dichte und der Nähe der umliegenden Bebauung zunimmt. Vorzugsweise in der unterrichtsfreien Zeit, wenn die Eltern zur Arbeit und die Kinder weitgehend sich selber überlassen sind. „Das Kind verlässt morgens das Haus und kommt am Abend wieder“, sagt Hans Kamerseder. Was es dazwischen mache, wüssten viele Eltern nicht. Bis es im schlimmsten Fall nicht mehr wiederkommt.

Kleinere Kinder legten oft Münzen oder Steine auf die Schienen und dächten nicht daran, dass die Steine bei Überfahrt des Zuges zu scharfkantigen Geschossen werden, die schwere Verletzungen hervorrufen können. Bei Jugendlichen gehe es in der Regel um Mutproben der Art, wer als Letzter vor dem Zug wegspringe.

Wenn Erwachsene im Gleis gemeldet werden – und das passiere in der Region vier- bis fünfmal pro Woche – stecke oft Bequemlichkeit oder alte Gewohnheit dahinter. Wie zum Beispiel in Alsdorf zwischen Kellersberg und Mariadorf. Jahrelang hatten Anwohner dort ein stillgelegtes Gleis als Abkürzung überquert, bis die Strecke vor wenigen Jahren reaktiviert wurde und seitdem alle 30 Minuten die Euregiobahn vorbeikommt. Ein ähnliches Problem gebe es zwischen Heinsberg und Lindern, berichtet Hans Kamerseder. Auch hier waren Menschen jahrelang über ein stillgelegtes Gleis gelaufen. Jetzt fährt dort wieder der Zug.

„Die Gefahr wird in der Regel völlig unterschätzt“, sagt Knut Paul. Denn im Gegensatz zu Dampf- und Dieselloks früherer Generationen seien die Züge heute nicht nur wesentlich leiser, sondern auch schneller.

Zudem ist der Gleisunterbau heute lärmoptimiert. Die Schienen, vor allem auf Hochgeschwindigkeitsstrecken, werden miteinander verschweißt und die Nähte anschließend geschliffen. Die Folge: Wo es früher rhythmisch klackte, surrt es nur noch. Das charakteristische Fahrgeräusch der Bahn ist nicht mehr zu hören.

Hinzu kommt: Bei den hohen Fahrgeschwindigkeiten hat der Lokführer kaum noch eine Chance, Hindernisse auf seinem Fahrweg rechtzeitig wahrzunehmen und zu reagieren. Knut Paul drückt das so aus: „Der Lokführer fährt nach Signalen, nicht auf Sicht.“

Und auch neben dem Gleis lauern zahlreiche Gefahren. Durch die hohe Geschwindigkeit entstehen entlang der Züge Verwirbelungen, die selbst einen Erwachsenen von den Beinen reißen können. Die Breite dieses Gefahrenbereichs ist abhängig von der Fahrgeschwindigkeit. Bei 280 Kilometern pro Stunde liegt der empfohlene Sicherheitsabstand bei rund dreieinhalb Metern. So viel Platz gibt es links und rechts vom Gleis in keinem Tunnel.

Selbst, wenn die gefahrenen Geschwindigkeiten im Aachener Buschtunnel auf der Strecke nach Belgien geringer sind: Die beiden jugendlichen Handy-Fotografen, die die Bundespolizei dieser Tage dort ertappte, schwebten in größerer Gefahr als ihnen möglicherweise bewusst war.

„Bahnanlagen sind keine Abenteuerspielplätze“, wird die Bundespolizei nicht müde zu warnen. Doch nicht überall ist die Botschaft angekommen. Und dann erzählt Hans Kamerseder von der Kindergärtnerin, die es tatsächlich gegeben hat, und die für den Muttertag mit einer Gruppe Kindern am Bahndamm Blumen pflückte. Irgendwann sei dann ein Thalys vorbeigeschossen. Erst da habe die Frau, eigentlich eine Erziehungsfachkraft, erschrocken ihre kleine Schar eingesammelt und in Sicherheit gebracht.

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