Aachen - Titel-Kampf um Dipl.-Ing. und Master

Titel-Kampf um Dipl.-Ing. und Master

Von: Axel Borrenkott
Letzte Aktualisierung:
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„Europa ist reich an Wissenschaftskulturen”: Neuer TU9-Präsident und RWTH-Rektor Ernst Foto: Michael Jaspers

Aachen. Mit seiner Forderung, den „akademischen Grad Diplom-Ingenieur zu sichern”, hat der Rektor der RWTH Aachen, Ernst Schmachtenberg, 57, eine Welle von Reaktionen in der hochschulpolitischen Landschaft ausgelöst. Beabsichtigt oder nicht, facht der Titel-Kampf die Auseinandersetzungen um die Studienreform erneut an.

Kultusminister drängen auf Einhaltung der Bologna-Beschlüsse zu Bachelor und Master. Während die Dauerkritiker der Reform Beifall klatschen, sollen sich Kollegen anderer Fakultäten in der Hochschulrektoren ziemlich über Schmachtenberg ärgern.

Der RWTH-Rektor hatte in der vergangenen Woche seine Forderung zum Erhalt des guten alten deutschen „Dipl.-Ing.” in seiner neuen Funktion als Präsident des Verbands der neun führenden technischen Universitäten Deutschlands (TU9) formuliert. Das Amt hatte Schmachtenberg von Horst Hippler übernommen. Der Leiter des Karlsruher Instituts für Technologie war Gründungspräsident der TU9.

Ohne öffentliche Wirkung

Der Verband hatte sich im Jahr 2005 als Interessenvertretung der wichtigsten technischen Universitäten formiert, nicht zuletzt um Schadensbegrenzung gegen den vor allem unter Ingenieurwissenschaftlern von Anfang an ungeliebten Bologna-Prozess zu betreiben. Forderung, den Titel Dipl.-Ing. „als Markenzeichen deutscher Ingenieure zu erhalten”, ist quasi Satzungsbestandteil der TU9. Auf ihrer Website heißt es unter „Studienanschlüssen” ausdrücklich: „Den TU9-Universitäten ist es wichtig, den Titel Diplom-Ingenieur´ als Übersetzung des akademischen Grad Master of Science´ beizubehalten.”

Der wortgewaltige und ziemlich mediengewandte Präsident der TU München, Wolfgang Herrmann, hatte sich Ende 2004 gar entschlossen gezeigt, „diesen Schildbürgerstreich einer unbeherzten Politik zu verhindern. Der Diplom-Ingenieur ist ein in aller Welt hochgeschätztes Markenzeichen. Kein Unternehmen würde daran denken, seine bewährte Marke aufzugeben, nur weil er eine neue Produktserie auflegt”.

Und was Schmachtenberg jetzt als Argument gegen den internationalen Titel „Master” ins Feld führt („nirgends in den Bologna-Erklärungen finde ich den Hinweis, dass der akademische Grad Dipl.-Ing.´ nicht mehr vergeben werden darf”), hat sein Vorgänger bereits Anfang Dezember 2009 in einem Appell an die Kultusminsterkonferenz vorgetragen - ohne dass es eine bemerkenswerte Wirkung in der Öffentlichkeit gehabt hätte.

Andererseits propagieren Hippler, die TU9 als Ganzes und jetzt auch Schmachtenberg offensiv ihre Befürwortung und Unterstützung des gesamten Bologna-Prozesses. Schmachtenberg: „Mit großem Engagement haben wir gerade auch in den Ingenieurwissenschaften die Umstellung vom einstufigen Diplomstudiengang auf den zweistufigen Master-Studiengang vollzogen. Damit bekennen wir uns zum Bildungsraum Europa, setzen die Bologna-Ziele um und versuchen zugleich mit dieser Studienreform, die Abbrecherquoten zu senken.”

Gleichwohl hat Schmachtenberg mit seiner Wiederbelebungs-Attacke ein Fass aufgemacht, in dem es derzeit einige Wellen schlägt. Während sich das NRW-Wissenschaftsministerium noch zurückhält, ließ das hessische schon verlauten, dass es „nicht zu einer Konkurrenz zwischen Master und Diplom” kommen dürfe, heißt es in der „taz”. Der Hochschulverband, noch nie ein Freund von von Bologna, frohlockt: „Die TU9-Universitäten haben Recht”, so der Präsident Bernhard Kempen im Uni-Spiegel.

Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Margret Wintermantel, die den Protest der Studenten gegen Bologna im vergangenen Jahr erst akzeptierte, als er unübersehbar erfolgreich war, scheint eher den neuen Titel retten zu wollen: „Der deutsche Master entwickelt sich bald in den Ingenieurwissenschaften zu einem internationalen Markenzeichen.”

Das könnte man als diplomatisch geglättete Kampfansage der HRK-Führung an einige ihrer mächtigsten Mitglieder verstehen. Die „Extrawurst” (Spiegel) der technischen Universitäten droht den Ärger anderer Fakultäten heraufzubeschwören und noch mehr Unsicherheit in den wackeligen Bologna-Prozess zu bringen.

Zu den TU9 gehören neben der Aachener die technischen Hochschulen von Berlin, Braunschweig, Darmstadt, Dresden, Hannover, Karlsruhe, München und Stuttgart.
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