Tihange und Doel: Harte Kritik an der belgischen Atomaufsicht

Von: Christian Rein
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Tihange
Behörde unter Druck: Kernkraftgegner und europäische Grüne erwarten von der belgischen Atomaufsichtsbehörde FANC Antworten auf ihre Fragen zu den belgischen Kernkraftwerken Tihange 2 (Bild) und Doel 3. Foto: dpa

Brüssel/Aachen. Vor rund zwei Wochen sind die beiden defekten belgischen Kernkraftwerke Tihange 2 und Doel 3 überraschend abgeschaltet worden. Betreiber Electrabel sprach von einer „Vorsichtsmaßnahme“. Nun haben das Aachener Aktionsbündis gegen Atomenergie und die europäischen Grünen einen Expertenbericht vorgelegt, der die belgische Atomaufsichtsbehörde kritisiert. Der Vorwurf: Die Behörde handele verantwortungslos.

Aus Sicht der belgischen Atomaufsichtsbehörde FANC, die in der schicken Raven­steinstraat im Herzen von Brüssel residiert, mag Aachen relativ weit entfernt sein. Ist ja schon Ausland. Und was geht es die Deutschen an, wie die Belgier mit ihren Kernkraftwerken umgehen? Mit dieser Haltung, so zumindest der Eindruck, behandelte die FANC stets die hiesigen Kernkraftgegner in der bereits fast zwei Jahre dauernden Auseinandersetzung um die Sicherheit der belgischen Atomreaktoren Tihange 2 nahe Lüttich und Doel 3 nahe Antwerpen.

Nun ist das Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie der FANC deutlich auf die Pelle gerückt. Im Europäischen Parlament, also ebenfalls im Herzen von Brüssel, stellte die Gruppe am Donnerstag zusammen mit den europäischen Grünen einen Expertenbericht vor, der in den vergangenen Wochen im Zuge einer Tagung in Aachen erarbeitet worden ist.

Der Bericht, der unserer Zeitung vorliegt, zieht die Sicherheit der beiden Reaktoren massiv in Zweifel. Zudem wird das Vorgehen der FANC heftig kritisiert, die nach langwierigen Untersuchungen trotz erheblicher Zweifel im vergangenen Mai die Erlaubnis erteilt hatte, die Reaktoren wieder ans Netz zu bringen. Nach neuerlichen Tests der FANC sind sie inzwischen allerdings wieder abgeschaltet.

In der Auseinandersetzung geht es um rund 8.700 Risse (Doel 3) beziehungsweise rund 2.000 Risse (Tihange 2), die 2012 in den Druckbehältern der Reaktoren entdeckt worden sind. Doch wann und warum sind sie entstanden? Und wie beeinflussen sie die Stabilität des Druckbehälters und damit die Sicherheit der Reaktoren? „Das Hauptproblem ist, dass die FANC bei ihren Untersuchungen durchgängig keinen konservativen Ansatz gewählt hat“, sagte Jörg Schellenberg vom Aachener Aktionsbündnis. „Sie ist also nicht vom schlechtesten anzunehmenden Fall ausgegangen.“

Gleichzeitig hielt Schellenberg der Aufsichtsbehörde vor, sie habe die Warnungen von Experten ignoriert, die sie selbst beauftragt hatte. Diese hätten bereits vor einer größeren Versprödung des Stahls im Druckbehälter gewarnt. Im endgültigen Report der FANC, mit dem sie das Anfahren der Reaktoren 2013 wieder freigegeben hatte, tauche dieser Hinweis aber gar nicht mehr auf. Vor kurzem seien die Reaktoren aber wieder abgeschaltet worden, weil neuerliche Tests genau diese Annahme weiter gestützt hätten. „Mit der Entscheidungen, die Reaktoren wider besseren Wissens zu starten, hat die FANC das Leben von Millionen Menschen wissentlich gefährdet“, sagte Schellenberg. „Ein so skrupelloses Verhalten ist für eine Aufsichtsbehörde unfassbar.“

Warum stets von Annahmen die Rede ist, es aber quasi unmöglich ist, eine präzise, endgültige Aussage zu machen, erläuterte Ilse Tweer. „Der Betreiber behauptet etwa, dass die Risse bereits bei der Herstellung entstanden sind“, sagt die Materialwissenschaftlerin, die sich seit Jahrzehnten mit Strahlenschäden an Kernreaktoren befasst. Sie ist eine von sieben Experten, die an der Aachener Tagung teilgenommen haben. Dazu gehören auch der Risikoforscher Wolfgang Kromp oder Dieter Majer, der bis 2011 technischer Leiter der deutschen Atomaufsicht war. „Der Betreiber muss natürlich so argumentieren“, sagte Tweer. „Wenn die Schäden nämlich im Betrieb entstanden wären, müssten die Reaktoren abgeschaltet werden.“ Tweer hält die Argumentation allerdings für eine Vermutung, denn ein Nachweis für ihre These blieben der Betreiber Electrabel und die FANC bislang schuldig.

„Unser Expertenbericht zeigt deutlich, dass die belgische Aufsichtsbehörde im vergangenen Jahr vorschnell grünes Licht für die Wiederinbetriebnahme der beiden defekten Reaktoren gegeben hat. Sie ignorierte die zahlreichen offenen Fragen und Warnungen von Experten“, sagte Rebecca Harms, Grünen-Fraktionschefin im Europäischen Parlament. „Angesichts der katastrophalen Folgen, die mit dem Bersten eines Reaktordruckbehälters verbunden wären, ist das vollkommen verantwortungslos. Solange die Herkunft der Fehlstellen nicht zweifelsfrei geklärt werden kann, müssen Doel 3 und Tihange 2 stillstehen.“

Es bleiben: 56 Fragen an die FANC. Diese haben die Experten bei der Aachener Tagung nach der Auswertung aller vorliegenden Informationen und Berichte formuliert. Die Aachener Aktivisten haben sie am Donnerstagnachmittag zusammen mit ihrem eigenen Abschlussbericht an die FANC übergeben.

Dafür, dass die Behörde das Anliegen ernstnimmt, soll politischer Druck sorgen, den die europäischen Grünen ausüben wollen. Der belgische Europaabgeordnete Bart Staes verwies in diesem Zusammenhang auf die Vergangenheit von FANC-Chef Jan Bens, der vor seiner Berufung jahrzehntelang in verantwortlicher Position für Electrabel gearbeitet hat. „Deshalb haben wir kein Vertrauen in Jan Bens und die FANC“, sagte Staes. „Aber wir wollen politischen Druck ausüben, damit wir echte Antworten erhalten.“

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