Tobias Paulus kam, sprach und siegte

Von: Christina Diels
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Aachen/Berlin. Soll die Promillegrenze für Radfahrer herabgesetzt werden? Sollen Personen, die nicht kirchensteuerpflichtig sind, verpflichtet werden, einen Beitrag in gleicher Höhe an eine andere gemeinnützige Organisation zu zahlen? Soll in Nordrhein-Westfalen im „Fracking“-Verfahren Erdgas gewonnen werden? Alles Streitfragen, mit denen sich Tobias Paulus (18) schon auseinandergesetzt hat.

Wenn Paulus eine Position vertreten soll, tauscht er nicht einfach kühl Argumente aus. Er debattiert leidenschaftlich.

Und vor allem: Ihm gehen die Argumente nicht aus. „Ich kann mich zumindest nicht daran erinnern“, sagt Paulus, der im Juni den Wettbewerb „Jugend debattiert“ in seiner Altersgruppe gewonnen hat. „Und selbst wenn mir die Argumente ausgehen würden, beim Wettbewerb lernt man, auch damit umgehen zu können“, sagt Paulus, der gerade am Aachener Pius-Gymnasium sein Abitur bestanden hat.

Das erste Mal trat Paulus in einer Projekt-AG der Schule ans Rednerpult vor etwas mehr als anderthalb Jahren. Jetzt darf er sich als Deutschlands bester Nachwuchs-Redner vorstellen. Tut er aber nicht. Dafür ist der Aachener zu bescheiden. „Ich maße mir nicht an zu sagen, dass ich der Beste bin“, sagt er. „Vielleicht war eine Portion Glück dabei oder den Juroren hat gerade mein Redestil gefallen. Die besten vier von 155.000 sind vermutlich alle gleich stark.“

Alle vier Finalisten und zwei Nachrücker gewinnen ein einwöchiges Rhetorik-Training. „Tobias hat alle Anlagen mitgebracht, die man zum debattieren braucht“, sagt Lehrerin Christel Ellerich. Sie hat den Projektkurs geleitet, in dem 15 Schüler, darunter Paulus, im Schuljahr 2011/2012 das Format der Debatte kennengelernt haben. Sie haben gesehen, wie Debatten funktionieren, wie Reden aufgebaut sind, haben Redetechniken eingeübt und Woche für Woche Pro- und Kontra-Argumente ausgetauscht.

„Tobias ist politisch und gesellschaftlich interessiert, er hat sprachlich keine Probleme, und er besitzt die Gabe, gut reagieren zu können auf verbale Attacken“, zählt Ellerich auf. Und er habe Spaß daran, die Position der Gegenseite zu entkräften. Unabhängig davon, welchen Standpunkt er vertritt. Denn – mit Ausnahme des Bundesfinales – werden die Positionen zugelost. „Man muss sich grundsätzlich auf beide Seiten vorbereiten, weil man sonst nicht weiß, welche Argumente die andere Seite bringt“, sagt Paulus.

Nur noch Ganztagsschulen?

Es stört ihn nicht, wenn er eine Seite vertreten muss, die nicht seine persönliche Meinung widerspiegelt „Außer das Thema berührt mich selbst, dann brenne ich natürlich dafür“, sagt er. Wie geschehen im Bundesfinale: Soll in Deutschland jede weiterführende Schule Ganztagsschule sein? Paulus ist dagegen.

Wenn Paulus hinter das Rednerpult tritt, sieht er die Mitdebattanten nicht als Gegner. „Es ist eher wie ein Mannschaftswettbewerb“, sagt er. „Die Debatte lebt davon, dass es Niveau gibt. Und wenn man sich fertig macht, kommt man nicht weiter.“ Der erste Anlauf im Wettbewerb 2011/2012 war vorzeitig beendet für Paulus. Doch Lehrerin Ellerich ermutigt ihn, es erneut zu probieren. Sie bereitete ihn noch besser vor, in Einzeltreffen. „Das hat sehr geholfen“, sagt der Schüler.

Geholfen haben ihm auch seine Eltern. Zum einen dadurch, dass er im Alltag oft mit ihnen Argumente ausgetauscht hat. 18 Jahre Training also. Und zum anderen greift er auf ihren Sachverstand zurück. „Meine Mutter ist Lehrerin, da konnte ich vor der Finalfrage zur Ganztagsschule mit ihr reden“, sagt er. Und in der Runde vor dem Finale ging es um die Frage: Soll die Selbstanzeige bei Steuerhinterziehung nicht mehr strafbefreiend wirken? Da holte sich Paulus bei seinem Vater, Sachgebietsleiter im Finanzamt Jülich, Tipps für das Für und Wider.

Gründlich recherchiert

Die Streitfragen für die Debatten im Wettbewerb bekommen die Teilnehmer immer zehn Tage vorher. Genügend Zeit also, sich vorzubereiten. „Man muss recherchieren, wie die Pro- und Kontra-Argumente sind, welche Daten und Fakten es gibt und auch welche exponierten Persönlichkeiten sich dazu geäußert haben“, sagt Ellerich. Paulus recherchiert gründlich. Und er behält den Überblick. Selbst wenn viele Argumente fallen.

Wie es nach dem Abitur weiter geht, weiß Paulus noch nicht. Gerade tendiert er dazu, sich an der RWTH Aachen für Wirtschaftsingenieurwesen einzuschreiben. Er habe aber auch schon an Medizin, Jura und BWL gedacht. Ein junger Mann mit vielen Interessen und vielen Neigungen. Das macht ihm die Studienauswahl schwer. Im Wettbewerb hat es ihn nach vorne gebracht. Der Gewinner muss vielfältig interessiert sein. „Man kann nicht einfach nur ein Mathefreak sein, das reicht nicht“, sagt Paulus.

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